und nur daran dachte : morgen sehe ich ihn wieder und fühle noch einmal seine milde gute Hand . Und dann sein Telegramm : Wiedersehen ausgeschlossen . - Es ist wie eine ewige Wiederholung , die durch mein Leben geht . - Meine Mutter , die mir sagen ließ : Du gehörst nicht mehr hierher - ; dann Henryk - , aber der gab mir wenigstens noch die Hand . Und nun auch Reinhard , der mich geliebt haben will . - Das ist also immer das letzte , was Liebe geben kann ! - Sie wissen alle nicht , was Liebe ist - sind alle hart . Es war Sonntagmorgen und alle Glocken läuteten , ich wußte nicht wohin , um allein zu sein , und bin in eine von den großen Kirchen gegangen . Und da habe ich lange hinter einem Pfeiler gesessen und daran gedacht , daß wir beide ganz allein auf der Welt sind - ich und mein Kind . Wenn es wüßte , wie viel Liebe seiner wartet , mir war beinah , als ob ich laut zu ihm sprechen müßte . 15. April Jetzt gilt es vor allem Arbeit suchen , mit der ich etwas verdienen kann - es hat sich auch allerhand gefunden - Schreibereien , eine Arbeit , die mir im Grunde nicht liegt und mich nicht freut . Aber was soll man machen ? Die Reise hat für diesen Monat alles verschlungen - ich habe nur noch eine Matratze zum Schlafen - alles andere ist ins Leihhaus gewandert . 25. - - Niemand weiß , wo ich bin . Ganz heimlich bin ich fortgegangen , ohne Abschied . - Nur Bel-ami war den letzten Abend noch da , wir saßen bis spät in die Nacht in dem leeren Atelier auf zwei Koffern . - Ob er etwas davon fühlte , wie bange und traurig mir war ? Und am nächsten Morgen fort , ganz allein . - Nur die alte Hausmeisterin weinte - ja , nun hätte sie niemand mehr . Ich sehnte mich so danach , ganz allein zu sein , aber nun weiß ich die Einsamkeit nicht zu ertragen - von einem Ort bin ich zum andern gefahren , überall kam es mir unerträglich vor , auch nur einen Tag zu bleiben - immer neue , fremde Gesichter , die mir von feindlicher Neugier erfüllt schienen , mich bis in die Träume hinein verfolgten . Ich will ruhig sein und nur an mein Kind denken . Aber das Heimweh reißt an mir , Heimweh nach jedem Stückchen Heimat , das ich jemals besessen habe - selbst nach meinem öden Atelier in München . Nur nach einem Fleck auf der Welt sehne ich mich , wo ich mich still und müde hinlegen könnte und nur ein Mensch um mich wäre , der mir ein gutes Wort sagt . Mir ist , als hätte ich die letzte Stätte verloren , keinen Boden mehr unter den Füßen - ganz allein auf öder Landstraße , mit dem ungeborenen Leben unter meinem Herzen . Und wir beide allen Stürmen überlassen - wohin werden wir treiben - wohin geht unsere Straße ? In einem kleinen abgelegenen Wirtshaus unten am See habe ich mich niedergelassen und gleich angefangen zu arbeiten , um die Gedanken niederzuzwingen . Dazwischen weite Gänge ins Land hinein oder den See entlang . Es hilft alles nichts - ich weiß nicht , warum diese rastlose , drängende Schwermut sich immer dunkler auf mich herabsenkt - , als ob alles Leid und Weh , das man jemals erlitten hat und noch erleiden kann , alle Schmerzen , die mir getan wurden , und die ich anderen tat , - jedes unerfüllte und unerfüllbare Sehnen - , als ob jede wehe Erinnerung und jeder ferne Klang sich zusammenballte zu einer unentwirrbaren , unerträglichen Qual , die keinen Lichtstrahl mehr durchläßt . - Warum es immer finsterer wird in mir , warum ich aufschreien möchte , wenn die Sonne scheint und der Frühling um mich her leuchtet ? Der Sturm der letzten Tage hat nachgelassen ; ich ging am See hin gegen Abend , und es kam wieder eine etwas mildere Stimmung über mich . Alles war so still : auf der einen Seite das weite , dämmernde Land mit seinen weißen Obstbäumen und zur andern die blauen , verschwimmenden Ufer . Und doch immer wieder die Gedanken , die nicht weichen wollen - : wenn nun auch das Kind mir wieder genommen würde , oder ich selbst sterben müßte und es zurücklassen . Wäre es denn nicht besser , jetzt noch freiwillig hinabzugehen und es mit mir zu nehmen ? Manchmal ist mir , als ob ich hellsehend wäre und wüßte , daß es so kommen muß . Und wie eine Melodie , die mich nicht losläßt , klingt es in mir bei jedem Schritt : nur sterben , nur sterben . Ich horche in ewiger Todesangst darauf , ob das Kind sich regt in mir , und wenn ich es nur eine Stunde lang nicht fühle , dann glaube ich , nun ist alles vorbei und wir sind beide verloren . Sonntagnachmittag Der Anblick von Menschen macht mich krank , und heute kommen sie scharenweise hier heraus . Mir wird dann , als ob ich von Gefahren umringt wäre , mich verteidigen müßte , wenn ich nur ein fremdes Gesicht sehe . So habe ich mich in mein Zimmer geflüchtet - am offenen Fenster mit dem weiten Blick in sommerliches Grün . Ich sehe auf den langen , gewundenen Weg zwischen den Bäumen und denke daran - , wenn jetzt auf diesem Weg jemand zu mir herkäme und mich aus meiner einsamen Angst erlöste . Gegen Abend das Boot losgemacht und weit auf den See hinausgefahren , jetzt wieder oben - der Sonntagslärm schallt zu mir herauf , und da draußen die blütenweiße Sommernacht . Wenn man nur schlafen könnte , eine einzige Nacht ruhig schlafen . So kann es nicht weitergehen ,