Rudolf stieg auf das Podium ; das Summen der im Saal geführten Gespräche verstummte , erwartungsvolles Schweigen stellte sich ein . » Ich habe Herzklopfen , « flüsterte Martha dem nebensitzenden Kolnos zu . Sie war nicht die einzige . In einer der letzten Reihen - sie war vom Hause entschlüpft und mit einer Freundin hierher gekommen - saß Cajetane Ranegg und ihr Herz und alle ihre Pulse pochten so heftig , daß ihr beinahe die Besinnung verging . Dotzky selber zitterte nicht . Es war ja nicht das erstemal , daß er zu einer versammelten Menge sprechen sollte . Während seiner gescheiterten Wahlkampagne hatte er es häufig getan und dabei seine Fähigkeit erprobt , Stimme und Rede zu beherrschen . Hier war es freilich etwas anderes , aber etwas , das ihm ein erhöhtes Gefühl überlegener Sicherheit gab ; nicht um etwas von den Versammelten zu erreichen , stand er da , sondern um ihnen etwas zu geben . Er trat an das Pult , das vorn am Podium stand , und stellte sich seitwärts dazu , mit den Ellenbogen sich daran lehnend . Es lag keinerlei Manuskript auf dem Pult und er hielt auch keines in der Hand - er wollte frei sprechen . Mit lauter , fester Stimme hub er an : » Ihr Unzufriedenen ! Vorerst nur an diese , an die Unzufriedenen hier im Saale wende ich mich - Ihnen hab ' ich eine Botschaft zu verkünden : es wird besser werden ... Vielleicht bald , vielleicht noch lange nicht - das hängt von der Zahl und der Arbeit der Unzufriedenen ab . Aber unter denjenigen hier , die diese Ansprache auf sich beziehen können , muß ich - sollen meine Worte nicht an eine falsche Adresse gehen - genauer sichten , welche Gattung Unzufriedener ich meine . Jene sicher nicht , die damit unzufrieden sind , daß man allenthalben beginnt , an alten Zuständen zu rütteln ; auch jene nicht , die ihrer Unzufriedenheit durch Schimpf und Gehässigkeit Luft machen wollen - eine Methode , die von der Hetzrede bis zur geschleuderten Bombe reicht - und ebensowenig jene , die mit ihrer eigenen zufälligen Privatlage unzufrieden sind und nun wünschen , daß bloß diese - im Rahmen der bestehenden Verhältnisse , so viel auch andere davon bedrückt werden - sich zum Besseren gestalte . Nein , weder zu den Quietisten - im Sinne von quieta non movere - , noch zu den Anarchisten der Tat , noch zu den einfachen Egoisten rede ich , sondern zu denen , die ein heiliger Unmut erfüllt gegen das Unglück aller Bedrängten und Bedrückten - und ein heiliger Wagemut dazu , das Unglück wegschaffen zu wollen - für sich und für andere . Doch einzig mit Mitteln , die eben so rein seien , wie der Zweck . Nun will ich die Dinge herzählen , mit denen wir unzufrieden sind und sein müssen , wenn anders es wirklich besser werden soll . « Er machte eine kleine Pause und veränderte seine Stellung . Dann begann er mit gleichfalls verändertem Ton die angesagte Herzählung . Eins nach dem andern ließ er die Zustände und Einrichtungen Revue passieren , die das Ungemach und die Qualen des gegenwärtigen Gesellschaftslebens verschulden . An jede einzelne seiner Anklagen - denn indem er die Zustände nannte , klagte er sie an - knüpfte er eine Schilderung , beinahe eine Erzählung . Es war wie eine Reihe vorgeführter Bilder , fertig und lebensvoll : Arbeiterelend , Frauenerniedrigung , Soldatenmißhandlung , Konfessions- und Rassenhader , das Schicksal der Arbeitslosen und was sonst der beklagenswerten Erscheinungen in der herrschenden Gesellschaftsordnung mehr sind . » Eine Gesellschaftsordnung , die auf Privilegien aufgebaut , auf Gewalt gestützt , und von Ungerechtigkeit und Unwissenheit durchseucht ist . Eine Gesellschaftsordnung , die zwar alle Tugenden und Gebote kennt und verkündet , deren Herrschaft und Befolgung allgemeines Glück verbreiten würden - nämlich die Tugenden : Milde , Großmut , Nächstenliebe - Feindes liebe sogar ; die Gebote : töte nicht , lüge nicht , neide nicht ; die aber alle diese schönen Dinge in die Moralhandbücher , in die Religionsstunden , eigentlich ins Jenseits verbannt , im öffentlichen Leben aber ohne Geltung läßt und in ihren staatlichen Institutionen geradezu ins Gegenteil verkehrt . « Etwas wie ein eisiger Hauch wehte den Redner an . Hatte er leises Murren oder das Räuspern des Polizeiorgans gehört , oder war es nur jener geheimnisvolle Rapport , der zwischen einem Vortragenden und der ihm lauschenden Menge sich einstellt ? - Kurz , er wurde plötzlich gewahr , daß ein Teil der Zuhörerschaft tadelnden Widerspruch , wenn auch nicht äußerte , so doch empfand . Wenn er jetzt zurückwich , war er verloren . Ein feindseliges Publikum , das kann nicht besänftigt , das muß gebändigt werden . Er trat einen Schritt vor , mit verschränkten Armen , mit zurückgeworfenem Kopf . » Und jetzt ein Wort an die Zufriedenen hier im Saale . Ihnen habe ich nicht zu Dank gesprochen . Die Anklagen gegen Bestehendes klingen in Ihren Ohren wie Aufreizung zum Umsturz - und dabei könnte stürzen , was Ihre Zufriedenheit bedingt : Stellung , Reichtum , Karriere ... darum Handschellen und Knebel her für den aufwiegelnden Störenfried ! Zufriedene , meine Brüder - wir sind ja alle Brüder - Sie vergessen , daß Sie den Störenfrieden vergangener Tage alles danken , worauf Ihr heutiges Behagen , Ihre gegenwärtige Sicherheit und Freiheit - so viel oder , meines Erachtens , so wenig Sie davon haben - mit einem Wort , Ihre ganze Kultur ruht . Hätten alte Zustände niemals ihre Ankläger , neue niemals ihre Verteidiger gefunden , so wäre dieses ganze Publikum heute vielleicht bei einem auto da fé versammelt , oder , wenn man noch weiter zurückgreift , hauste es knochennagend in dunklen Höhlen ... Nur scheinbar ist der Verlust , wenn eine gewohnte , liebgewordene alte Ordnung einer moderneren Platz macht ; so haben die Ritter ihre Burgen aufgeben müssen , auf