zukünftiges nachdenkend , wurde es ihr zum erstenmal ganz klar , mit wie verschiedener Liebe Gerhart und Franz sie geliebt hatten . Der eine mit selbstsüchtiger Leidenschaft , die vor der ersten sittlichen Forderung aufgeflogen war wie Spreu vor dem Winde , der andere mit herzlich selbstloser Neigung , die sterben musste , weil sie hoffnungslos war . Und während ihr die Thränen langsam über die Wangen rannen , fühlte sie mit stechendem Schmerz , dass sie heute Franz ' Liebe hätte erwidern können , wenn sie sie noch besessen hätte und ihrer würdig gewesen wäre . Wäre sie rein geblieben , heute würde diese Liebe ihr Glück und , was mehr noch war , der Friede und die Kraft ihres Lebens gewesen sein . Da klopfte es leise an ihre Thür . Franz trat herein , in der Hand einen feuchten , süssduftenden Veilchenstrauss . Das Wasser lief ihm vom Rock und von der Hutkrämpe herab , auf seinem Gesicht aber stand der Sonnenschein heiterer Zuversicht . In allen Dingen war ihm das Glück in Berlin so hold gewesen , warum sollte es ihm gerade bei Lottchen untreu werden ? Seit den letzten vierundzwanzig Stunden stand es bei ihm fest , ohne ihr Jawort nicht abzureisen . Die letzten Tage hatten ihm Mut gemacht . Seiner gesamten Zukunft gewiss , wollte er nach Haus zurückkehren . Er war sehr bestürzt , als er Lottes blasses , verweintes Gesicht sah . Aber sie blickte ihn lieb und herzlich an , und je näher er zusah , je mehr fand er von der alten Lotte in ihr , von dem zaghaften , hilflosen , lieblichen Geschöpf , das er so schweren Herzens nach Berlin hatte ziehen lassen . Das stärkte seinen Mut . Wenn nur das erste Wort erst gefunden war ! Lotte war so tief in ihre eigenen Gedanken versunken , dass ihr der Wechsel in dem Wesen des Freundes nicht besonders auffiel . Der Gedanke , dass er sie nicht mehr liebte , hatte sich so völlig in ihr festgesetzt , dass sie nicht einmal daran dachte , noch nach möglichen Symptomen einer Neigung zu suchen . Die fürsorgende Zärtlichkeit , die er heute für sie an den Tag legte , dünkte ihr nichts als selbstverständliche Freundschaft zu sein . Hätte sie diese Freundschaft nur durch volles Vertrauen lohnen können ! Je weniger sie ihn verstand , desto mehr wuchs seine Unruhe und Ungeduld . Er riss die Uhr aus der Tasche . Gleich drei ! Um sieben Uhr ging der Zug . Er wollte doch auch noch etwas von seiner Braut haben , und aufschieben liess sich die Abreise nicht . Es war eigentlich lächerlich , so feige zu sein und nicht gerade heraus zu sprechen . Das schlimmste war doch , dass sie » nein « sagte , und darauf war er früher ja stets gefasst gewesen . Warum jetzt nicht mehr ? Warum trug er sich plötzlich mit den unsinnigsten Hoffnungen ? Und wenn sie dennoch fehlschlugen ? Etwas merkwürdig Ahnungsvolles stieg bei diesen Gedanken in ihm auf und legte sich ihm schwer auf die Brust . Es würde ein grosses Unglück für ihn sein . Nicht nur , dass Lotte nicht sein Weib wurde , noch ein anderes , unheilschwangeres Schicksal schien sein Haupt mit dunklen Fittigen zu umkreisen . Das Herz schnürte sich ihm zusammen . Die Last auf seiner Brust wuchs zentnerschwer . Er fühlte , dass alles Blut ihm zum Herzen zurücktrat . Er musste wohl auch merkwürdig und sehr entstellt aussehen , denn Lotte fragte plötzlich schreckhaft durch die Stille hindurch : » Ist Dir nicht wohl , Franz ? Du siehst ja totenbleich aus ! « Da hielt es ihn nicht länger . Er wollte , er musste Gewissheit haben . Die Leidenschaft übermannte den sonst so ruhigen , besonnenen Mann , und mit einer verzweifelten Glut , deren er sich selbst nicht für fähig gehalten hätte , flehte er Lotte um ihre Liebe , um ihre Hand . So plötzlich war das gekommen , dass Lotte wie versteinert dastand . Sie hörte ihm mit grossen , weitgeöffneten Augen zu und sagte sich immer nur das eine und wieder das eine : » Nur nicht schwach werden , nicht schwach werden ! Du darfst ihn nicht erhören , Du hast das Recht verwirkt . « Bis er zu Ende war , hatte sie sich wirklich gelasst . Ganz ruhig trat sie ein paar Schritte von ihm fort und leise , um die Thranen nicht za verraten , die ihr in der Kehle sassen , sagte sie : » Ich danke Dir für Deine Liebe , Franz , aber ich kann , Deine Frau nicht werden ! « Er riss den Stuhl an sich , auf dem er zuerst gesessen hatte , von dem er dann , hingerissen von seiner Leidenschaft , aufgesprungen war , um ihr ganz nahe zu sein , sie in seine Arme schliessen zu können . Die morsche Lehne zerbrach unter dem wuchtigen Druck seiner Hand . Aber auch seine Stimme blieb ruhig , so heiss auch die fürchterliche Enttäuschung in ihm tobte . » Und kannst Du mir sagen , weshalb Du meine Frau nicht werden kannst ? « Aufs Geratewohl gab sie die Antwort : » Weil ich Dich nicht liebe , wie man einen Mann lieben muss . « Es war ja doch alles eine grosse Luge . Warum erst lange nach Worten suchen und wägen ? » Liebst Du einen andern , Lottchen ? « Sie hatte es auf der Zunge zu sagen : » Ein anderes ja , dem mein ganzes Leben gehört , um dessentwillen ich Dir entsagen muss - « Aber sie schwieg und schüttelte statt jeder Antwort langsam den feinen blonden Kopf . » Und dies ist Dein letztes Wort ? « » Mein letztes , Franz . « » Und Du glaubst nicht , dass es jemals anders werden kann ? « » Niemals - nie ! «