nicht nur geladen , sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold , der an demselben Nachmittage nach dem Eierhäuschen ritt , auch vollzählig erschienen waren . Allerdings hatte die Kommerzienrätin anfänglich stark geschwankt , ja , sogar von Taktlosigkeit und Affront gesprochen , aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen , den ganzen Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise totzumachen . Bei diesem zweiten Gedanken blieb es denn auch ; die Rätin , freundlich-lächelnd wie immer , trat in pontificalibus auf und bildete ganz unbestritten das Glanz-und Repräsentationsstück der Hochzeitstafel . Selbst die Honig und die Wulsten waren auf Corinnas dringenden Wunsch eingeladen worden ; erstere kam auch , die Wulsten dagegen entschuldigte sich brieflich , » weil sie Lizzi , das süße Kind , doch nicht allein lassen könne « . Dicht unter der Stelle » das süße Kind « war ein Fleck , und Marcell sagte zu Corinna : » Eine Träne , und ich glaube , eine echte . « Von den Professoren waren , außer den schon genannten Kuhs , nur Distelkamp und Rindfleisch zugegen , da sich die mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämtlich in Kösen , Ahlbeck und Stolpemünde befanden . Trotz dieser Personal-Einbuße war an Toasten kein Mangel ; der Distelkampsche war der beste , der Felgentreusche der logisch ungeheuerlichste , weshalb ihm ein hervorragender , vom Ausbringer allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde . Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen , und Schmidt ging eben von Platz zu Platz , um den älteren und auch einigen jüngeren Damen allerlei Liebenswürdiges zu sagen , als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat . Dieser , von dem Verlangen erfüllt , den Überbringer so vieler Herzenswünsche schließlich wie den Goetheschen Sänger königlich zu belohnen , füllte ein neben ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten , der es , unter vorgängiger Verbeugung gegen das Brautpaar , mit einem gewissen Avec leerte . Großer Beifall . Dann öffnete Schmidt das Telegramm , überflog es und sagte : » Vom stammverwandten Volk der Briten . « » Lesen , lesen . « » ... To Doctor Marcell Wedderkopp . « » Lauter . « » England expects that every man will do his duty ... Unterzeichnet John Nelson . « Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus , und Treibel sagte zu Schmidt : » Ich denke mir , Marcell ist Bürge dafür . « Corinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm , aber es gebrach ihr bereits an Zeit , ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck zu geben , denn es war acht Uhr , und um neuneinhalb Uhr ging der Zug , der sie zunächst bis München und von da nach Verona oder , wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrückte , » bis an das Grab der Julia « führen sollte . Schmidt nannte das übrigens alles nur Kleinkram und » Vorschmack « , sprach überhaupt ziemlich hochmütig und orakelte , zum Ärger Kuhs , von Messenien und dem Taygetos , darin sich gewiß noch ein paar Grabkammern finden würden , wenn nicht von Aristomenes selbst , so doch von seinem Vater . Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte , nahm man wahr , daß Marcell und Corinna den Saal inzwischen verlassen hatten . Die Gäste blieben noch . Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark gelichtet ; Jenny , die Honig , Helene waren aufgebrochen , und mit Helene natürlich auch Otto , trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben hätte . Nur der alte Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und saß neben seinem Bruder Schmidt , eine Anekdote nach der andern aus dem » Schatzkästlein deutscher Nation « hervorholend , lauter blutrote Karfunkelsteine , von deren » reinem Glanze « zu sprechen Vermessenheit gewesen wäre . Treibel , trotzdem Goldammer fehlte , sah sich dabei von verschiedenen Seiten her unterstützt , am ausgiebigsten von Adolar Krola , dem denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben würden . Längst brannten die Lichter , Zigarrenwölkchen kräuselten sich in großen und kleinen Ringen , und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saalecken zurück , in denen ziemlich unmotiviert vier , fünf Lorbeerbäume zusammenstanden und eine gegen Profanblicke schützende Hecke bildeten . Hier wurden auch die Kuhschen gesehen , die noch einmal , vielleicht auf Rat der Mutter , einen energischen Vorstoß auf den Jodler unternahmen , aber auch diesmal umsonst . Zu gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flügel , und es war sichtlich der Zeitpunkt nahe , wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde . Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit » du « und » Bruder « operierende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und sagte , während er Krola eine neue Zigarrenkiste zuschob : » Hören Sie , Sänger und Bruder , carpe diem . Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe . Nutze den Tag . Über ein kleines , und irgendein Klavierpauker wird die Gesamtsituation beherrschen und uns unsere Überflüssigkeit fühlen lassen . Also noch einmal , was du tun willst , tue bald . Der Augenblick ist da ; Krola , du mußt mir einen Gefallen tun und Jennys Lied singen . Du hast es hundertmal begleitet und wirst es wohl auch singen können . Ich glaube , Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht drin . Und unser Treibel wird es nicht übelnehmen , daß wir das Herzenslied seiner Eheliebsten in gewissem Sinne profanieren . Denn jedes Schaustellen eines Heiligsten ist das , was ich Profanierung nenne . Hab ich recht , Treibel , oder täusch ich mich in dir ? Ich kann mich in dir nicht täuschen . In einem Manne wie du kann man sich nicht täuschen