standen wieder vor dem Goldenen Arm unter dem stillen , warmen , dunkeln Sommerabendhimmel , und ich trocknete mir die Stirn nicht weniger ab wie der erstaunliche dicke Freund . Er hatte die Geschichte von Kienbaums Morde nicht bloß mit seiner dröhnigen , langweiligen Redegabe von sich gegeben , er hatte sie auch ausgeschwitzt , sie durch die Poren aus sich herausgelassen . Ich aber , hatte ich darum draußen soviel zu Wasser und zu Lande erlebt , um in dem stillen Heimatwinkel vor Stopfkuchen und Storzhammel zu stehen wie vor etwas weder von mir noch von irgendeinem andern Menschen je Erlebten ? Wer von beiden war mir nun der Unbegreiflichste , der Unheimlichste geworden ? O dieser Störzer ! O dieser Schaumann ! - Mein alter , ältester Kinderfreund und Spielkamerad Kienbaums Mörder ! Er , der mich im Grunde doch ganz allein auf die See und in die Wüste durch seinen Levaillant gebracht hatte , dem ich mein » Rittergut « am Kap der Guten Hoffnung einzig und allein durch seine Unterhaltungen auf seinen Weltwanderungen , auf seinen Landstraßen und Feldwegen zu danken hatte . Es war nicht auszudenken , jedenfalls jetzt - augenblicklich nicht weiter darüber zu reden . Stopfkuchen begleitete mich zu meinem Gasthofe , und an dessen Tür tat ich wenigstens noch eine Frage an ihn . » Willst du nicht noch einen Augenblick mit heraufkommen ? « » Lieber nicht « , meinte Heinrich . » Meine Frau hat sich schon seit Jahren nicht mehr um mich geängstigt . Um diese Tageszeit bin ich immer zu Hause . Nun , es ist freilich heute mal eine gerechtfertigte Ausnahme . Was tut man so einem lieben , alten fremd gewordenen Freunde nicht alles zu Gefallen , um ihm das alte Nest wieder heimelig und vertraulich zu machen ! Wir sehen dich doch noch einmal vor deiner Abreise , Alter ? Du mußt dir doch noch das Gesicht ansehen , was meine Alte macht , nachdem sie auf die mir angemessenste Weise durch andere erfahren haben wird , was ich ihr - nach der sichern Meinung der Welt morgen - schon längst selber hätte sagen sollen . Gute Nacht denn für diesmal , Eduard ! Habe Dank für deinen Besuch ; das war wirklich heute endlich mal wieder ein etwas ungewöhnlicherer Tag für die Rote Schanze . « » Gute Nacht , Heinrich « , sagte ich , augenblicklich nicht imstande , ihm noch etwas anderes zu bemerken , und er schien dieses auch für ganz selbstverständlich zu nehmen , denn er watschelte ruhig durch die angenehme Nacht seiner festen Burg im Leben zu , mich mit ihm , seiner Frau , seinem seligen Schwiegervater , mit Störzer und mit Kienbaum nun im » Hotel « allein lassend . Wenn ich ihn je in vergangenen Jahren , wie er sich ausdrückte , unter seiner Hecke seinen Gedanken , Gefühlen , Stimmungen , kurz , sich selber allein als eigenster Austrägalinstanz anbefohlen hatte , so zahlte er mir das heute mit tausendfachen Zinsen zurück und ließ mich ihm nachgucken in die Nacht hinein , wie selten einem Menschen nachgeguckt worden ist . Nun war ich unter meiner Hecke , in meinem heimatlichen Absteigequartier allein und hatte die Nacht vor mir , um zu überlegen , was ich den Tag über erlebt hatte . Als aber die Morgensonne mir ins Fenster und auf die Bettdecke schien und ich das Fazit von Wachen und Traum zog , fand ich , daß ich mich sonderbarerweise eigentlich nur mit Frau Valentine Schaumann , geborener Quakatz , und verhältnismäßig recht wenig mit Kienbaum , Störzer , dem Papa Quakatz und mit Stopfkuchen beschäftigt hatte . Die Gute ! Die Arme und Gute ! ... Und konnte man es Stopfkuchen verdenken , daß er um sie und ihre Rote Schanze , um deren Behaglichkeit willen , endlich auch die irdisch Gerechtigkeit als das Gleichgültigere , das weniger in Betracht Kommende angesehen hatte ? So wahrscheinlich bald nach Mitternacht hatte ich mich ganz in des Dicken Stelle , das heißt seine Haut versetzt , das heißt war in dieselbe hineinversetzt worden . Ich war zu seinem Leibesumfang angeschwollen und hatte mich auf die Höhe seiner behaglichen Weltverachtung erhoben und hatte gesagt : » Dem dürren Afrikaner , diesem Eduard , wollen wir nun doch einmal aus dem alten Neste heraus imponieren und ihm beweisen , daß man auch von der Roten Schanze aus aller Philisterweltanschauung den Fuß auf den Kopf setzen kann . Dem wollen wir einmal zeigen , wie Zeit und Ewigkeit sich einem gestalten können , den man jung allein unter der Hecke liegenläßt und der da liegenbleibt und , um die Seele auszufüllen , nach Tinchen Quakatz sucht und , um den Leib bei Rundung zu erhalten , die Rote Schanze erobert und in Mußestunden von letzterer aus auch den gestern vergangenen Tag als wie einen seit Jahrtausenden begrabenen Mammutsknochen aufgräbt . « Da überlegte ich mir in dieser Nacht , erst außerhalb des Wirtshausbettes und dann in demselben , den mir eben vergangenen Tag noch einmal von Stunde zu Stunde , von Wort zu Wort . Und mehr und mehr kam mir wieder zum vollen Bewußtsein der alte ganz richtige Satz vom zureichenden Grunde , wie ihn der alte Wolff hat : » Nihil est sine ratione , cur potius sit quam non sit « , und wie es der Frankfurter Buddha übersetzt : » Nichts ist ohne Grund , warum es sey . « - Wie mich der Levaillant , übersetzt von Johann Reinhold Forster , in der Bibliothek des Landbriefträgers Störzer zu den Buren in Pretoria gebracht hatte , so hatte der Steinwurf aus Störzers Hand nach Kienbaums Kopfe den Freund zu Tinchen Quakatz geführt und ihn zum Herrn der Roten Schanze gemacht . Und so , wenn Kienbaum nicht Kienbaum , wenn Störzer nicht Störzer , wenn Stopfkuchen nicht Stopfkuchen und Tinchen nicht Tinchen gewesen wären , so wäre auch ich nicht ich gewesen und hätte gegen