Knecht und führte den Sünder und den Verbannten in seine Hütte . Das sah das Volk und pries ihn um seines Ausharrens in der Liebe willen . « Ruth , als sie bis zu dieser Stelle gelesen , wollte rasch fortfahren , Obadja nahm aber jetzt seinerseits das Wort und bemerkte , daß er sich keine bessere Vorrede denken könne , denn sie gäbe das Leitmotiv für das Ganze , welches Wort er wähle , weil es jetzt » drüben « derartig Mode sei , daß man ' s in jedem Zeitungsblatt finde ... » Oui , oui « , sagte L ' Hermite . » C ' est le grand mot du grand Richard ... « » Es ist « , fuhr Obadja fort , ohne der Unterbrechung weiter zu achten , » es ist der richtige Taktaufschlag und läßt dem Leser kaum Zweifel über den Geist , aus dem heraus das Ganze geschrieben ist . Und dieser Geist ist der republikanische Geist . Und daß derselbe hier lebendig ist , hier in dieser herrlichen alten Schweizergeschichte , das ist ein Vorzug , dessen sich nur wenig deutsche Bücher rühmen dürfen . Über allen deutschen und namentlich über allen preußischen Büchern , auch wenn sie sich von aller Politik fernhalten , weht ein königlich preußischer Geist , eine königlich preußische privilegierte Luft ; etwas Mittelalterliches spukt auch in den besten und freiesten noch , und von der Gleichheit der Menschen oder auch nur von der Erziehung des Menschen zum Freiheitsideal statt zum Untertan und Soldaten ist wenig die Rede . Darin ist die schweizerische Literatur , weil sie die Republik hat , der deutschen überlegen , und alle Deutsche , die , wie wir , das Glück haben , Amerikaner zu sein , haben Grund , sich dieses republikanischen Zuges zu freuen . « Alles nickte . Nur L ' Hermite , der nichts Lächerlicheres als jene » Halbheitszustände « kannte , die sich Republik nennen , wiegte den Kopf mit überlegener Miene hin und her und war froh , als auf Weiterlesen gedrungen wurde . Ruth , weil sie lieber selbst las als zuhörte , sprach den Wunsch aus , fortfahren zu dürfen , und Obadja stimmte zu . Noch denselben Abend kam man ein gut Stück in die Geschichte hinein , die bald wieder alt und jung ins Interesse zog . Voran in lebhafter Teilnahme stand aber Lehnert , vielleicht , weil er aus vielem , was da erzählt wurde , seine eigene Lebensgeschichte heraushörte . Lienhardt , das war er selbst , und der böse Vogt , der den armen Lienhardt gequält und zum Schlechten verführt , das war Opitz . Er wollte immer mehr hören und war beinahe mißgestimmt , als man auf Obadjas Geheiß plötzlich abbrach und die Vorlesung bis auf den andern Abend vertagte . Wenigstens das nächste Kapitel , das sich » Niedriger Eigennutz « betitelte , hätt er gern noch kennengelernt , und so nahm er denn , als man sich bald danach zurückzog , das von Ruth auf einen Ecktisch gelegte Buch zur Befriedigung seiner Neugier mit in sein Zimmer hinüber und las bis Mitternacht . Dann schritt er noch eine Zeitlang auf und ab , um seiner Aufregung Herr zu werden , und öffnete dabei das Fenster und lehnte hinaus und sah nach dem in klaren Umrissen daliegenden Gebirge hinüber . Darüber flimmerten die Sterne . Ihm war es , als erblick er die Leiter , von der L ' Hermite damals in jener Mond- und Spuknacht gesprochen hatte , nur mit dem Unterschiede , daß er , statt ihn ängstigender Schatten , Engel und Lichtgestalten auf- und niedersteigen sah . Und nun schloß er das Fenster wieder und sah Ruth , wie sie drüben in halber Beleuchtung gesessen und in den Lesepausen abwechselnd dem Vater und der alten Maruschka die Hand gestreichelt hatte . » Ja , wer so geboren wird , wen das Leben so wiegt und trägt ... Armer Mensch ich , arm und elend und verloren , wenn Gott nicht ein Wunder tut ... Aber wie ' s auch komme , doch gut , daß ich das alles noch erlebt ... Und wenn er ein Wunder täte ! Hab ich es verwirkt ? Ist ein Wunder unmöglich ? Nie , sonst wär es kein Wunder . « Und er lebte sich in diese Vorstellung ein und legte sich ' s zurecht und sah wieder heiter in die Zukunft . Unklare , verschwimmende Bilder von Besitz und Glück und Ruhe stiegen vor ihm auf . Sechsundzwanzigstes Kapitel Ruth und Toby war es nicht entgangen , daß Lehnert das Buch mit hinübergenommen hatte ; beide hatten sich darüber gefreut und fast auch über die Heimlichkeit , mit der es geschah . Sie gestanden sich das , als sie tags darauf nach der Morgenandacht die Treppe hinaufstiegen , um oben in Ruths Zimmer noch ein kurzes vertrauliches Geplauder zu haben . Sie setzten sich einander gegenüber und sahen eine Weile Maruschka zu , die mit großen Holznadeln an einem mächtigen Wollshawl strickte , während ein Rotfink im Zimmer hin und her flog . Zuletzt folgten die Geschwister dem Hinundherfluge des schönen Tieres , und als es sich auf den Ecktisch setzte , darauf Ruth gestern das » Gertrud-und-Lienhardt « -Buch gelegt hatte , sagte diese : » Sieh , Toby , da liegt das Buch wieder ! So geschickt er es gestern mitgenommen , so geschickt hat er es heute wieder hingelegt . Es muß gewesen sein , als wir schon unten waren ; er kam auch eine Minute zu spät , und der Vater sah ihn an . Gib das Buch her , vielleicht hat er ein Zeichen eingelegt oder gar ein paar Striche gemacht . Manche können das nicht lassen , und ich möchte beinahe sagen , er sieht mir ganz danach aus . « Toby , gehorsam , holte das Buch , und Maruschka mit dem langen weißen Wollshawl , der aber längst aufgehört hatte