öfteren - und zwar stets in denselben Geleisen - zu führen pflegten . Auf der einen Seite die gleichen Behauptungen und Gründe , auf der anderen die gleichen Gegenbehauptungen und Gegengründe . Es gibt nichts , worauf die Fabel der Hydra so gut paßt , wie auf das Ungetüm : stehende Meinung . Kaum hat man ihm so einen Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran , den zweiten folgen zu lassen , so ist der erste schon wieder nachgewachsen . Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zu Gunsten des Krieges , die nicht umzubringen waren . 1. Kriege sind von Gott - dem Herrn der Heerscharen - selber eingesetzt , siehe die heilige Schrift . 2. Es hat immer welche gegeben , folglich wird es auch immer welche geben . 3. Die Menschheit würde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark vermehren . 4. Der dauernde Friede erschlafft , verweichlicht , hat - wie stehendes Sumpfwasser - Fäulnis , nämlich den Verfall der Sitten zur Folge . 5. Zur Bethätigung der Selbstaufopferung , des Heldenmuts , kurz zur Charakterstählung sind Kriege das beste Mittel . 6. Die Menschen werden immer streiten , volle Übereinstimmung in allen Ansprüchen ist unmöglich - verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstoßen , folglich ewiger Friede ein Widersinn . Keiner dieser Sätze , namentlich keins der darin enthaltenen » folglich « läßt sich stichhaltig behaupten , wenn man ihm zu Leibe rückt . Aber jeder dient dem Verteidiger als Verschanzung , wenn er die anderen fallen lassen mußte . Und während die neue Verschanzung fällt , hat sich die alte wieder aufgerichtet . Zum Beispiel wenn der Kriegskämpe , in die Enge getrieben , nicht mehr im stande ist , Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muß , daß der Friedenszustand menschenwürdiger , beglückender , kulturfördernder sei als der Krieg , so sagt er : Nun ja , ein Übel ist der Krieg schon , aber unvermeidlich , denn : Nr. 1 und 2. Zeigt man nun , daß er vermieden werden könnte , durch Staatenbund , Schiedsgerichte u.s.w. , so heißt es : Nun ja , man könnte , wohl aber soll nicht , denn : Nr. 5. Jetzt wirft der Friedensanwalt diesen Einwand um und beweist , daß , im Gegenteile , der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht - Nun ja , das schon , aber - Nr. 3. Dieses Argument , wenn von den Verherrlichern des Krieges angeführt , ist schon das allerunaufrichtigste . Eher dient es jenen , die den Krieg verabscheuen und die für die grausige Erscheinung doch einen Grund , ein die Natur sozusagen entschuldigendes Moment auffinden wollen ; aber wer im Innern den Krieg liebt und ihn erhalten hilft , der thut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden entfernter Geschlechter . Die gewaltthätige Dezimierung der gegenwärtigen Menschheit durch Totschlag , künstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewiß nicht veranstaltet , um von der künftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens abzulenken ; wenn menschliches Eingreifen nötig wäre , um zum allgemeinen Wohle Übervölkerung zu verhüten , so gäbe es wohl direktere Mittel hierzu als Kriegführung . Das Argument ist also nur eine Finte , welche aber meist mit Erfolg angewendet wird , weil sie verblüfft . Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich sehr menschenfreundlich - man denke nur : unsere lieben in einigen tausend Jahren lebenden Nachkommen , denen müssen wir doch genügenden Ellbogenraum schaffen ! - Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit . Über solche naturwissenschaftliche und sozialökonomische Fragen sind die wenigsten Leute unterrichtet ; die wenigsten wissen wohl , daß das Gleichgewicht von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt ; daß die Natur über ihre Lebewesen nicht die vernichtenden Gefahren bringt , um deren Überzahl zu verhüten , sondern umgekehrt : daß sie die Fruchtbarkeit derer erhöht , die großen Gefahren ausgesetzt sind . Nach einem Kriege z , B. steigt die Zahl der Geburten und so wird der Verlust wieder ersetzt ; nach langem Frieden und bei Wohlstande fällt diese Zahl - und so tritt die Übervölkerung - - dieses Wahngespenst - überhaupt nicht ein . Das alles aber hat man nicht klar vor Augen ; man fühlt nur instinktiv , daß das berühmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom anderen ehrlich gemeint ist . Da begnügt man sich , das alte Sprichwort anzuführen : » Es ist schon dafür gesorgt , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen « und dann - nicht jenes Resultat haben die Machthaber im Auge ... - Zugegeben - aber Nr. 1. Und so nimmt der Streit kein Ende . Der Kriegerische behält immer recht ; sein Räsonnement bewegt sich in einem Kreise , wo man ihm stets nachlaufen , ihn aber nie erreichen kann . Der Krieg ist ein schreckliches Übel , aber er muß sein . - Er muß zwar nicht sein , aber er ist ein hohes Gut . Diesen Mangel an Folgerichtigkeit , an logischer Ehrlichkeit , lassen sich alle jene zu schulden kommen , welche aus uneingestandenen Gründen - oder auch ohne Gründe , bloß instinktiv - eine Sache vertreten und hier alle ihnen je zu Ohren gekommenen Phrasen und Gemeinplätze benutzen , welche zur Verteidigung der betreffenden Sache in Umlauf gesetzt worden sind . Daß diese Argumente von den verschiedensten Standpunkten ausgehen , daß sie daher einander nicht nur nicht unterstützen , sondern mitunter geradezu aufheben , das ist jenen einerlei . Nicht weil diese oder jene Schlüsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen Überzeugung gemäß sind , sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt , sondern nur um diese letztere zu stützen , gebrauchen sie auswahllos die von anderen Leuten durchdachten Folgerungen . Das alles konnte ich mir zwar damals , wenn ich mit meinem Vater über das Thema Krieg und Frieden stritt , nicht so ganz klar machen ; erst später habe ich mir angewöhnt , den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer beobachtend nachzuspüren . Ich erinnere