sterbende Kind - ihm war , als müßten die nächsten Stunden den Tod auch für ihn bringen . Graf Taiß glaubte , daß es seine Pflicht sei , die von Angst gelähmten Geister seiner Freunde zu ermuntern ; er fragte Joachim nach den Resultaten seiner Reise auf die Itzelburgischen Güter und ob er sich bei seinem zweimaligen Durchpassiren der Residenz in Berlin amüsirt habe . Darauf erzählte Joachim , daß er eine kleine Frist zur Entscheidung über die Annahme der Stellung sich vorbehalten , um nicht den Schein zu erwecken , er sei in der Lage , mit beiden Händen zugreifen zu müssen . In Berlin habe er sich vortrefflich amüsirt . So floß mühsam ein Gespräch bald mit Joachim , bald mit Lanzenau hin wie eine Quelle , die sich nur schwer durch Gestrüpp ihren Weg bahnt . Und der Tag draußen , den sie durch die Wagenfenster sahen , war auch nicht darnach angethan , verstimmte Seelen zu erhellen . Ueber der schneefreien , leichtgefrorenen Erde stand ein gleichmäßig hellgrauer Himmel , vollkommen sonnenlos und doch von jener blendenden Schärfe des Lichts , wie ihn nur der Norden kennt . An den dürren Knicken saß das braune Laub der Hainbuchen , der Wind rasselte darin ; an den dünnästigen Kronen der Ebereschen saßen zum Teil noch die roten Beeren am blätterlosen Gezweig . Ueber die endlosen Stoppelbreiten rechts und links von den Wegen ging hie und da ein Pflug ; dazwischen schoben sich Felder , welche die keimende Wintersaat schon mit leisem Grün überschleiert hatte . » Ein vorzügliches Jagdwetter , « bemerkte Taiß , » schade um den zerstörten Plan . « » O , « sagte Fanny und sah Joachim trostreich an , » ich hoffe , daß die Kunde , die uns ward , erst von der Angst Adriennens und dann vom Kutscher noch übertrieben ward und daß der Kleine schon bald so wohl ist , daß wir nach Herzenslust jagen können . « » Gewiß , « meinte auch Lanzenau , » wenn der liebe Junge ernstlich krank wäre und in der That , wie der Kutscher erzählte , seit beinahe acht Tagen zu Besorgnissen Veranlassung gab , hätte doch Severina oder der Pastor geschrieben . Oder hatten Sie inzwischen irgendwelche Nachrichten von Fräulein Severina ? « » Ich - nein . Wie sollte ich ? « sagte Joachim verwirrt . » Wie sonderbar ! « dachte Fanny befremdet und sah Lanzenau fragend an ; » wie sollte Severina dazu kommen , an Joachim ... wie kann Lanzenau das voraussetzen ? « Und zu ihrer noch größeren Befremdung sah sie Joachims Gesicht in Glut aufflammen . Was bedeutete dies Erröten ? Eine Unruhe , ein Gefühl kam über sie , das noch kein Gedanke , keine Vermutung war , sondern nur eine dunkle , lähmende Empfindung . Da fuhren sie auch schon in den Hof des Herrenhauses ein , da hielt der Wagen schon vor der Thür . Sekundenlang war ihnen allen , als seien ihnen die Füße zu schwer , um auszusteigen . Ein gewisses Etwas im Gesicht jenes Knechtes dort , der stillstand , um der Herrschaft zuzusehen ; das Gesicht des Dieners , der das Hausthor öffnete ; die verhängten Fenster , die man trotz der erwarteten Rückkunft der Hausbewohner zu lüften vergessen - dies alles gab ihnen jäh die schaurige Empfindung , die jeden befällt , der ein Haus des Todes betritt . Fanny war die erste , die herauskam . » Nun ? « rief sie . Der Diener trat zurück , um sie vorbei zu lassen , und senkte schweigend den Kopf . » Das Kind - das Kind ? « fragte sie mit stockendem Herzschlag . Sie hatte begriffen und fragte doch . Schon stand auch Joachim neben ihr , und da ihnen wieder keine Antwort wurde , wußten sie alles . In der nächsten Minute riß Fanny oben die Thür auf und hielt die arme junge Mutter in ihren Armen . Joachim stürzte mit einem Jammerruf neben der kleinen Leiche nieder , die schon feierlich zugerichtet , mit allen Blumen , die das Treibhaus nur gegeben , umkränzt , mitten im Zimmer aufgebahrt stand . Adrienne weinte leidenschaftlich , ihr Schmerz hatte Thränen und Worte , und sie klagte in Fannys Armen von den Stunden der Angst , die sie erlitten , von der namenlosen Sehnsucht , die ihr Herz nach dem Gatten , dem Ahnungslosen , Geliebten ergriffen habe . Ja , sie wandte sich , neu erschüttert , dem jungen Mann zu , der , das Gesicht in beiden Händen verborgen , heftig schluchzte . Sich an ihn lehnend , ihn mit beiden Armen umschlingend , flüsterte sie unter Thränen : » Was wird unser Arnold sagen ! ? Er wird noch heute , noch morgen und viele Wochen von seinem Liebling träumen und nicht wissen , daß wir ihn verloren haben . « » Warum hast Du mich nicht gerufen , damit ich bei Dir und ihm sein konnte ? Nun kann ich Arnold nichts von der letzten Stunde seines Kindes sagen . Ich war fern - o Gott - vielleicht gerade in einem leichtsinnigen Vergnügen verstrickt ! « klagte Joachim . » Kommt , « sagte Fanny weinend , » quält euch nicht so . Wir wollen nicht an das Unabänderliche , Gewesene denken , sondern voraus , an unsern armen Arnold . « Sie hatte gefühlt , daß endlich in dem Herzen der jungen Frau die rechte Gattenliebe erwacht war , und wußte , daß die Sehnsucht nach ihrem Manne der gesundeste Begleiter des natürlichen Kummers sein werde . - Adrienne antwortete auf Joachims Frage : » Severina verhinderte mich , euch zu rufen . « Joachim erschrak so , daß er zitterte ; er hielt sich an dem Rand des kleinen Sarges fest und sah starr auf das stumme Kind hernieder . So hatte er seine Pflicht erfüllt , seines Bruders Weib und Kind mannhaft beizustehen , dafern Leid und