Male , schön und lebensfroh auch er , einen Genialen , einen Dichter von Hartenstein , und dieser Auserwählte war ihr Sohn ! Wie hätte ihr Herz nicht in stolzer Freude und Erwartung schlagen sollen ! Wiedergesehen hatte sie ihn nur ein einziges Mal während einer schweizerischen Ferienreise und , wenngleich nur flüchtig , hinreichend lange wenigstens für sein Bedürfen . Auch waren seine Briefe nur seltene und kurz ; um so länger und lehrreicher dagegen die ihren . Auch » auf seinen Gütern « , wie er den Werben-Mehlbornschen Komplex nicht nur nannte , sondern allen Ernstes a priori betrachtete , hatte der junge Herr seit jenem unfreiwilligen Knabenaufenthalte sich weder sehen noch jemals von sich hören lassen . Hätten nicht Frau Zacharias und Fräulein Thusnelda in Briefen an Pastor Blümel seiner regelmäßig erwähnt , würde er dort , wo naturgemäß seine Heimat war oder doch eines Tages werden sollte , spurlos vergessen worden sein . Diese Briefe jedoch nährten in der Seele des ihm so ungleichartigen Hirtensohnes eine bewunderungsvolle Erinnerung , ja steigerten diese zu einem heroischen Phantasiegebilde , und wo wäre ohne solches Phantasiegebilde ein Knabe jemals zu einem tüchtigen Manne geworden ? Max von Hartenstein war und blieb das glänzendste Gestirn an Dezimus Freys Frühlingshimmel , und wie er in der holden Venus , wenn sie im Morgendämmer der Sonne vorleuchtete , sein fröhliches Röschen sah , und wenn sie im Abenddämmer der Sonne nachleuchtete , die treue Lydia , lange nachdem er wußte , daß es der nämliche Wandelstern sei , welcher die hohe Himmelskönigin umkreise , so sah er in dem herrlichen Jupiter seinen Max . Aber noch in einem anderen ebenso ungleichartigen Gemüte hatte das schöne junge Menschenbild eine unverlöschliche Spur hinterlassen . Auch dem stillen weißen Fräulein hieß alles , was Freude weckt , Max . Sooft sie Dezimus begegnete , schlug sie den beiden so wohlklingenden Namen an . Sie tat es ruhig , auch vor Zeugen ohne künstliche Umhüllung , einfach , wie sie allezeit war . » Hat Frau Zacharias Maxens erwähnt ? Schreibt Tante Thusnelda , wie sich Max in Bonn gefällt ? « Oder auch : » Wissen Sie noch , Dezimus , wie schön Max diese Ballade deklamierte , jenes Volkslied sang ? « Und wenn Dezimus nun jeden Laut noch wußte , jeder Bewegung sich erinnerte , wenn er mit sonst ihm keineswegs eignender Geläufigkeit berichtete von den riesenmäßigen Fortschritten , den glänzenden Zeugnissen , den Erfolgen seines Idols , dann röteten sich leise der Hörerin bleiche Wangen , und die großen graublauen Augen färbten sich gleich den dunkelsten Hyazinthenblüten . » Nicht wahr , Sie haben ihn auch lieb , Fräulein Lydia ? « fragte Dezimus dann wohl , und : » Sehr lieb « antwortete Lydia in ihrer natürlichen Weise . Durch dieses gemeinsam gepflegte Andenken hatte sich zwischen Lydia und Dezimus eine Art von Verhältnis gebildet , das sich aus der Kinderzeit in die der Erwachsenen hinüberzog und nur insofern eine Heimlichkeit war , als kein Dritter sich gläubig genug erwies , ihren Kultus zu teilen . Wie auch Fernstehende sich Freunde nennen , wenn sie einen Helden , einen Dichter oder Künstler mit gleicher Inbrunst verehren , so machte das Traumbild » Max « das Fräulein und den Hirtensohn zu Freunden , indem es sie über den trennenden Unterschied der Jahre und Verhältnisse hinweghob . Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren Stanzen und Terzinen ; Dezimus schwärmte für diese feuriger als für irgendeine Ode des Horaz , und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergründlich , der Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war , so schlug der Rhythmus des Lautes doch wie Musik an sein Ohr , und er schmetterte ihn , ohne einer Melodie zu bedürfen , mit seinem sich just zum Baß umsetzenden Alt hinaus in die wonnige Frühlingsluft . Die reifere Lydia dagegen wollte fühlen , was ihr klang , und was sie fühlte , wollte sie verstehen . Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr , sondern mehr noch ein tief musikalisches Herz , dem schon für manches liebe Lied eine Melodie aufgegangen war . Die des liebsten von ihnen : » Wenn alle untreu werden « sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor . Wie sie aber auch sinnen mochte , für keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder auch nur im Ohr eine Melodie ; und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte » Sprühteufel « nannte , so tat ihr das zwar weh , aber sie widersprach ihm nicht , wie doch Dezimus es wagte , wenn sein Pastorvater sie lächelnd » Strohfeuer « nannte . So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den Freundschaftsbund , welcher über dem Traumbild geschlossen worden war ; mehr denn jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein , so ein Etwas , das man Kinderweisheit nennt , daß diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem herrlichen weltstürmenden Jüngling notwendig gehöre wie , ei nun , wie etwa der standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder , in seine Sternensprache übersetzt , wie ein Mond zu seinem Planeten gehört . Lydia hatte bei neunzehn Jahren , in kaum merklichen Übergängen , sich zu einer Erscheinung entfaltet , so wie ein Zögling Konstantin Blümels , der niemals ein gemeißeltes oder gemaltes Bild gesehen hat , das Schönheitsideal sich träumt , der Leib der Seele Überguß . Für Konstantin Blümel selbst aber , den Greis mit dem Dichterherzen , wenn er die hohe , keusche Liliengestalt , den gebeugten Vater am Arm , langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah , nur für seine Schonung besorgt , ihr Blick nur an seinem hangend , das Bild der erfülltesten Kindesliebe , für Konstantin Blümel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden Thebanerkönigs , von allen klassischen Heidengestalten ihm die rührendste . Und wohl