mich am Königshofe nicht bewährt habe , ich auch auf den Reisen verwildert und aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhältnisse gekommen bin , und da an mir ferner mehr Gewissensskrupel als Klugheit zu merken ist , so trifft mich das Los : ich werde den Volksmissionären zugeteilt . Kaum kann ich meine Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen , ehe ich fort muß in das Gebirge . Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend , um in bestimmten Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten . Bei mächtigen Herren sind wir die Heiteren , Geschmeidigen , Duldsamen gewesen ; bei den wilden Völkern die Apostel der Kultur , die strengen und liebevollen Lehrer des Christusglaubens . Hier aber , bei dem verknöcherten , trägen , leichtsinnigen und noch dazu durch neue Grundsätze verdorbenen Landvolke müssen wir erscheinen als Warner , als Richter der Sünde . Anfangs , da kommen sie mit Übermut und Neugierde zur Kirche herein , um die Wanderprediger zu sehen ; aber als sie die dumpfen Worte von der Not der Seelen , von der Gefahr der Welt , von der Sterbestunde und von dem schrecklichen Gericht hören , da heben sie an zu erbleichen . Bald liegen sie zerknirscht vor dem schwarzverhüllten Altare , drängen sich zu unseren Beichtstühlen . Vor jeder Kirche haben wir ein hohes , kahles Kreuz aufgestellt . Christus ist für euch gekreuzigt worden , jetzt kreuziget euch selbst in Abtötung und Buße . Ich bin in Eifer geraten , der mich fortgezogen hat in dem was unseres Amtes gewesen , und der mich fortgerissen hat in eine Schwärmerei , die ich bislang an mir nicht gekannt habe . - Mein beständiger Ruf : Tuet Buße ! - Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch gewesen ist , wo wir eingezogen : es wird bald still in den Gassen und öde auf den Feldern und Wiesen . Der Roggen verdorrt , unser Weizen reift . - Aber wenn die Stunden der Begeisterung vorüber , so ist eine Öde in mir und ein Dämon , der mich fortweg abwenden will von dem heiligen Beruf . Ich habe diesen Dämon für den Teufel gehalten . Es wird aber was anderes gewesen sein . - Nicht wahr , jetzt kommt schon die Nacht ? « Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt , als hätte er von mir die Beantwortung seiner Frage erwartet . » Die Nacht kann das noch nicht sein , « habe ich entgegnet , » der Nebel legt sich so über den Wald . « » Ja , ja , « fährt der seltsame Erzähler wie träumend fort , » es kommt die Nacht . Junger Freund , Ihr werdet sehen , es kommt die finstere Nacht . « Nun ist es eine Weile so still , daß man vermeint , den Nebel spinnen zu hören in dem Geäste der Tannen . Nachher erzählt der Mann weiter : » In einem großen Dorfe ist es gewesen . Ich sitze noch spät abends im Beichtstuhl . Die Kirche ist endlich leer geworden und die Ampel des Altars legt ihren Schein schon an die Wände . Ein einziger Mann steht noch neben dem Beichtstuhl und scheint unentschlossen , ob er sich nähern oder auch die Kirche verlassen soll . Ich winke ihm . Er schrickt zusammen , tritt näher und sinkt auf die Knie vor dem Schuber des Beichtstuhles . Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der rechten Hand über das Gesicht . Er sagt nicht das übliche Gebet ; in wirren und hastigen Worten teilt er mir sein Bekenntnis mit . Dann faltet er die Hände so fest ineinander , daß sie zittern , und stammelt die Bitte um Lossprechung . - Ich will dem Geängstigten Worte des Trostes sagen . Aber unwirsch stoße ich mein eigen Herz zurück . Und wie er stumm so dakniet , entgegne ich in ruhiger Weise : das Unrecht könne ihm nicht verziehen werden vor Gott , solange es nicht gutgemacht . - Gutmachen , das kann ich nicht mehr , versetzt er , mein Nachbar ist fortgezogen ; ich weiß nicht wohin . Er nicht ist nicht zu finden . - So wandert , ihn zu suchen ; besser die Füße abgehen bis auf die Knie , als daß die Seele ewig verloren gehe . - Aber mein Weib , meine Kinder ! ruft er . - Um so mehr Seelen stürzet Ihr mit Euch in das Verderben ! - Ich will fasten , beten , will Almosen geben zehnfach mehr , als was ich betrogen . Dem Betrogenen selbst müßt ihr das unrechte Gut zurückgeben ! Da schreit er fiebernd : ist der Herr nicht am Kreuz gestorben ? Mord und Totschlag werden verziehen , und mir kann meine Verirrung nicht vergeben sein ? - Der Mann ist nimmer zu finden ! Sein Widerspruch bringt mich in eine Erregung . Strenge den Unbußfertigen ! lehrt die Satzung . - Makelt nicht mit dem gerechten Gott ! rufe ich . Dreimal höher ist der Himmel , seit er durch das Kreuzopfer ist erkauft worden , und neunmal tiefer die Hölle , seitdem die Menschen drei Nägel geschlagen durch Christi Händ ' und Füße . Über diese meine Worte ist ein Aufstöhnen , dann ein Fluchwort . Ich höre den Schall der Tritte eines Davoneilenden . - Ich bin in der nächtigen Kirche allein . Ich trete aus dem Beichtstuhl , knie hin vor den hochragenden Altar und bete für den Verstockten . Und wie ich so emporblicke zu dem Bilde der Königin der Beichtiger , da ist es mir , als trete sie plötzlich hervor aus der Nische - aus dem Teiche sie , mit dem Kinde in blutrotem Schein . Der Türe eile ich zu . Siehe , da ist der Ausgang verschlossen . Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen . Die Kirche ist entlegen vom Orte ; das nächste Haus ist die Totenkammer . Da hört es keiner , wie man auch