Namen : Gotthelf von Hirschsprung . Ich ersuche hiermit die wohllöbliche Justizbehörde , sofort einen nötigenfalls wiederholten öffentlichen Aufruf an etwaig existierende Abkömmlinge besagter Seitenlinie ergehen zu lassen . Sollte sich jedoch binnen Jahresfrist kein Ansprucherhebender melden , so ist es mein Wunsch und Wille , daß das Kapital von dreißigtausend Thalern , nebst Erlös von dem zu verkaufenden Armbande und dem ebenfalls zu veräußernden Opernmanuskripte , dem wohllöblichen Magistrate der Stadt X. übergeben werde , und stifte ich hiermit genanntes Kapital als Fonds zu folgendem Zwecke : 2. Die Zinsen des sicher anzulegenden Kapitals sollen für alle Zeiten alljährlich zu gleichen Teilen an acht Lehrer der gesamten öffentlichen Unterrichtsanstalten in X. verabfolgt werden , und zwar in der Weise , daß in regelmäßiger Abwechselung keiner der Herren bevorzugt oder übergangen werde . Direktoren und Professoren haben keinen Anspruch . Ich gründe diese Stiftung in dem festen Glauben , daß ich ebenso gemeinnützig testiere , als wenn ich eine öffentliche wohlthätige Anstalt ins Leben rufe . Noch ist der Lehrerstand das Stiefkind des Staates , noch sind die Männer , deren Wirken einen gewaltigen Stein in der Basis der Volkswohlfahrt bildet , quälenden pekuniären Sorgen ausgesetzt , während an ihren geistigen Anstrengungen Millionen sich bereichern . Möchten auch andere ihre Augen auf diesen Schatten in unserer hellen , fortschreitenden Zeit richten und einen Beruf heben und stützen , dessen hohe Bedeutung noch von so vielen unterschätzt wird ! 3. Mein sämtliches Silberzeug und alles , was ich an Schmuck besitze , mit Ausnahme obigen Armbandes , fällt an den derzeitigen Chef des Hauses Hellwig zurück , als alter Familienbesitz , der nicht in fremde Hände kommen soll , desgleichen alles , was ich an Betten , Wäsche und Möbeln hinterlasse . 4. Meine Handschriftensammlung berühmter Komponisten , mit Ausnahme des berühmten Bachschen Opernmanuskriptes , soll von Gerichts wegen verkauft werden . Den Betrag der Verkaufssumme bestimme ich meinen beiden Großneffen , Johannes und Nathanael Hellwig , in Anbetracht , daß ich stets beklagt habe , ihnen nie zu Weihnachten etwas bescheren zu dürfen . « Es folgten noch Legate an viele arme Handwerker und dergleichen mehr im Betrage von zwölftausend Thalern , worunter Heinrich mit zweitausend und die Aufwartefrau mit eintausend Thalern bedacht waren . Heinrich hatte Felicitas den Inhalt des Testamentes mitgeteilt , so gut er es eben vermochte . Der Ort , wo die alte Mamsell das Silber aufbewahrt hatte , war also nicht näher bezeichnet , das ging aus seiner Mitteilung hervor . Das junge Mädchen frohlockte . Wenn das Geheimfach nicht durch irgend einen Zufall entdeckt wurde , dann war es in ihre Hände gegeben , den grauen Kasten zu vernichten , ohne daß ihn das Auge irgend eines anderen Sterblichen erblickte . » Siehst du , Feechen , das verwinde ich in meinem ganzen Leben nicht ! « sagte Heinrich traurig - sie saßen allein zusammen in der Gesindestube - » du sollst nun einmal zu nichts kommen in der Welt ! Hätte die alte Mamsell nur noch vierundzwanzig Stunden gelebt , da war das alte Testament jetzt umgestoßen , und du hättest das unmenschlich viele Geld gekriegt - sie hatte dich gar lieb . « Felicitas lächelte . Der ganze Jugendmut , der sich seiner Kraft bewußt ist , dem nichts ferner liegt , als das Ringen um schnöden Gelderwerb , die Sorge um hilflose , alte Tage - lag in diesem Lächeln . » Es ist ganz gut so , Heinrich , « entgegnete sie . » Alle die Armen , die bedacht worden sind , brauchen das Geld viel nötiger als ich , und bei der Verfügung über das Hauptkapital hat die Tante jedenfalls ihre sehr gewichtigen Gründe gehabt , die sie ohne Zweifel auch bei Abfassung eines späteren Testaments festgehalten haben würde . « » Ja , ja , mit den Hirschsprungs muß es doch sein eigenes Bewenden gehabt haben ! « meinte Heinrich nachdenklich . » Der alte Hirschsprung , auf den kann ich mich noch ganz gut besinnen ; er war ein Schuhmacher und hat mir meine allerersten Stiefel gemacht - so was vergißt sich nicht . Er wohnte oben in der Gasse , gleich neben unserem Hause , und da hat ' s denn die Nachbarschaft gemacht , daß sein Junge und die alte Mamsell als Kinder miteinander gespielt haben . Der Junge ist später ein Student geworden und soll der alten Mamsell ihr Liebster gewesen sein - so sagen die Leute . Sie erzählen auch noch immer - und das wurmt mich am allermeisten - die Liebschaft eben wär ' dem alten Herrn Hellwig , ihrem Vater , sein Grab gewesen . Er hätte sie nicht leiden wollen , und einmal wär ' er mit der alten Mamsell so hart zusammengekommen , und sie hätte ihn dermaßen geärgert , daß er auf der Stelle tot umgefallen sei - wenn ' s wahr ist , ich glaub ' s nicht ! ... Gleich nachher soll die alte Mamsell nach Leipzig gereist sein ; der Student hat das Nervenfieber gehabt , und sie ist bei ihm geblieben und hat ihn gepflegt bis zum letzten Augenblick . Darüber sind die Verwandten vollends wütend geworden ; sie haben sie ein liederliches Weibsbild geschimpft , sie ist verstoßen worden , und das haben die Leute in X. gleich nachgemacht , und kein Mensch hat sie auch nur angesehen , wie sie endlich wiedergekommen ist . - Mag das nun alles sein , wie ' s will - es kommt mir doch kurios vor , daß da Leute erben sollen , die vor vielen , vielen Jahren ausgewandert sind - die waren ja mit dem Studenten schon längst gar nicht mehr verwandt - das mache mir einer klar ! « Am darauffolgenden Tage wurden in der Mansardenwohnung die Gerichtssiegel abgenommen . Es waren unheimliche Tage , die auf den Akt der Entsiegelung folgten . Die einförmig graue , unbewegliche Wolkenschicht am Himmel schien unerschöpflich . Tag und Nacht plätscherte es auf Dächer und