Doctor Kübel , der einen erstaunt fragenden Blick des Professors mit einem freundlichen Grinsen erwiderte , und Oswald , welcher Primula , die auf der linken Seite neben ihm saß ( auf der rechen hatte er Thusnelda Clemens ) , zum Zeichen seines Beileids unter dem Tische die Hand drückte . Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhöhnten Dulder ; Jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck , den er auf die Uebrigen hervorbringen würde , beschäftigt und erwartete nur das Signal zum Anfang , das jetzt von der Directorin durch ein minutenlanges Läuten mit der Glocke gegeben wurde . Der Director Clemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise an Fräulein Ida Snellius die Aufforderung , herabzukommen , da der Tag anbreche und Mars die Stunde regiere ; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme , die entweder durch die zu große Entfernung des Astronomen , oder durch die Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war , bat , » sie noch die Venus betrachten zu lassen , die eben aufgehe und wie eine Sonne im Osten glänze . « Diesem interessanten Aufgang entsprach das Uebrige vollkommen ; Director Clemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen Brüdergemeinde , Professor Snellius aus dem klugen , verstellungsreichen Octavio einen überaus hölzernen Pedanten ; Doctor Wimmer winselte und heulte den edlen Sohn des unedlen Vaters so , daß unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen mußte ; Doctor Kübel schien den wilden Illo für die Waschfrau Chamisso ' s und Doctor Breitfuß den verschlossenen Buttler für einen marktschreierischen Zahnbrecher zu halten ; Gräfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu einem Pappenheimischen Kürassier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu einem verliebten Nähmädchen . Und dabei dieser heilige Eifer , der offenbar Alle beseelte , und sie trieb , schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen , in ihrem Buche nach ihrer Rolle zu blättern , wodurch ein fortwährendes geheimnißvolles Rauschen und Rascheln hervorgebracht wurde ; diese ungeschminkte Begeisterung , mit welcher man besonders hervorragende Leistungen , wie die des Collegen Wimmer , aufnahm ; diese selbstlose Bescheidenheit , mit welcher sich weniger begabte Talente , wie Fräulein Marie Kübel , eine Zurechtweisung von Seiten der Directorin Clemens gefallen ließen , welcher nach den Statuten des Kränzchens das Recht zustand , den Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage aufmerksam zu machen ! Unterdessen saß Professor Jäger in seinem Stuhle zusammengekauert unbeweglich da , die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen , daß die Linie desselben die Gestalt eines Hufeisens beschrieb , während er mit den kleinen grünen Augen über den Rand seiner großen runden Brillengläser seine Gattin , die Gefährtin seiner Leiden , die Theilhaberin seiner Schmach , anblinzelte . Die Dichterin warf sich bald mit untereinander geschlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften , bald lehnte sie sich vornüber und stützte das kornblumengeschmückte Haupt in die Hände . Jetzt lächelte sie das Lächeln unsäglichster Verachtung ; jetzt gähnte sie , wie von der entsetzlichsten langen Weile gequält . Oswald war äußerst begierig , zu sehen , was sie thun würde , wenn an sie die Reihe käme ; denn sie hatte ihm schon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüstert : Ich lese nicht ; verlassen Sie sich darauf : ich lese nicht . Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden , denn nachdem sich Herr Wimmer am Schluß des dritten Actes mit Aufbieten all seiner Stimmmittel » zum Sterben bereit « erklärt hatte , begann Frau Director Clemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pause , welche ( nach § . 25 der Statuten ) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat , und in welcher ( nach § . 26. ) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden mußte . Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen , verließ man den Tisch und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Gesellschaft , die eben von einem hohen Kunstgenuß kommt . Man saß und stand mit den Gläsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stücke und von der Declamation . Man war darüber einig , daß College Wimmer diesmal , wie stets , den Preis davongetragen habe , und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug spreche , obgleich ihre Fortschritte im Allgemeinen zu loben seien . Die Herren stellten sich untereinander Censuren aus und gaben sich natürlich gegenseitig die Nummer Eins . Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter , von dem keuschen Adel seiner Verse . Fräulein Ida Snellius behauptete , daß Schiller sie vielfach an Euripides erinnere , und nun wirbelten die Namen Sophokles , Goethe , Shakespeare , Schiller , Aristophanes , Calderon , Aeschylus , Plautus und Terenz wie Schneeflocken durcheinander . Oswald spähte nach der Dichterin der Kornblumen , die er seit dem Anfang der Pause aus den Augen verloren hatte . Er fand sie in einer Fensternische des zweiten Salons ( sonst jungfräuliches Schlafgemach der beiden Fräulein Clemens ) mit ihrem Gemahl eifrig flüstern . Er wollte sich bescheidentlich zurückziehen ; aber Primula sprang , sobald sie ihn erblickte , auf ihn zu , ergriff seine Hand und zog ihn mit in die Fensternische . Reden Sie leise , sprach Primula mit hohler Geisterstimme . Was giebt es ? fragte Oswald in demselben Ton . Sie sollen mir sagen , ob ich lesen darf ? hauchte Primula . Jäger hat kein Gefühl für diese Schmach . Doch , Gustchen , doch ! flüsterte der Professor ; aber ich möchte eine Scene vermeiden ; ich bitte Dich , Gustchen , was werden die Leute sagen , wenn - o , ich darf gar nicht daran denken . Ich möchte mich der Meinung des Herrn Professor anschließen , sagte Oswald ,