den übrigen Hausgenossen , der Verfasserin und vorzüglich dem Vater der lieblichen Angelika gegenüber zu machen war ; und für jetzt zeigte sich seine Schlechtigkeit klar in der teuflischen Freude , die er über die Verzweiflung der Schriftstellerin in der Beletage hatte . Als die Pythagoreerin Periktione ihr bezauberndes Buch » Über die Harmonie des Weibes « schrieb und dasselbe ihrem hellenischen Buchhändler in Verlag gab , hatte sie gewiß keine Ahnungen von den Disharmonien , welche der Verlust eines Tagebuchs in einer edlen Frauenseele erregen kann . Aurora Pogge trug den Verlust ihres Manuskriptes , wie eine Tigerin den Verlust ihres Jungen erträgt . War sie vorher kein Engel , so wurde sie jetzt zu einem wahren Dämon und fing an , in der Dunkelheit schweflicht zu leuchten . Zu einer Nachtwandlerin wie Lady Macbeth wurde sie , und mehr als einmal wurde sie von dem halben Leibes über das Treppengeländer hängenden Julius Schminkert beobachtet , wie sie in der tiefsten Stille der Nacht mit einer Lampe umherschlich und dunkle Winkel durchstöberte . Der Immermannsche Hofschulze , das Schwert Karls des Großen suchend , war nichts gegen Fräulein Aurora Pogge auf der Suche nach dem himmelblauen Buch mit den sich schnäbelnden Tauben . Die Vorstellung , wieviel Injurienprozesse entstehen würden , wenn diese Gedenkblätter in die rechten Hände fielen , brachte sie fast um den Verstand . Sie machte das Unmögliche möglich und wurde noch magerer , als sie bereits war . Hulda , die Camerista , die sich so manches Jahr in Geduld gefaßt hatte und welche viel ertragen konnte , sagte den Dienst auf ; was und wie die Arme im Leben gesündigt haben mochte , durch die im Dienste Auroras verbrachten Jahre hatte sie alles reichlich , überreichlich abgebüßt . Selbst die Katze , die doch vor allem einen weichen Platz in dem sehr mangelhaft gepolsterten Herzen Auroras innehatte , hielt es in der unmittelbaren Nähe ihrer Herrin nicht mehr aus ; sie wurde gesehen , wie sie mit gesträubtem Haar , kümmerlich , nachdenklich , melancholisch auf dem Treppengeländer saß und wehmütig-resigniert den schönen Schwanz herabhängen ließ . Es gehörte ein gutes Nervensystem dazu , dem Fräulein Pogge jetzt unbewegt entgegenzutreten ; gräßlich war die Gemütsstimmung der Dame , heillos ihre Angst , grauenhaft ihre Wut , entsetzenerregend ihr Anblick . Der junge Ehemann auf der andern Seite der Musikantengasse , grad den Fenstern Auroras gegenüber , hielt den ganzen Tag die Vorhänge niedergelassen , damit das Gesicht des Gegenübers seine kleine Frau nicht zu Tode erschrecke und kaum auszudenkendes Unheil hervorbringe . - Während der Weise im Giebelzimmer des Nikolausklosters in gewohnter Art nach seinen Sternen sieht ; während der Mann aus dem Lärm der Gassen , Friedrich Fiebiger , sich träumerisch in die Wolken seiner letzten Abendpfeife hüllt ; während Robert Wolf mit dem Achilleus den hellumschienten Achaiern zürnt und zwischen den Zeilen , den volltönenden Versen , immer an das schöne bleiche Gesicht denkt , welches heute zum erstenmal auch an dem Krankenlager des Meisters Tellering erschienen war , an das Gesicht Helene Wienands - während der Meister Johannes auf seinem Lager unendliche Schmerzen leidet ; während das Freifräulein Juliane von Poppen die Nachtmütze aufsetzt und noch einmal den Kopf schüttelt über ihren armen Geschäftsfreund , den Bankier Wienand ; während Helene Wienand in der Kronenstraße unsäglich angstvoll auf den ruhelosen Schritt im Nebenzimmer horcht : während alledem wollen wir Herrn Julius Schminkert über die Schulter blicken , um einige Stellen aus dem Manuskripte Aurora Pogges unserm eigenen Manuskripte einzuverleiben . Wir lernen daraus , daß andere Leute die Personen unserer Geschichte anders ansehen als wir selbst . Beim idealen Lichte Lunas und beim realistischen Schein des zerfließenden , qualmenden , stinkenden Talgstümpels beginnen wir unsere Blumenlese und wissen wie Kinder auf der Wiese nicht , wohin wir zuerst greifen sollen , so reich ist das Feld , zwischen dessen Früchten wir die Wahl haben . Auf gut Glück ! Da steht in fester Handschrift , wenn auch die Rechtschreibung manches zu wünschen übrigläßt : » 1 April . Das heilige Abentmal genoßen in der Furgt des Herrn . Alle eure Sorge werfet auf ihn , er wirds wohl machen . Mamsell Stibbe wieder mit einem neuen Hut . Hochmuht kommt vor dem fall . Naseweiser Blick der dummen Triene . Dir wirt ' s auch noch gezeigt werden . Kalbfleisch 4 Groschen das Fund , wobei kein Mensch bestehen kann . Hulda im Verdacht von wegen Schwenzelpfennige - wäre zu arg doch . Abends Thee und Madamen Mollenkopf . 5 April . Heute waren der Herr pastor Nothzwang von der Sankt Matthaikirche bei mich : - ein rechter Leuchter des Herrn . Schokoladeh . Betrachtungen über die Sindhaftigkeid der Menschheid und vorzühglig der niedern Stände . Dem Herrn Pastor die Thür gewiesen vom alten hochnähsichen Tischler im Hofe . Pack ! ! ! Freches Volk alle miteinander ; Herr Renthier Mäuseler sollde kurzen Prozes mit sie machen . - Mimi unartig gewesen . Gescholden mit Hulda . ragout für Mimi . Nodhabehne . Ist der junge Strolch , welchen der alte schreiber zu Wintersanfang ins Haus gebracht hat , der unnatürlige Sohn des alden Fiebicher ? Heulsahme Betrachtunchen über die Lasterhafdigkeid der Menschheid . 8 April . In der Mathiaikirche Herr Pasthor Nothzwang wie ein Engel Gottes geprediget . In Schmolkes Hauspostile gelesen . große Erbauung . Ärger über die Schneidertriene , welche mich nachlacht , als ich aus dem Haus will . Was sich die Person einbilted ! Aber ' s ist noch nicht aller Dage Abend und der Krug geht so lange zu Wasser , bis er briecht . Bielded sich was ein auf ihr Lärvgen - Affe ! Betrachtungen über Gottes Langmuth . Viehsaviehs Cigarrenladen Bankerot gemacht ; erinnert mich am 25 September vergangen Jares Feifenasche auf den Kopf als ich aus dem Fenster sehe ; verbitte mich das - dagegen unhöfliches Benehmen und Antword des Herrn Polizeischreibers Fiebger . Das will Bolihzei sein ! 4 Uhr Nagmittags