Insektes , belebte sich wieder und schwellte mutwillig und volltönig an ; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurück , welche die Jasmin- und Holunderbüsche über den Grabzeichen bildeten , bis eine brummende Hummel den Reigen wieder ans Licht führte , die Blumenkelche nickten im Rhythmus vom fortwährenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten . Und unter diesem zarten Gewebe lag das Schweigen der Gräber und der Jahrhunderte , beredt und vollmächtig , und schwoll hinunter bis in die Tage , wo dieser Zweig alemannischen Wandervolkes sich hier festgesetzt und die erste Grube gegraben . Ihr Wort , Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grünen Gau , in den kleinen grauen Steinstädten , die an den Flüssen hangen oder an Halden lehnen , und ein heiliges Bewußtsein der Geschichte tat sich auf auf diesem Friedhofe . Daher empfand ich eine Art von Scheu , vor die ergraute Frau zu treten , die ich noch nie gesehen und mir eher als eine gestorbene Vorfahrin denn als eine lebendige Großmutter erschien . Auf engen Pfaden , unter fruchtbeschwerten Bäumen hin , um stille Gehöfte herum gelangten wir endlich vor , ihr Haus , welches in tiefgrünem schweigendem Schatten lag sie stand unter der braunen Tür und schien , die Hand über den Augen , sich nach mir umzusehen . Sogleich führte sie mich in die Stube hinein und hieß mich mit sanfter Stimme willkommen , ging zu einem blanken zinnernen Gießfasse , welches in gebohnter Nußbaumnische über einer schweren zinnernen Schale hing , drehte den Hahn und ließ sich das klare Wasser über die kleinen gebräunten Hände strömen . Dann setzte sie Wein und Brot auf den Tisch , stand lächelnd , bis ich getrunken und gegessen hatte , und setzte sich hierauf ganz nahe zu mir , da ihre Augen schwach waren , betrachtete mich unverwandt , während sie nach der Mutter und unserm Ergehen fragte und doch zugleich in Erinnerung früherer Zeit versunken schien . Auch ich sah sie aufmerksam und ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit kleinen Berichten , welche mir nicht hieher zu gehören schienen . Sie war schlank und fein gewachsen , trotz ihres hohen Alters beweglich und aufmerksam , keine Städterin und keine Bäuerin , sondern eine wohlwollende Frau ; jedes Wort , das sie sprach , war voll Güte und Anstand , Duldung und Liebe , Freude und Leid , von aller Schlacke übler Gewohnheit gereinigt , gleichmäßig und tief . Es war noch ein Weib , von dem man begreifen konnte , wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten , wenn es erschlagen oder beschimpft würde . Freilich war sie von ihrem Manne weder geachtet noch geliebt , sondern geknechtet , soweit dies möglich war ; aber da nicht mehr alle Mannen sind , kann auch das Weib seinen Vollwert nicht mehr haben . Ihr Mann erschien , ein diplomatischer und gemessener Bauer ; er begrüßte mich mit freundlicher Teilnahmlosigkeit , und nachdem er mit einem Blicke gesehen , daß ich eine ähnliche » phantastische « Natur wie mein Vater und desnahen in der Zukunft weder Ansprüche noch Streitigkeiten zu befürchten seien , ließ er seine Frau in ihrer Freude gewähren , gab ihr sogar gelassen zu verstehen , daß sie mich nach Gefallen bewirten dürfe , und ging wieder seine Wege . Ich blieb einige Stunden bei ihr , ohne daß wir viel sprachen ; sie saß stillvergnügt neben mir und schlief endlich lächelnd ein . Über ihre geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges , hinter welchem etwas vorgeht , man ahnte , daß sich dort Bilder in zartem , verjährtem Sonnenscheine zeigten , und die freundlichen Lippen verkündeten es in schwachen Regungen . Als ich mich erhob , um behutsam fortzugehen , erwachte sie sogleich , hielt mich an und betrachtete mich fremd ; wie in ihrer Person das meinem Dasein Vorhergegangene groß und unvermittelt vor mir stand , mochte ich als die Fortsetzung ihres Lebens , als ihre Zukunft dunkel und rätselhaft vor ihr stehen , da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich , in dem sie sich lebenslang bewegt hatte . Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer , wo sie in einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte , die sie von fahrenden Krämern zu kaufen pflegte , um sie gelegentlich an das junge Volk zu verschenken . Statt eines mächtigen Taschentuches ergriff sie , ihres blöden Gesichtes wegen , ein kleines rotseidenes Halstuch , wie es Bauermädchen tragen , und gab mir es , noch in das gleiche Papier gewickelt , in dem sie es gekauft . Ich mußte ihr versprechen , jeden Tag zu kommen und nächstens einmal dort zu speisen . Mein Vetter hatte sich längst entfernt , und ich suchte allein meinen Heimweg , das rote Tüchelchen in der Tasche . Bei einem Hause vorbeigehend , bemerkte ich einige derbe Kinder , welche wie der Blitz hineinliefen und dort lärmend etwas riefen . Eine Frau kam heraus , holte mich ein , kündigte sich als Base an und fragte , ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse ? Ich bejahte die Frage , indem ich mich entschuldigte , sie nicht gekannt zu haben . Sie nötigte mich nun in das Haus , wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine lange Treppe von unten bis oben mit großen viereckigen und runden Kuchen bedeckt war , auf jeder Staffel einer , um zu verkühlen . Während diese Base , ein rüstiges Weib in voller Blüte der Arbeitslust und Kraft , schnell ihre Haare zurückstrich und eine Schürze umband , hockten die Kinder alle hinter dem heißen Ofen und guckten scheu , doch kichernd hervor , ohne daß ich die Gewandtheit besaß , sie zahm zu machen , weil ich selbst noch zu nah an ihrem Alter stand und ihnen zuwenig überlegen war . Meine neue Gönnerin verkündigte , daß ich gerade zu einer guten Stunde gekommen sei , da sie