» - Sodom und Gomorrha ! Da haben Sie recht , das ist das richtige Wort ! « rief die Obristin , erfreut , an ein Wort sich klammern zu können , das sie für den Augenblick aus einer Verlegenheit riß , die , wie man an ihrem Zittern wahrnehmen konnte , schon peinlich geworden . Wie sie sich herausriß , war ihr gleichgültig . » Sodom und Gomorrha , Herr Prediger . O , Sie werden unsere Stadt noch anders kennen lernen . Aber um Gottes Willen nicht die Polizei ! Nicht zehn rechtschaffene Menschen unter tausend . Aber nicht die Polizei . Wer sich die auf den Hals ladet , sehen Sie - « Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin- und hergewickelt , bis sie ' s Jülli zuwarf mit dem Befehl , es ordentlich zu legen , daß es das Fräulein umschlagen könne , und hatte damit schnell einen neuen Ausweg gefunden . - » Sehen Sie , Herr Prediger , das ist ' s , ein reines pures Mißverständnis . Sehen Sie , Herr Prediger , das Tuch hier , weil ' s so kokliko roth ist - hier giebt ' s nicht solche - müssen die Mädchen damit ' rum schmeißen , gegen ' s Fenster - das haben sie für ' nen Affront angesehen , die Herren Kavalleristen - warum , das weiß der liebe Himmel ! Was sehn die nicht für ' nen Affront an , wenn ein ehrlicher Bürgersmann was thut - Sie wissen ja vom Lande , man darf kein roth Tuch aufhalten , dann fliegt das Federvieh - und rothe Federbüsche haben sie - alles , lieber Herr Prediger , nur nicht die Polizei ! Und die Herren Offiziere sind , im Grunde genommen , seelensgute Menschen . Nur Jugend ! Jugend muß man austoben lassen . Aber nur nicht die Polizei ! Soll Ihnen auch Keiner ein Haar krümmen , lieber Herr Prediger , jetzt erlauben Sie , will Sie in ein Dachstübchen schaffen , hinten raus , und Ihre Mamsell Töchter , die lieben Mädchen , wie mögen sich die erschrocken haben , da soll Sie auch keine Seele finden . Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren Geistlichen , ach , und die Herren Offiziere auch , aber unser herzensguter König wird sie schon besser machen . Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom Hofe her ; da wollen wir Alles arrangiren , ganz nach Ihrem Belieben ! Nur nicht die Polizei ! « Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt , er wusste so wenig warum , als Adelheid den Zusammenhang verstand , und noch weniger , warum die beiden Nichten , die mit ihr allein geblieben , in ein Kichern ausbrachen . Sie fragte nach dem Grunde . Karoline wollte vor Lachen platzen und drehte sich auf dem Hacken . Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte einen Kuß auf ihre Schultern : » Ach ' s ist besser für Dich , daß Du das nie erfährst . « - Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise : » Das musst Du mir das nächste Mal sagen , wenn wir uns wiedersehen . « - Jülli drückte hastig einen Kuß auf die schönen Lippen : » Du darfst uns nie wiedersehen . Adieu auf immer ! « Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken geschlungen . Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen . In antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter , während die Kleine mit verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog : » Nun sieh Dich in den Spiegel ! Das ist Venus , wie sie leibt und lebt , da auf dem Bilde ! « Adelheid sah in den Spiegel und erröthete , als sie den kleinen Betrug entdeckt . Es war ein schöner Anblick , sie musste es sich selbst sagen . Sie hob eben die Hand , um ihren Anzug zu ordnen , als - sie noch etwas anderes im Spiegel sah . Neunzehntes Kapitel . Der Sturm bricht los . Eine Thür ging auf , und ein junger Mann trat ein . Sein wild schönes Auge , trüb und wüst , wie eines Trunkenen , der eben aus dem Schlaf erwacht , die Haare verstört . Die Halsbinde hing ungeknotet über die Weste , den Rock hatte er nicht nöthig gefunden , anzuziehen . Er blieb auf der Schwelle stehen , und reckte die Arme , um den Schlaf zu vertreiben . Dies Bild sah Adelheid im Spiegel . Sie blieb athemlos stehen . Jetzt sah er sie ; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit , ihr Gesicht im Glase . Sein Auge belebte sich , es schoß auch im Spiegel einen Blitz , vor dem sie erschrak . » Was habt Ihr denn da für eine neue Tugend ! « Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten , und ehe Adelheid ausweichen konnte , hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen : » Tugend , ich will Dir ins Gesicht sehen ! « » Louis , Du wirst - ! Um Gottes Willen , Louis ! sie ist nicht von hier ! « hatte Jülli geschrieen , und riß vergebens an seinem Arm . » Eure Larven kenn ' ich . « Im selben Augenblick war die andere Thür aufgeflogen , die Obristin hereingestürzt . Ihre sonst so gutmüthigen Augen funkelten : » Der wieder da ! O , das musste noch kommen ! Für einen verlorenen Sohn ist Die zu gut ! Reißt sie dem Trunkenbold aus den Armen ! « Es wäre nicht unmöglich gewesen , daß sie mit ihren Fingern einen Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht , wenn nicht Adelheid sich jetzt rasch umgewandt , die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen hätte und gerufen : » Mein Herr ! So sehe ich aus . « Es war