er kann den Versucher immer sieghaft bekämpfen , aber er kann ihn nicht vernichten - er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten , wiederzukommen . « » Wenn einst diese Versuchungen aufhören könnten - wenn eine in Liebe und Gleichheit verbrüderte Gesellschaft sie unmöglich machte ? Wenn alle Menschen es vermöchten in heiliger Eintracht neben einander zu leben , daß nicht die Einen darben müßten , wo die Andern mitten im Uebersluß sich noch unbefriedigt fühlen ? « Nachdem er eine Weile still und sinnend am Fenster gestanden , stumm in die Nacht hinaus und empor zu den Sternen geschaut hatte , trat er wieder zurück an den kleinen Tisch , auf dem die verlöschte Lampe stand . Er zündete sie wieder an , setzte sich nieder , nahm Feder und Papier zur Hand und begann zu schreiben . Er wußte es : wenn so in ihm alle Gefühle in Aufruhr waren , wie jetzt , dann kam der Gott des Liedes über ihn . In Versen versuchte er es , den gewaltigen Sturm seines Herzens ausrasen zu lassen , indem er ihn durch die Worte und Töne , welche er ihm gab , zwar noch vermehrte und erhöhte , aber ihn so auch wohlthuend und weihevoll für seine Seele machte . So schrieb er jetzt : Es zieht ein Ahnen durch die Menschenseelen In banger Lust , in des Verlangens Pein , Als könnten Erd ' und Himmel sich vermählen , Als könnte auch die Menschheit glücklich sein . Doch alles Leben ist ein dumpfes Quälen , Vergeblich Jagen nach des Glückes Schein , Es ist ein Ringen ohne Rast und Frieden , Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden . Und ob auch ringsum Freudenblumen blühen - Wer ist , der sie zum Heil der Menschheit bricht ? Die Menschheit ringt im Staub , in dumpfem Mühen , Der Arme weiß von anderm Ziele nicht , Der Sclave kann nicht für das Recht erglühen , Von dem nur leis ' die innre Stimme spricht . Ein großer Fluch ist in die Welt gekommen , Er lastet schwer - er wird nicht weggenommen ! » Den Armen ist das Himmelreich beschieden - « Einst klang dies Wort als Tröstung durch die Welt , Der Mensch soll dulden , leiden nur hienieden , Der Glaube ist es , der ihn aufrecht hält ! Im stillen Hoffen auf des Himmels Frieden Ertragen alles Leid , wie ' s Gott gefällt , So heischen es die frommen Christuslehren , Durch Himmelstrost die Erde zu verklären . Doch warum nur die Armen so ermahnen ? Warum , nur sie verweisen auf das Dort ? Warum daß nur auf ihren Lebensbahnen Das Grab erscheint als einzger Friedensort ? Warum ? - und wieder naht ein banges Ahnen - O flieh ' , Versucher , fliehe von mir fort ! Die Menschen nur - nicht Gott ist zu verklagen , Die Menschen , die den Gott an ' s Kreuz geschlagen . Ach käm ' er , diese Welt erlösend , wieder Und stiftete ein irdisch Liebesreich , Wo alle Menschen nicht nur Glaubensbrüder , Wo sie in Wahrheit all ' einander gleich , Dann käm ' der Himmel zu der Erde nieder , Dann wär ' gelöst der Fluch von Arm und Reich , Und Millionen sänken Brust an Brust Und würden sich des Daseins Glück bewußt ! O daß er käme zu der armen Erde In dieser bösen unglücksel ' gen Zeit - Auf daß es Frieden bei den Menschen werde , Auf daß er sie aus ihrer Schmach befreit ' Und durch die Liebe alles Sein verklärte , Das jetzt durch Druck und Selaverei entweiht . O daß ein Gott zu uns herniederkäme Mit unserm Wahn auch unser Leid uns nähme ! - Er stand auf , legte die Feder weg , trat an ' s Fenster und faltete seine Hände . » Schöner Traum , « sprach er wieder , seine sinnende Stirn in die rechte Hand drückend : » vielleicht erfüllbar auf einem schönern Sterne ! - Vielleicht , daß da oben unter diesen Tausenden strahlender Kugeln , auch eine solche Erde ihre ewigen Bahnen zieht , auf der alle Wesen in brüderlich heiliger Eintracht vereint leben - vielleicht , daß dort dieser Traum mehr ist , als ein müssiges Spiel der Phantasie - aber hier kann er nimmer zur Wirklichkeit werden , auf dieser unfähigen Erde mit diesen schwachen Wesen , die sich Menschen nennen . Wir haben ja mit uns selbst nie Frieden im Innern - wir können nicht , wir dürfen nicht im geträumten seligen Frieden leben - wir müssen kämpfen , damit wir unsere Kraft üben , kämpfen und ringen . « » Wir sollen uns nehmen , was man uns verweigert ? Wir sollen die Reichen zwingen , mit uns zu theilen . - Und unser Gewissen ? Und unser Gott ? « » Ha ! Das ist es ! Auch mit der Religion wollen sie ein Ende machen - auch den Glauben nennen sie eine Dummheit ! Und da wachen laut in meiner Brust Tausend Stimmen auf und schreien dagegen - da ist mir , als rissen sie mir mein Herz aus , während ich noch athme - und ließen mich allein in einer Nacht - nicht sanft und mild und hell wie diese - in einer Nacht ohne Sterne . « » Ach , seht Ihr auf mich herab Sterne des Himmels , gebt mir Licht ! « » Es war auch einmal so eine Stunde , wo ich den Himmel fragte , ob es einen Gott gebe ! Da lebte meine Mutter noch und hört ' es und ward bleich - und sank auf ihre Kniee nieder und betete einen frommen Spruch und weinte laut . Sie faßt ' es gar nicht , daß man so fragen könnte , und meinte vor Schauder zu sterben . Was ist ' s denn nun weiter ? fragt ' ich sie noch .