die Intelligenz zu thun ? Oder wohnt sie etwa in den Köpfen der Soldaten die in Parade aufmarschiren ? der Virtuosen , die von den vierundzwanzig Stunden des Tages zwanzig ihren Fingerübungen widmen ? der Journalisten , die ihre Zeitungsartikel aus Klatschereien , Lügen und Träumen zusammenschmieden ? der Philosophen und Menschenbeglücker von denen die Welt strotzt , während dieselbe Welt nie ärmer an Weisheit und Glück war als eben jezt ? der Künstler die zu Tausenden in den Akademien und Ateliers herum vagabondiren ? - Du wirst nicht behaupten daß in diesen verkümmerten , leeren , dürren Geschöpfen der Geist zur Entfaltung gekommen sei . Sie sehen auf das Gefühl herab , während sich die Weiber vor dem Verstande scheu zurückziehen . So bleibt jeder Theil in seiner Einseitigkeit , und ohne Verschmelzung beider Elemente ist für keinen Theil an Vollkommenheit zu denken , und ebenso wenig an die wahre heilige Gemeinschaft , die der Schöpfer zwischen den beiden Geschlechtern gewollt hat , indem er die eine Hälfte zum Vertreter der Intelligenz , die andere zum Vertreter des Herzens bestimmt hat . Das sind zwei Stralen die von demselben Licht ausgehen - und dies Licht heißt göttliche Liebe . Schmelzen sie zur Einheit zusammen , so stellen sie das Abbild jenes Urbildes dar . Ihr verhöhnt Gott und lästert die Natur wenn Ihr sprecht das Weib sei ein inferiöres Geschöpf . Laß Dir Eine nennen in der vollen Glorie wie Gott und die Natur sie gewollt haben , und dann sprich : ist der Mann superiör ? - nicht blos der , welcher neben ihr steht ; nein ! der allergrößte , den die Welt aufzuweisen hat ? - Gewiß nicht ! Heloise darf neben einem jeden stehen . Diese Schönheit , diese Liebe , dieser Geist , diese Entsagung , diese Treue , diese Weisheit , dies Marterthum , diese lichtvolle Klarheit , diese flammende Glut , diese standhafte Ausdauer über allen Schmerz , alles Elend , alle Zeit hinweg , dieser Stralen- und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer , den Abälards finstre Liebe auf ihre Stirn drückt - bildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben von solcher Entwickelung und solcher Intensität daß einem das Herz - der Mutterschooß dieses Lebens - als ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint . Nein , Otbert ! ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns ; aber wir sind es weil wir auf einer embryonischen Stufe unsrer Entwickelung stehen - nicht weil uns die Fähigkeiten zu einer höheren mangeln . Deine Bemerkung daß ein Geist der Unzufriedenheit und des Mißbehagens sich in uns rege - ist vollkommen richtig : die Chrysalide erwacht , fühlt sich in Haft und Dunkel , und strebt nach Befreiung und Licht . Aber Deine Behauptung , daß dies Bestreben uns um das Glück bringe geliebt zu werden - hat mich herzlich lachen gemacht , weil sie so sehr nach deutschem Spießbürgerthum schmeckt . Es muß wirklich namenlos schwer für einen Deutschen sein den Philister auszuziehen , da es sogar Dir , einem Dichter ! einem Cosmopoliten ! nicht gelingt . Um bei Heloisen stehen zu bleiben , so vernichtet sie Deine Behauptung ; und ich frage Dich : würde es Dir nicht eine größere Genugthuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben , obwol sie lateinisch und griechisch verstand , als ein Dämchen unsrer Tage , welches statt dessen die hergebrachten Theetisch-Phrasen versteht . Bist Du denn auch , mein armer Otbert , mit des Philisters fixer Idee von der versalzenen Suppe behaftet ? Ach , gieb sie auf ! schon deshalb , weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet , elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschäftigen . Glaube mir - wenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hängt - Heloise würde sie Euch eher kochen , als Philisters-Frau ; denn eine Königin fühlt sich durch Mägdedienst nicht erniedrigt , weil sie ihres Königthums gewiß ist ; aber die Magd sträubt sich , weil sie für etwas Besseres gelten mögte als was sie ist . « Diesen Brief beantwortete Astrau nicht . Bis er bei ihm anlangte mogte er Arabella , welche die eigentliche Veranlassung unsrer Correspondenz gewesen war , bereits ganz vergessen haben . Sie starb im Spätherbst desselben Jahres . Das Leben hatte ihre Kräfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren , als sie keinen Gegenstand fanden an dem sie sich üben konnten . Sie starb an Erschöpfung in ihrem achtundzwanzigsten Jahr . Zu der Zeit wußte Astralis schon nicht mehr , daß sie eine andre Mutter gehabt als mich . Sie wuchs zwischen uns auf als mein italienisches Pflegekind - wie meine Hausgenossen sie nannten . Ereignisse gab es in jener Zeit gar nicht , also keine äußere Veranlassung zu Glück oder Unglück . Mein Schwiegervater brachte alljährlich im hohen Sommer vier Wochen bei mir zu . Dann gab ich zu seinem Empfang und zu seinem Abschied zwei große steife langweilige Diners , zu denen sich meine wenigen Nachbarn zwei bis drei Meilen weit herbemühten . Ab und an mußte ich auch ihre Einladungen annehmen , was denn freilich eine große Plage war ; denn zwei Stunden brauchte ich zur Hinfahrt , zwei Stunden saß man an der Tafel , eine Stunde trank man Kaffee und ging man im Garten spazieren , und zwei Stunden währte die Heimkehr . Das gesellschaftliche Landleben in Norddeutschland ist auf einen ceremoniösen , steifen Fuß gesetzt , der Alles erdrückt was man Vergnügen nennen könnte . Da man sich nie anders als in Galla und bei Tafel sieht , so tritt man nie aus einer förm- und feierlichen Stimmung zu einander heraus . Möge man zehn Jahr im sogenannten nachbarlichen Verkehr gelebt haben - dennoch kommt man immer wie Fremde zusammen . Das Familienleben wird dadurch gehegt , spricht man , und das ist gewiß ein großer Vorzug . Ich leugne es nicht