halte es für die Pflicht eines aufgeklärten Juden , den Christen ihre Ungerechtigkeiten gegen unsern Stamm zu vergelten durch Liebe . Ich ging darauf ein , weil es mir nicht möglich ward , den seltsamen Menschen zu entfernen . Auch würde dies wenig genützt haben , da mein ganzes Wesen schon auf das Innigste mit jener Zweideutigkeit des Genusses verwachsen war , die immer Produkt eines zerbrochenen Gewissens ist . So setzte ich meine sinnlichen Ausschweifungen fort , ohne dem Geist die üppigste Nahrung zu entziehen . Der Geist war mächtiger , als meine Sinne und fruchtbarer als sie . Die physischen Kräfte erschöpften sich nach und nach , aber die geistigen wuchsen und tobten um so ungestümer , je spärlicher sie einen Gegensatz und Widerstand fanden im Tumult sinnlichen Rausches . Mardochai stand treu ausharrend an meiner Seite . In seinem dunklen Auge lag ein eigner Glanz . Nicht die Sonne der edlen Freiheit schien dieses Licht entzündet zu haben , sondern irgend ein Dämon . Die Gluth warf keinen Schimmer auf den Himmel , aus dem sie herabflammte , vielmehr spielte die Blässe eines ewiges Todes mit winterlich kältendem Hauch um das edelgeformte Antlitz . Ein abstoßender Ernst lag auf den kalten Zügen , eine zurückhaltende Scheu dämmerte oft um sein Auge und schien Traumgebilde zu formen , die nicht Leben empfangen hatten am Busen der Liebe und Schönheit . Bald zog Mardochai auch Casimir in unsern seltsamen Bund . Nun ist die Dreieinigkeit fertig sagte er , als wir zum ersten Male beisammensaßen und die Rettung der Menschheit besprachen aus dem Tod fesselnder Gesetze . Casimir war aber eher ein störender , als helfender Gefährte . Diesem Menschen lag in der Bizarrerie seines ganzen Daseins mehr daran , Unerhörtes vorzuschlagen , als ernstlich auf ein rettendes Mittel zu sinnen für die trübselig dahin sterbende Menschheit . Dennoch sträubte sich Mardochai immerdar , den einmal Angeworbenen wieder zu entlassen . Solche Käuze sind nöthig , um unsere zu große Zahmheit immer zu stacheln , meinte er . Casimir vertritt die Stelle eines Sporns . Er haut uns die Weichen wund und treibt die deutsche Sentimentalität aus unsern Leibern . Ich gab mich zufrieden und lebte dem Ziele entgegen , das ich mir gesteckt hatte . Mardochai begleitete mich überall hin . Sein Geist war unermüdlich , selbst in Dinge einzudringen , die ihm völlig fremd geblieben . Mit erstaunenswerther Pfiffigkeit erlauschte er die Schwächen der christlich- theologischen Doctrin , indem er zugleich feine , ich möchte sagen , graziöse Blicke der Misbilligung auf Christum warf . Ich würde mich wundern , pflegte er dann wol zu sagen , wie es möglich gewesen , daß einer meiner früheren Stammesgenossen so leise dem Irrthum nahe treten konnte , hätte nicht die Liebe zu allgewaltig gesprochen in seinem Herzen . Liebe frommt und treibt zu bewundernswürdigen Thaten , es ist aber doch gut , sich nicht von ihr beherrschen zu lassen . Dadurch gibt man zu leicht der Rache Gelegenheit und dem Hasse , sie mindestens zu kecken Neckereien zu verlocken . Ware ich ein Prophet , die Religion meiner Liebe würde eine gepanzerte Jungfrau sein ! Und ist die unsrige das nicht ? warf ich fragend dazwischen . Nein , Gleichmuth , Eure Religion ist ein unschuldiges Mädchen . Man kann es bethören durch unbefangene Zärtlichkeit . Es wäre ein tragischer Scherz , wenn ein Jude so liebenswürdig bezaubernd , so galant siegreich sein könnte , daß diese unschuldsreine Heilige seinen Einflüsterungen Glauben schenken und sich ihm in freudiger Hingebung überliefern könnte . Sapperment , fiel Casimir ein , ich wollte die Unschuld seufzen lassen und ihr blutige Thränen auspressen . Die Lust ist eine Schraube ohne Ende in der nachgiebigen , weichen Mutter der Dummheit . - » Solche Fratzenschneidereien der Gedanken würden mich verletzt haben , wären sie nicht aus Freundes Munde gekommen und ein Beweis gewesen für das Gefallensein unserer ganzen Verbrüderung . Auch trug das abgestumpfte Nervenleben dazu bei , mich vor nichts mehr erröthen zu lassen . Ich hielt für Gleichmuth weisen Ueberblick und ein grenzenloses freies Denken , was doch nur Ergebniß war einer langsam gesuchten und erlangten Entsittlichung . Die Heiligkeit des göttlichen Ebenbildes war mit Schleiern in mir bedeckt , die nur aufstiegen vor dem zitternden Auge , wenn es die Wollust berührte mit dem schmeichelnden Finger der Dunkelheit . Es war ein grauenvoller Irrthum , in dem ich mich selbst zu Tode tobte , aber der Irrthum war verzeihlich , ja sogar natürlich ; denn ihn hatte geboren die Unnatur des Seelenlebens , in dessen heiligen Schlingen die Religion des Herzens unter Wonneschauern abgewürgt wird . Mardochai mochte ahnen , daß meine Physis sich erschöpfe , theils durch die Zügellosigkeit , der ich mich anfangs überlassen hatte , theils durch das geistige Ueberspannen aller Kräfte , das aufreibend wirken mußte auch auf den Körper . Ich brach zusammen , wie eine Eiche , an dessen Stamm der Zahn der Vernichtung feilt . Mardochai rieth zur Mäßigung , der er selbst sich hingab . Dieser Mensch war nie enthaltsam aber immer mäßig . Es gibt keinen mehr auf Erden , den ich so zerrüttet , so durchpeitscht gesehen habe von Leidenschaften , als diesen Juden . Die entsetzlichste seiner Leidenschaften war aber doch die Ruhe . Und nur so kann die Rache groß sein , weil sie eine Errettung erzielt . Ungeachtet ich Mardochai ' s Rath befolgte , mußte ich doch mit innerm Entsetzen wahrnehmen , daß sich die Natur und Gott in ihr nur einmal foppen und höhnen lasse . Ich ward physisch , was bei geistiger Ermattung der Blödsinn ist . Die Lust der Sinne erlosch , weil die Kraft erschöpft war , aus der sie hervorgetobt . - Noch hielt ich es für Täuschung und Mardochai bestärkte mich darin . Als Arzt vertraute ich ihm , bat um Hilfe , und ein Lächeln , das den bleichen Schleier seines Gesichtes zerriß , wie das Erdbeben beim Tode Christi