gelebt , die in Racines Tragödien gespielt haben ! Und die Stelle war ja doch gestrichen , du hast sie nie in der Probe gesagt . « » Ich wollte eben überraschen ! « rief ihm Mannlich entgegen ; » ich wollte diese nichtssagenden Striche der neuern Editionen zur alten , richtigen Lesart zurückführen . Diese Schattierung , diese Eigentümlichkeit ist nach meiner Überzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich . « Alle lachten , und Emmrich sagte : » Man hat mir erzählt , doch kann ich die Wahrheit der Anekdote nicht verbürgen , daß , als der großherzige Fürst von Weimar mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt , sie in Sachsenhausen , wohin sie spaziert waren , von einem groben Sachsenhäuser , der sich mit den Nachbarn zankte , diesen nationalen Ausdruck , wie ihn der Baron nennt , vernahm . « Der Herzog sagte hierauf ganz ernsthaft zu Goethe : » Es muß dir doch wohltun , zu erleben , wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in ihm Wurzel schlagen . Hast du gehört , wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine Stelle aus deinen Werken zitiert hat ? « Die übrigen lachten , doch Mannlich blieb verdrüßlich und wurde es noch mehr , als er hörte , daß die Dame des Hauses sich für jetzt seine Besuche verbeten habe . Er ritt zornig fort und schwur , sich und seine Zeit niemals wieder für Freunde und für die Kunst aufzuopfern . Zweiter Teil Vierter Abschnitt Schon am frühen Morgen war alles im Schlosse lebendig . Die Herrschaften wollten eine starke Tagesreise machen , und deshalb brachen sie so zeitig auf . Noch beim Abschiede sagte die Mutter zu Elsheim : » Es kann sein , mein Sohn , daß ich zwei Wochen ausbleibe , um einmal wieder nach langer Zeit mit meiner Schwägerin zu leben und mich mit ihr zu verständigen . Auch bin ich es ihr und der Fürstin schuldig , deutlich zu zeigen , daß ich mit dieser deiner Extravaganz nicht einverstanden war . Wie die jetzige junge Welt denken mag , ist mir freilich unbekannt geblieben , aber wir müssen dir wenigstens so viel zeigen , daß man mit uns , der älteren Generation , welche bessere Zeiten gewohnt war , nicht so umgehen darf . « Elsheim kehrte verdrüßlich und verstimmt auf sein Zimmer zurück . So war das Fest geendigt . Die Erhebung des Gemütes , die Erneuung seiner Jugend , alles , worauf er sich seit Jahren gefreut , hatte nun eine solche Wendung genommen , die ihn demütigte und ihm alle Laune raubte . Er zürnte auf sich , daß er der Mutter darin nachgegeben hatte , diese übervornehmen und versteinerten Gäste einzuladen ; nicht minder aber auf jenen ältern Jugendgenossen , der ihnen allen aus barockem Eigensinn und pedantischer Roheit die Freude verdorben hatte . Dieser hatte sich erzürnt auf sein Gut begeben , indem er , der alle verletzt und beleidigt hatte , den Gekränkten spielte . Die Mutter , die in ihrer Verwandten und den hohen Gästen tief verletzt war , verließ in ihrem vorgerückten Alter ihre behagliche Wohnung , um jenen Hochfahrenden eine Art von Genugtuung zu geben . - Elsheim schloß sich ein und wollte wenigstens vor dem Mittagstische niemand sehen und sprechen . Der alte Joseph brachte dem jungen Tischler das Frühstück auf sein Zimmer , was nur selten geschehen war , aber jedesmal als ein Zeichen diente , daß der Baron auf irgendeine Weise abgehalten sei und allein sein wolle , oder schon im Freien umherwandle . Joseph war schon frisiert und im Frack , und die Spitzenmanschetten fielen länger über die dürren Hände hinunter , als an anderen Tagen . » Bei der frühen Abreise « , sagte er feierlich , » mußte ich mich schon beizeiten schmücken , weil ich mit eigenen Händen den Damen , sowie dem Herrn Reichsgrafen in ihre Wagen half . « » Ach ! bester Herr Professor « , sagte er nach einiger Zeit , » ich habe diese Nacht nicht viel schlafen können , denn ich habe viel weinen müssen . Glauben Sie mir nur , diese Begebenheit wird im ganzen Lande eine ungeheure Sensation machen . Die Herrschaften lassen es sich nicht ausreden , daß die abscheuliche Tirade allein auf sie gemünzt gewesen sei , und nun scheint es ihnen eine ausgemachte Sache , daß der Herr Baron Mannlich ein giftiger , eingefleischter Jakobiner sei , der durch dieses Motto oder diesen Unsitten-Spruch den ganzen Adel habe beschimpfen und erniedrigen wollen . Die skandalöse Anekdote kommt nun an den Höfen herum und wird sehr verschiedentlich ausgelegt werden . Zwar sind in unsern Jahren die Jakobiner völlig abgeschafft , und man will sagen , sie seien völlig eingegangen ; aber um so schlimmer , wenn man nun auf die Vermutung kommt , daß sie in unserer Familie ganz von neuem wieder aufschießen . Nein , dergleichen hätte unser junger lieber Herr vermeiden sollen . Ach , der alte selige Herr Vater ! Wenn er hätte voraussehen können , daß dergleichen hier in seinem alten ehrwürdigen Schlosse sich zutragen sollte ! Sehen Sie , lieber Herr Professor , das war so recht ein Mann nach dem Herzen Gottes . In seinen letzten Jahren wollten sie ihm nachsagen , er neige zu den Herrnhutern hin ; es war aber wohl nur , weil er über alles in der Welt Ruhe Anstand und Ordnung liebte . Still mußte es hergehen ; alles Geräusch war ihm fatal , außer es mußte denn unentbehrlich notwendig sein . Kein rauhes Wort wurde im ganzen Hause gehört , noch weniger Schimpfen und Fluchen ; das Gemeine , Triviale und Pöbelhafte war ihm in der innersten Seele verhaßt . So kam es denn , daß sich alle Dienstleute mehr oder minder nach ihm bildeten und figurierten , wie das wohl in allen Häusern geschieht , wo die Dienenden nicht oft gewechselt werden . Ich schwöre Ihnen beim