ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte . » Lieder der Liebenden « , sagte die schöne Frau , » mag ich weder vorgelesen noch vorgesungen ; glücklich Liebende beneidet man , eh ' man sich ' s versieht , und die Unglücklichen machen uns immer Langeweile . « Hierauf nahm die ältere Dame , zu ihrer holden Freundin gewendet , das Wort auf und sagte : » Warum machen wir solche Umschweife , verlieren die Zeit in Umständlichkeiten gegen einen Mann , den wir verehren und lieben ? Sollen wir ihm nicht vertrauen , daß wir sein anmutiges Gedicht , worin er die wackere Leidenschaft zur Jagd in allen ihren Einzelheiten vorträgt , schon teilweise zu kennen das Vergnügen haben , und nunmehr ihn bitten , auch das Ganze nicht vorzuenthalten ? Ihr Sohn « , fuhr sie fort , » hat uns einige Stellen mit Lebhaftigkeit aus dem Gedächtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht , den Zusammenhang zu sehen . « Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohns zurückkehren und diese hervorheben wollte , ließen es die Damen nicht gelten , indem sie es für eine offenbare Ausflucht ansprachen , um die Erfüllung ihrer Wünsche indirekt abzulehnen . Er kam nicht los , bis er unbewunden versprochen hatte , das Gedicht zu senden , sodann aber nahm das Gespräch eine Wendung , die ihn hinderte , zugunsten des Sohnes weiter etwas vorzubringen , besonders da ihm dieser alle Zudringlichkeit abgeraten hatte . Da es nun Zeit schien , sich zu beurlauben , und der Freund auch deshalb einige Bewegung machte , sprach die Schöne mit einer Art von Verlegenheit , wodurch sie nur noch schöner ward , indem sie die frisch geknüpfte Schleife der Brieftasche sorgfältig zurechtzupfte : » Dichter und Liebhaber sind längst schon leider im Ruf , daß ihren Versprechen und Zusagen nicht viel zu trauen sei ; verzeihen Sie daher , wenn ich das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein Pfand , einen Treupfennig nicht verlange , sondern gebe . Nehmen Sie diese Brieftasche , sie hat etwas Ähnliches von Ihrem Jagdgedicht , viel Erinnerungen sind daran geknüpft , manche Zeit verging unter der Arbeit , endlich ist sie fertig ; bedienen Sie sich derselben als eines Boten , uns Ihre liebliche Arbeit zu überbringen . « Bei solch unerwartetem Anerbieten fühlte sich der Major wirklich betroffen ; die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein Verhältnis zu dem , was ihn gewöhnlich umgab , zu dem übrigen , dessen er sich bediente , daß er sie sich , obgleich dargereicht , kaum zueignen konnte ; doch nahm er sich zusammen , und wie seinem Erinnern ein überliefertes Gute niemals versagte , so trat eine klassische Stelle alsbald ihm ins Gedächtnis . Nur wäre es pedantisch gewesen , sie anzuführen , doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf , daß er aus dem Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und ein zierliches Kompliment entgegenzubringen im Falle war ; und so schloß sich denn diese Szene auf eine befriedigende Weise für die sämtlichen Unterredenden . Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes Verhältnis verflochten ; er hatte zu senden , zu schreiben zugesagt , sich verpflichtet , und wenn ihm die Veranlassung einigermaßen unangenehm fiel , so mußte er es doch für ein Glück schätzen , auf eine heitere Weise mit dem Frauenzimmer in Verhältnis zu bleiben , das bei ihren großen Vorzügen ihm so nah angehören sollte . Er schied also nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit ; denn wie sollte der Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden , dessen treufleißiger Arbeit , die so lange unbeachtet geruht , nun ganz unerwartet eine liebenswürdige Aufmerksamkeit zuteil wird . Gleich nach seiner Rückkehr ins Quartier setzte der Major sich nieder , zu schreiben , seiner guten Schwester alles zu berichten , und da war nichts natürlicher , als daß in seiner Darstellung eine gewisse Exaltation sich hervortat , wie er sie selbst empfand , die aber durch das Einreden seines von Zeit zu Zeit störenden Sohns noch mehr gesteigert wurde . Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck ; denn wenn auch der Umstand , wodurch die Verbindung des Bruders mit Hilarien befördert und beschleunigt werden konnte , geeignet war , sie ganz zufriedenzustellen , so wollte ihr doch die schöne Witwe nicht gefallen , ohne daß sie sich deswegen Rechenschaft zu geben gedacht hätte . Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende Bemerkung . Den Enthusiasmus für irgendeine Frau muß man einer andern niemals anvertrauen ; sie kennen sich untereinander zu gut , um sich einer solchen ausschließlichen Verehrung würdig zu halten . Die Männer kommen ihnen vor wie Käufer im Laden , wo der Handelsmann mit seinen Waren , die er kennt , im Vorteil steht , auch sie in dem besten Lichte vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen kann ; dahingegen der Käufer immer mit einer Art Unschuld hereintritt , er bedarf der Ware , will und wünscht sie und versteht gar selten , sie mit Kenneraugen zu betrachten . Jener weiß recht gut , was er gibt , dieser nicht immer , was er empfängt . Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang nicht zu ändern , ja so löblich als notwendig , denn alles Begehren und Freien , alles Kaufen und Tauschen beruht darauf . In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die Baronesse weder mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der günstigen Schilderung des Vaters völlig zufrieden sein ; sie fand sich überrascht von der glücklichen Wendung der Sache , doch ließ eine Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht abweisen . Hilarie ist ihr zu jung für den Bruder , die Witwe für den Sohn nicht jung genug ; indessen hat die Sache ihren Gang genommen , der nicht aufzuhalten scheint . Ein frommer Wunsch , daß alles gut gehen möge , stieg mit einem leisen Seufzer empor