auf . Es ist gar nichts mehr auf der Welt anzufangen . Ich kann das verdammte traurige Wesen nicht leiden ! Ich bin daher schon über einen Monat weder aufs Schloß , noch sonstwo ausgekommen . Sie sind doch recht glücklich ! Sie sehen immer neue Gegenden und neue Menschen . Ich weiß die vier Wände in meiner Kammer schon auswendig . Ich habe meine zwei kleinen Fenster mit Stroh verhangen , denn der Wind bläst schon infam kalt durch die Löcher herein , auch alle meine Wanduhren habe ich ablaufen lassen , denn das ewige Picken möcht einen toll machen , wenn man so allein ist . Ich denke mir dann gar oft , wie Sie jetzt auf einem Balle mit schönen , vornehmen Damen tanzen , oder weit von hier am Rheine fahren oder reiten , und rauche Tabak , daß das Licht auf dem Tische oft auslischt . Gestern hat es zum ersten Male den ganzen Tag wie aus einem Sacke geschneit . Das ist meine größte Lust . Ich ging noch spätabends , in den Mantel gehüllt , auf den Berg hinaus , wo wir immer nachmittags im Sommer zusammen gelegen haben . Das Rauchtal und die ganze , schöne Gegend war verschneit und sah kurios aus . Es schneite immerfort tapfer zu . Ich tanzte , um mich zu erwärmen , über eine Stunde in dem Schneegestöber herum . Dies hab ich schon vor einigen Monaten geschrieben . Gleich nach jener Nacht , da ich draußen getanzt , verfiel ich in eine langwierige Krankheit . Alle Leute fürchteten sich vor mir , weil es ein hitziges Fieber war , und ich hätte wie ein Hund umkommen müssen ; aber Fräulein Julie besuchte mich alle Tage und sorgte für Medizin und alles , wofür sie Gott belohnen wird . Ich wußte nichts von mir . Sie sagt mir aber , ich hätte immerfort von Ihnen beiden phantasiert und oft auch gar in Reimen gesprochen . Ich muß mir das Zeug durch die Erkältung zugezogen haben . - Jetzt bin ich , Gott sei Dank , wiederhergestellt , und mache wieder fleißig Uhren . - Neues weiß ich weiter nichts , als daß seit mehreren Wochen ein fremder Kavalier , der in der Nachbarschaft große Herrschaften gekauft , zu uns auf das Schloß kommt . Er soll viele Sprachen kennen und sehr gelehrt und bereist sein , und will unser Fräulein Julie haben . Die gnädige Frau möchte es gern sehen , aber dem Fräulein gefällt er gar nicht . Wenn sie nachmittags oben im Garten beim Lusthause sitzt und ihn von weitem unten um die Ecke heranreiten sieht , klettert sie geschwind über den Gartenzaun und kommt zu mir . Was will ich tun ? Ich muß sie in meiner Kammer einsperren , und gehe unterdes spazieren . Neulich , als ich schon ziemlich spät wieder zurückkam und meine Tür aufschloß , fand ich sie ganz blaß und am ganzen Leibe zitternd . Sie war noch völlig atemlos vor Schreck und fragte mich schnell , ob ich ihn nicht gesehen ? Dann erzählte sie mir : als es angefangen finster zu werden , habe sie auf meinem Bette in Gedanken gesessen , da habe auf einmal etwas an das Fenster geklopft . Sie hätte den Atem eingehalten und unbeweglich gesessen , da wäre plötzlich das Fenster aufgegangen und Ihr leibhaftiger Page , der Erwin , habe mit totenblassem Gesicht und verwirrten Haaren in die Stube hineingeguckt . Als er sich überall umgesehen und sie auf dem Bett erblickt , habe er ihr mit dem Finger gedroht und sei wieder verschwunden . Ich sagte ihr , sie sollte sich solches dummes Zeug nicht in den Kopf setzen . Sie aber hat es sich sehr zu Herzen genommen , und ist seitdem etwas traurig . Die Tante soll nichts davon wissen . Was gibt ' s denn mit dem guten Jungen , ist er nicht mehr bei Ihnen ? - Soeben , wie ich dies schreibe , sieht Fräulein Julie drüben über den Gartenzaun . - Als ich sagte , daß ich an Sie schriebe , kam sie schnell aus dem Garten zu mir herüber und ich mußte ihr eine Feder schneiden ; sie wollte selber etwas dazuschreiben . Dann wollte sie wieder nicht und lief davon . Sie sagte mir , ich solle Sie von ihr grüßen und bitten , Sie möchten auch den Herrn Grafen Leontin von ihr grüßen , wenn er bei Ihnen wäre . Kommen Sie beide doch bald wieder einmal zu uns ! Es ist jetzt wieder sehr schön im Garten und auf den Feldern . Ich gehe wieder , wie damals , alle Morgen vor Tagesanbruch auf den Berg , wo Sie und Leontin mich immer auf meinem Sitze besucht haben . Die Sonne geht gerade in der Gegend auf , wo Sie mir immer an den schwülen Nachmittagen beschrieben haben , daß die Residenz liegt und der Rhein geht . Ich rufe dann mein Hurra und werfe meinen Hut und meine Pfeife hoch in die Luft . P. S. Die niedliche Braut , auf die Sie sich vielleicht noch von dem Tanze auf dem Jagdschlosse her erinnern , besucht uns jetzt oft und empfiehlt sich . Sie leben recht gut in ihrer Wildnis , sie hat schon ein Kind und ist noch schöner geworden und sehr lustig . Adieu ! « Friedrich legte das Papier stillschweigend zusammen . Ihn befiel eine unbeschreibliche Wehmut bei der lebhaften Erinnerung an jene Zeiten . Er dachte sich , wie sie alle dort noch immer , wie damals , seit hundert Jahren und immerfort zwischen ihren Bergen und Wäldern friedlich wohnen , im ewig gleichen Wechsel einförmiger Tage frisch und arbeitsam Gott loben und glücklich sind , und nichts wissen von der andern Welt , die seitdem mit tausend Freuden und Schmerzen durch seine Seele gegangen . Warum konnte er , und wie er wohl bemerkte , auch Viktor nicht ebenso glücklich und ruhig sein