ganz andre Erfahrungen über den Dichtercharakter machen ; bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den Gruß der Mädchen . « - Der Graf trat ein und berichtete mit möglicher Vorsorge in vollkommener Treue . Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen , er fragte die anwesende Gräfin , was er getan ; er verwunderte sich , als ihm die Verlobung erzählt wurde , lächelte , sagte , es sei eine schöne milde Täuschung seiner Sinne gewesen ; sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend : Willst du nicht den Ring bewahren , Den die Freundin lange trug , Der geschmückt mit ihren Haaren ; Nahmst du ihn aus bloßem Trug ? Schickest ihn mit klaren Sinnen Und mit ernstem Wort zurück ! Kann ich mich doch nicht besinnen , Was ich dacht in deinem Blick , Tröstend ist es mir gewesen , Was ich damals zu dir sprach , Denn ich bin davon genesen Und ich war vorher so schwach . Warum willst du nicht behalten , Was ich gern im Traum verlor , Kann ich doch nichts fester halten , Denn ich bin und bleib ein Tor . Nimm statt eines , beide Ringe , Daß ich nicht mein Unglück seh , Halt mich nicht so ganz geringe , Daß ich dich mit List umgeh . Alles Glück hab ich empfunden , Mit der Liebsten schwand es hin . Immer bluten meine Wunden , Bis ich ganz verblutet bin . Glück soll dir die Hände bieten , Unglück brächte meine Hand , Denn gefallen sind die Blüten , Und ich bin vom Schmerz verbrannt . Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei , und bat den Grafen dringend sie fortzusenden ; dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lächerlich , daß alle sich auf die Lippen beißen und das Zimmer verlassen mußten . Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung über den wunderlichen Menschen an . Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zurückgeschreckt ; die Gräfin fand darin viel Rührendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen , um es in dem ewigen Spiritus seines unverwüstlichen Gedächtnisses aufzubewahren . - FRANK : » Ich glaube , wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt ; ein Dichter von der Art wie Waller erlebt selten etwas , wovon sein Buchhändler nicht auch Vorteil oder Schaden hätte . « GRÄFIN : » Ich fürchte immer noch , er tut sich ein Leides an ; sein Zustand war nicht natürlich , er war heftig und schrecklich , mehr als ein Mensch ertragen mag . « FRANK : » Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen , wie viel wunderliche Falten auf der Backe , über den Augen ; ich kenne Wallern ; in einer Tragödie , die er liest , macht er zehnfach ärgere Gesichter noch , als er heute um seine Frau angelegt , ob er gleich mit jedem , der ins Zimmer trat , noch eine Falte aufzog , noch ein Stück Holz in sein Trauerfeuer legte . « GRAF : » Sie haben recht , das ist mir ganz verhaßt , daß er mit keinem ein daurendes wahres Verhältnis ungestört durch die Gegenwart anderer bewahrt ; aber während er noch vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach , ward dieselbe Sache ihm gleich zum Spotte , wenn z.B. meine Frau hereintrat . « FRANK : » Sehen Sie , Herr Graf , das ist eine Eigentümlichkeit des Künstlercharakters , vieles Traurige und Lustige , Ernst und Spaß wie eine Schimäre zusammen zu denken . Die Frauen sind zufrieden , wenn man ihnen nur etwas zu tun macht , sie mit Hülfe und Mitleid anstrengt . « GRÄFIN : » Nicht zu allgemein . « FRANK : » Das Pflegen eines ausgezeichneten Menschen , der sich leidend stellt , setzt die Frauen in eine gewisse Autorität gegen ihn . « GRÄFIN : » Ich kann keinen Kranken pflegen und wär er mein eigener Mann . Nicht wahr , Karl , das hast du erfahren , als du ein paar Tage nicht wohl warst ? Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhaßt . « GRAF : » Du hast recht . Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen . « FRANK : » Und doch waren Sie so allseitig um den großen Dichter beschäftigt ; es ist unglaublich , wie ein großer Name wirkt ; denn aufrichtig gesprochen , haben Sie etwas anders von ihm vernommen als Unsinn ? « GRAF : » Nein , mein Herr Prediger , viel Schönes hat er uns vorgetragen , aber freilich in einer Art , die sich unter einander vernichtet , wie jene zwei Löwen , die sich so lange bissen , daß endlich nichts als die beiden Schwänze übrig blieben . « FRANK : » Sehr wahr , und das ist wieder Künstlercharakter ; dieses Hetzen in sich , dieses ewige Kritisieren , das in aller Berührung mit der Welt durchaus tötet und nie belebt , jedes Spiel verdirbt , jeden frohen Gesang ängstiget , ob er auch an seiner Stelle . So wirkt die frische Literatur , wie die frischen Zeitungen gar böse auf die Augen ; ein junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit , einer ganzen Gesellschaft alle eigenen gewohnten Straßen der Fröhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen sogenannter Laune , Phantasie , Humors , Witzes und Genies zu verleiden , indem er sich wie ein Fallsüchtiger quer drein legt . « GRAF : » Da müssen wir ja die Künstler absondern von aller Gesellschaft , wie der ägyptische König die dreißig Kinder in eine Wüste verpflanzte , damit sie die Ursprache erfänden . « FRANK : » Ja wohl , lieber Graf , wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht , die Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen , Tonkünstler leicht taub werden , und mit diesen Krankheiten alle die anstecken , die in ihren Werkstätten hausen , so teilen die