wie ein verfolgtes Wild , erzählte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen Faden , den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht ! Er muß Geduld haben ! ... sagte sie und feuchtete den Faden an ... Ja , sagte die Herzogin , du meinst die Zeit ! Schwester Josepha - so war sie beim Einkleiden getauft worden - , der lange Faden ist die Zeit ! Auf den müssen wir viel , viel aufreihen ! ... Die drei Parzen in der Nähe lächelten und nickten Beifall ... Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ... Dies arme Wesen , das einst auf einen Mann , in dessen Arm sie ruhete , ein Messer zücken konnte , wußte nichts von ihrem Kinde , das eine Fürstenkrone trug und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen - Briefen , die Gott , Jesus , St.-Johannes , die Heiligen an sie schrieben - es waren die Briefe ihrer verbannten Brüder ... Ihrer Brüder , die in den Gefängnissen Roms , unter den Torturen gesessen hatten , die vom Rechtswesen des Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am längsten zurückgeblieben sind ... Als die Herzogin aus dem Klostergarten , von den kleinen Lämmern , von den Webstühlen zurückkam , war sie über ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester Josepha ... Nun mußte sie auf alle Fälle Benno den Vorfall mit Lucinden , überhaupt alles berichten , was ihr seit fünf Tagen widerfahren war ... Seit Benno ' s letztem Brief waren Wochen verflossen ... Täglich fragte sie bei einem Lotteriecollecteur , der eine große Correspondenz unverfänglich führen durfte , ob nichts für sie angekommen wäre ... Endlich , endlich durfte doch wol ein Brief - morgen eintreffen ... Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nächsten Tage ... Schon fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende das Orakel der Karten , das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei verschlossenen Thüren durchforschte ... Sie nahm eines jener schöngeformten eisernen Gestelle , in die man in Italien die Waschschüssel stellt , und stand wie Pythia am Dreifuß , um an den Wellenschwingungen , die ins Wasser geworfene Kiesel hervorbringen , zu erkennen , ob die Ringe , große oder kleine , Glück oder Unglück bedeutende wären ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes , streute sie Nachts auf den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger die Frage , ob Benno gesund wäre ... » Sano ? « ... Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung , was der prophetische Wind aus den Buchstaben gemacht haben würde ... Das Orakel antwortete : Santo ... Wie , dachte sie den Tag über - er ist doch nicht auch in ein Kloster gegangen ? ... Auch er will uns ein Priester werden ? ... Damit quälte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie wieder : Sano ? ... Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube : Cane ... Himmel , dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar , ein toller Hund hat ihn gebissen ! ... Am dritten Tage las sie : Caro ... Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur verliebt und vergaß sie um - wessentwillen ? ... Armgart ' s ? ... Am vierten las sie : Sale - Salz oder Verstand - ? ... Die Ironie des Zufalls lehrte sie nicht , daß sie ihre Thorheiten lassen sollte ... Sie grübelte , worin Benno ' s Schweigen gerade jetzt ein besonderer Beweis von Verstand sein konnte ... Als sie am Tage , wo sie Sale gelesen hatte , von einer Corsofahrt nach Hause kam , am Hause des Lotteriecollecteurs wieder nichts für sich gefunden hatte , schleppte sie sich fast zusammenbrechend die Treppe hinauf ... Eben wollte sie ihre Hauskleider anlegen ... Da hörte sie von der Straße her einen Wagen anrollen und still halten ... Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit hochaufgerissenen Augen und brachte die Wundermär : Cardinal - - Fefelotti ! ... Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob sich ... Es war in der That der Erzbischof Fefelotti , Cardinal und Großpönitentiar der Christenheit - in eigener Person ... Von solchem Besuch ahnte sie jetzt nichts Uebles ... Das » Salz « des Orakels - » Verstand « traf zu ... Nicht besonders älter war Fefelotti geworden , seitdem die Herzogin ihn zum letzten male gesehen ... Im Gegentheil , die Ruhe in Coni , die Sicherstellung seiner Unternehmungen durch die Jesuiten , die Nothwendigkeit , die gottseligste Miene zu zeigen , hatte die sonst sehr lebhaften Verzerrungen seiner unschönen Gesichtszüge gemildert ... Sind die Hunde aus den Wölfen entstanden , so stellte Fefelotti jenen Uebergang dar , wo möglicherweise die Wölfe zuerst anfingen sich in den Gewohnheiten des Hausthiers zu versuchen ... Seine runde Nase , seine buschigen Augenbrauen , sein von Pockennarben zerrissenes Gesicht war dasselbe wie sonst , aber eine heilige , gesättigte Ruhe lag auf seinen Mienen ... Konnte er doch wahrlich lächeln über seinen neuesten Sieg ... Konnte er doch lächeln über seine Rückkehr aus einer Verbannung - wo er für den » schlechtesten Christen « hatte gelten sollen , dem man den » besten « zur » Versöhnung der Gottheit « gegenübergestellt ! ... Konnte er doch lächeln über Ceccone ' s ohnmächtiges Schnauben , von dem er sogleich andeutete , daß es sich jetzt schon an Frauen auszutoben anfinge ... Das war nun jene Dame , zu der Fefelotti sonst als Prälat so gern gegangen war , die aber seine Intrigue mit der » kleinen Wölfin « bei den » Lebendigbegrabenen « und die Verhinderung der Cardinalserhebung Ceccone ' s so eiligst gekreuzt hatte ... An ein Verschleiern seiner Empfindungen denkt in solchen Fällen kein