darunter Castellungo , erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert , daß gerade um dieser Dorstes willen seine zweite Ehe noch geheim bleiben mußte ... Sie sah Benno hinüber- und herüberreiten zwischen Robillante , einem freundlichen Städtchen , und Castellungo ... Die alte Gräfin Erdmuthe bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr und dem Bischof , den sie seltner sah , obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und Benno nicht genug von Bonaventura ' s Muth schreiben konnte , der jenen von der Gräfin beschützten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von Castellungo , die verlassene Einsiedlerhütte , die Processionen zur Kapelle der » besten Maria « ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen , die auf allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wußte schon so viel , daß dem Bischof jene Gräfin Paula werth gewesen , die inzwischen die Nachfolgerin ihres Kindes geworden ... Sie fühlte die Dämmerungsschleier so vieles Zarten und Ahnungsvollen , das auf jenen Gegenden lag , und die sich schon ihr selbst auf Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura ' s , jenen Eremiten den Händen der Inquisition zu entreißen , machten ihr einen eigenthümlich persönlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendläuten war alles , was von dort herüberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht schreiben : Dein Geheimniß ist in den Händen dieser Lucinde , die mich entwaffnet , versteinert hat - ich konnte ihr nicht widerreden - konnte dich nicht verleugnen ! Schien sie doch voll Antheil für unser aller Schicksal ! ... Die Nachricht , jene düstern Gemäuer von Coni , die erzbischöfliche Residenz würde ihren Souverän , den grimmen Fefelotti entsenden und dieser würde neue Schalen angesammelten Zornes bringen , um sie über die ihr so werthen Menschen auszugießen , war wie das Anrollen eines Gewitters , das - » doch wol auch Benno selbst hören mußte « ... Sie wußte nicht , was beginnen ... Wenn er nur endlich , endlich selbst schriebe ! ... Zunächst mußte die Kraft ihres stillen Liebescultus für den Sohn und die Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf , die Plätze zu besuchen , von denen sie wußte , daß Benno bei seinem Aufenthalt in Rom vorzugsweise von ihnen gefesselt worden . Benno hatte an der Ripetta gewohnt , mit der Aussicht auf die Peterskirche . Er hatte seine Betrachtungen an so manches geknüpft , was sie bisher verhindert gewesen , wieder in Augenschein zu nehmen und nach Benno ' s Weise auf sich wirken zu lassen . Sie staunte nun , alles so zu finden , wie Er ihr geschrieben - in Briefen , die ihr ein Heiligthum wurden und die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las . Jetzt sagte sie : Ja , er hat Recht : Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck ! Die gelbangestrichenen Säulenarcaden drücken sie zum Gewöhnlichen herab ! ... Sie sagte : Er hat Recht : Das Innere der Peterskirche ist kalt ; man athmet hier nur in der Sphäre des Stolzes und der Vermessenheit der Päpste ! ... Er hat Recht : Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus ! ... Er hat Recht , wenn er schreibt : Als ich nach Rom kam , erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf die Idee des Christenthums , jetzt nur noch wie eine Satyre ! ... Er hat Recht : Die Kirchen sind Concertsäle ; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen Domes ! ... Er hat Recht , wenn er schreibt : Unter den Bildsäulen der Museen verweilt ' ich lieber , als unter den Bildern ; sie lehren Vergänglichkeit und Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms ; nur dort hab ' ich Thränen geweint , unter den gespenstischen Marmorgöttern , den Niobiden , den sterbenden Fechtern , den gefangenen Barbarenkönigen ! ... Er hat Recht : Kein christlicher Sarkophag hat mich so gerührt , wie im Lateran die heidnischen Aschensärge mit den zärtlichsten Inschriften : » Gattin dem Gatten ! « ... Er hat Recht : Nichts hass ' ich wie das Coliseum ! Ich kann es nicht mehr sehen ... Er hat Recht : Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden ! So oft ich von ihm ein Werk erblicke , hab ' ich das Gefühl , er hätte etwas geben wollen , worauf die gewöhnlichen Vorstellungen vom Schönen nicht passen - Raphael hat allein das Einfache und Richtige ! Was ein Ding sein muß , das ist es bei Raphael ; bei Michel Angelo ist ' s immer etwas anderes , als das natürliche Gefühl erwartet ... Raphael ' s Bilder betrachtete sie nun stundenlang - die Madonnen waren dann Armgart - süßer heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre Brust - Dann fuhr sie wieder auf und ängstigte sich um die Ahnung , daß sie Benno nicht wiedersehen würde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ... Und ihr Herz , ihre ganze Seele war so voll - so übervoll - ! ... Es war die Zeit , wo in Rom jeder , der nur irgend kann , auf dem Lande lebt ... Die Herzogin mußte sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der » Malaria « versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemüths gehetzten » Wiederaufsuchen Roms nach Benno ' s Anschauungen « beim Kloster der » Lebendigbegrabenen « angekommen ... Sie fand da einen schönen , luftreinen Garten ... Oefters schon war sie hinübergegangen zu diesen Schwestern der » reformirten « Franciscaner ; sie wohnten an Piazza Navona , nahe der Tiber ... Sie , die Mitwisserin eines schweren Geheimnisses , blieb dort gut aufgenommen , aber um achthundert Scudi jährlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie , sie war es nun , die diesem Kloster die