Freien lagernd , die Hilfe des Wunderdoktors anriefen . Dieser selbst sah sich bald außerstande , dem Andrange zu genügen und infolge davon gezwungen , sich nach Beistand umzuschauen , den er auch fand , am hingebendsten und erfolgreichsten in seiner Frau , die ganz an der Begeisterung ihres Mannes teilnahm . Das ging so durch Jahre hin . Endlich wurde der Krankenstrom so groß , daß eine Verschwörung der mit Untergang bedrohten Doktoren und Apotheker nicht ausbleiben konnte , welcher Verschwörung – der übrigens der Wortlaut des Gesetzes zur Seite stand – es nach allerlei Zwischenfällen gelang , als Sieger aus dem hartnäckig geführten Kampfe hervorzugehen . Eine Strafandrohung folgte der anderen und erreichte , daß das als » Medizinalpfuscherei « gebrandmarkte Homöopathisieren eines Laien sein Ende nahm . Was aber nicht sein Ende nahm , das war Wiesikes Begeisterung , die , sozusagen , nur Weg und Kleid wechselnd , sich sofort auf neue Weise zu betätigen begann . Anstatt homöopathisch zu heilen , ging der Alte jetzt zu homöopathischen Studien und von diesen Studien wiederum zu Plänen über , die , kleinerer Dinge zu geschweigen , in nichts Geringerem als in Herstellung der Ebenbürtigkeit zwischen Homöopathie und Allopathie und in Gründung eines homöopathischen Lehrstuhls an der Universität Berlin gipfelten . Er deponierte zu diesem Behuf ein Kapital von hunderttausend Mark und stellte , wenn ich recht berichtet bin , die seinem Zweck und Ziel entsprechenden Anträge . Sah sich aber freilich damit zurückgewiesen . Die Pflege des Parks war viel , aber sie war Sommerarbeit und auch das nebenherlaufende Studium der Homöopathie reichte nicht aus , um , wenn der Sommer vorüber , die langen , langen Wintertage zu füllen . So kam es , daß Wiesike , der der geistigen Anregung wie des täglichen Brotes bedurfte , neben Park und Homöopathie nach etwas Neuem Umschau hielt . Und dies Neue fand sich endlich . Es war die Zeit des ersten intimeren Bekanntwerdens Schopenhauers in Berlin , also etwa die Zeit der Regentschaft , als ein Ungefähr unseren Wiesike mit dem damaligen Chefredakteur der » Vossischen Zeitung « , Dr. Linder , einem leidenschaftlichen Schopenhauerianer , zusammenführte . Diese Begegnung war entscheidend für Wiesike . Nichts von dem Alten wurde beiseite geschoben , was aber , von Stund ' an , sein eigentlichstes Denken und Fühlen ausmachte , seiner Tätigkeit und seinem Gespräche den Stempel gab , das war doch Schopenhauer und die Schopenhauersche Weltanschauung . Daß er alle Werke des Philosophen kennenlernte , verstand sich von selbst , aber er las auch jede Zeile , die sich in Lob oder Tadel mit dem Manne beschäftigte , der ihm jetzt Leuchte und Gegenstand des Kultus war . Jedes Schopenhauersche Wort war ihm Weisheit , er sog wirkliche Lebenskraft daraus , und wenn Oberpräsident Schön auf die Frage , » was ihn , trotz seiner hohen Jahre , bei so guter Gesundheit erhalten habe « seinerzeit geantwortet hatte : » Kant und Kapuste ( Sauerkraut ) « , so hätte Wiesike mit gleichem Rechte antworten können : » Schopenhauer und Homöopathie « . Dankerfüllt trat er mit dem Frankfurter Philosophen in Korrespondenz , bald auch in persönliche Beziehungen , und beteiligte sich von da ab bei jedem Huldigungsakte , den die Schopenhauer-Enthusiasten inszenierten . Wiesike konnte sich nicht genug tun in Anerbietungen und Darbringungen und als Schopenhauers siebzigster Geburtstag gefeiert wurde , war er mit einem großen Goldpokal in der vordersten Reihe der Gratulanten . Einzelne Schwächen des so leidenschaftlich von ihm Gefeierten , seine Ruhmsucht und Eitelkeit , seine selbstische Begehrlichkeit und ein gewisser Mangel an Gentilezza entgingen ihm nicht , aber seine Bewunderung der geistigen Superiorität des Mannes war so groß , daß er ihm diese Mankos gern verzieh . » Wo viel Licht ist , ist viel Schatten . « Er hielt es für seine Pflicht , über diese Schatten hinwegzusehen , und wenige Philosophen ( auch die größten mit eingerechnet ) wird es gegeben haben , die sich rühmen dürfen , in gleicher Weise gekannt , studiert und auswendig gelernt worden zu sein . Bis zu seiner letzten Stunde hielt Wiesike bei seinem Liebling aus , auch seinerseits » vivant et mourant comme philosophe « . * Als ich Wiesike zum ersten Male sah , war er sechsundsiebzig Jahre alt und ein mehrtägiger Aufenthalt bot mir Gelegenheit , nicht bloß den alten Herrn in Person , sondern auch seinen Besitz und seine Lebensgewohnheiten kennenzulernen . Die Wiesikesche Villa war bei seinem Eintreffen an dieser Stelle nicht viel besser als eine Lehmkate gewesen , die nur gerade den Ansprüchen eines Meiers oder Wirtschaftsinspektors genügen konnte . Wiesike hatte demungeachtet nicht viel daran geändert und statt Umbauten vorzunehmen , sich darauf beschränkt , anzubauen , wie es das Bedürfnis erheischte . So war etwas wenig Künstlerisches , aber dafür etwas Pittoreskes und zugleich sehr Praktisches entstanden . Überall befanden sich Treppen und Balkone , während unter den verschiedenen Anbauten der große , schon erwähnte Speisesaal und neben demselben Wiesikes Arbeitszimmer den ersten Rang einnahmen . Der Speisesaal war kahl , nach dem Satze , » daß der Schmuck eines Eßsaals auf die Tafel , aber nicht an die Wände gehöre « , desto bunter dagegen sah es in den angrenzenden Zimmern aus , die , wenn auch nichts künstlerisch Hervorragendes , so doch viel Interessantes beherbergten . Über die Familienbilder , untermischt mit mehr oder minder gleichgültigen Stichen , geh ' ich hinweg ; nicht so über den Bilderschmuck in seinem Arbeitszimmer . In diesem befanden sich vier kleine Marinen aus dem Nachlasse des durch die Tannhäusersche Familie mit ihm verwandt gewordenen Direktors von Klöden , ferner Statuetten von Lessing und Kant , ein großes Ölbild von Hahnemann ( Kniestück ) und ein sehr gutes Porträt , Bruststück , von Schopenhauer . Letzteres erstand Wiesike in Frankfurt a. M. , als nach dem Tode Schopenhauers die Hinterlassenschaft desselben auf einer Auktion versteigert wurde . Vielleicht auch , daß er mit seinem Angebot diesem Auktionsakte zuvorkam und