Die Rothen wollten den König , die Prinzen und Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespießt bleiben ... Die Gesellen lachten ... Aber es kommt immer nicht , fuhr der aufgeregte Sergeant fort . Wir stehen des Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken : Nun wird ' s losbrechen ! Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlägerei im Wirthshause oder eine Straßenrottirung , so können Sie sich daraus erklären , warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen . Die Leute sind gereizt und denken : Nun geht ' s an ' s Leben ! Trauriger Zustand , wenn in einem und demselben Staate zwei Kräfte so gegeneinander wüthen , bemerkte Louis ruhig ; es ist aber überall so . Der Adel und die Bureaukratie haben sich die Armeen apartgenommen und dressiren sie nach ihrem Gefallen . Leider hat man da ein so gutes Feld für seine Intrigue ! Die Fahne , der ihr geschworne Eid , der erlaubte Stolz des Kriegers , die Erinnerungen seines Truppenkörpers , die Achtung vor dem Souverän , das Alles sind Begriffe , an die sich für ein schwärmerisches Gemüth so vortrefflich anknüpfen läßt ! Man fanatisirt diese Menschen durch ein Verbrechen , das man die Sünde gegen den heiligen Geist nennt . Man wünschte Erklärung dieser Sünde ... Es ist die Sünde , sprach Louis so laut , daß Alle hörten , die Sünde , die irgend eine richtige Thatsache , eine Wahrheit , die in der Menschenbrust wie mit ehernen Buchstaben eingegraben steht , zu einem falschen Zwecke benutzt . Wer vollends von seiner irrthümlichen Anwendung einer Wahrheit selbst überzeugt ist , kann kaum Vergebung erwarten . Die Gesellen horchten und blinkten sich zu . Manche hielten Louis für etwas viel Höheres , als wofür er sich ausgab . Ich verstehe wohl , sagte Sandrart , der sich auf einige Bretter gesetzt hatte , ich verstehe , daß Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen ... Ich halte jeden Eid für heilig ! bemerkte Louis . Und nun sprudelte der Sergeant , den ein Ärger mit seinem Kapitän gereizt zu haben schien , Alles hervor , was für und wider den Fahneneid den Soldaten offen und heimlich jetzt zugesteckt zu werden pflegte . Tag ein Tag aus , fuhr Sandrart fort , kommen Leute in die Kasernen oder auf den Exercierplatz und predigen uns den heiligen Eid . Der Eine läßt Kaffee aus einem Keller in der Nähe holen , der Andre verschenkt wollene Strümpfe ... die Leute trinken den Kaffee , nehmen die wollenen Strümpfe ... und immer heißt ' s dabei : Was wir geschworen haben , halten wir . Aber ... Ein Eid ist heilig ! erwiderte Louis . Ich tadle die Soldaten nicht , die ihn leisten , sondern die , die ihn abnehmen . Es muß dahin kommen , daß der Soldat nicht in die Lage versetzt wird , einen einseitigen und in die Gesellschaft den Brand des Aufruhrs schleudernden Eid zu schwören . Er soll schwören , die öffentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und seine Größe und Ehre nach Außen zu ver-theidigen . Die gesetzlichen Organe dieser Ordnung und Ehre haben sich geändert . Es sind nicht mehr die Fürsten , sondern die Vertreter der Völker . Wir brauchen keine Fürsten mehr ! rief es aus einer Ecke . Wir brauchen keine Soldaten mehr ! aus einer andern . Louis wandte sich eben , um ein lautes St ! auszusprechen , als der alte Märtens in seiner blauen Schürze und wollenen gestrickten Überjacke hereintrat und dieser lärmend und stürmisch gewordenen Unterhaltung ohnehin ein Ende machte . Er litt niemals , daß in seiner Werkstatt über Politik gesprochen wurde . Auch der Sergeant , der alle diese Gesellen kannte , wußte das Verbot und nahm den verwildert gewordenen Gegenstand nicht wieder auf . Er sprach von Franziska und klagte , daß er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen würde . Der Feldwebel sähe lieber , daß er sich seine Bescheerung schicken ließe , um sie mit ihm theilen zu können ... Und der Major ? Der Major - wer weiß , wie lange der noch Majort . Das ist Einer , der nächstens sagen wird : Der Eid drückt mich ! Marsch in die Kaserne ! rief der alte Märtens dazwischen . Dien ' Er seinem König und lob ' er Gott den Herrn , Amen ! Die Gesellen lachten nun erst recht . Sandrart ließ sich nicht stören . Er war zu bewegt . Er hatte seit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem Fortunaball und in dem Worte : Gehorsam außer Dienst jenen nagenden Quälgeist in sich , der bei den untern Ständen mehr Unruhe und Schaden im Gemüthe stiftet als bei der Bildung . Das prickelte , das hetzte ihn . Immer derselbe Refrain , immer dieselbe wunde Stelle , die nicht heilen wollte und die täglich berührt wurde ... Endlich ging er . Als er Louis die Hand gab und fragte , ob er bald in den Ullagrund schriebe , rief eine Stimme ihm nach : Sergeant ! Gartenstraße Nr. 14 alle Abend um acht Uhr ist Verein - kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit , die das Herz auf dem rechten Fleck haben ! Wer sagt Das ? Wer verführt hier die Soldaten ? rief der alte Meister und rannte zu dem Sprecher hinüber , einem kleinen , dicken , wohlgenährten Arbeiter , dem Advokaten der Werkstatt . Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beruhigte ihn . Aber der Meister tobte jetzt seine patriotische , alte , deutsche Gesinnung aus nach dem Thema : Gebt dem Kaiser , was des Kaisers ist und Gotte , was Gottes ist ! Er machte sein Recht als Meister und Werkstattbesitzer mit ein Dutzend Hammerschlägen auf den Werktischplatten geltend . Sandrart ging . Die Rebellen schwiegen . Auch Louis schwieg . Da aber manche Anzüglichkeit des alten Mannes ihm selbst gelten sollte und er sich