kleinen Tierchen auf ihrem Schoße gespielt hatte . Unzählige Male mußte Agathe ihr versprechen , für den Papa zu sorgen , daß er alles genau so bekäme , wie er es gewohnt sei , immer bei ihm zu bleiben , ihn zu pflegen und lieb zu haben . Und Agathe versprach alles — wie sollte sie auch nicht ? Sie war ja nun mit ihrem Vater vereinigt in einem Kummer . Als Mama gestorben war , klammerten sie sich aneinander und weinten zusammen , wenigstens in den ersten Stunden nach ihrem Tode . Später fand Papa seine ruhige , würdige Haltung wieder , und Agathe verbarg ihre Thränen , um ihn nicht noch mehr zu betrüben . Ihr ganzes tägliches Dasein , ihre geringsten Handlungen waren nun gleichsam überschattet von dem Andenken der Toten . Unsichtbare Geisterhände regierten im Hause und leiteten nach wie vor alles dem Willen und den Eigentümlichkeiten der Dahingeschiedenen gemäß . Wie zu ihren Lebzeiten bürstete Agathe jeden Abend den Teppich im Wohnzimmer ab und rollte ihn zusammen , und jetzt fielen Thränen der Sehnsucht nach der Vergangenheit darauf nieder . Sie hätte nun den Haushalt führen können , wie sie wollte . Aber sie fand keine Freude mehr an diesem Gedanken . Sie leitete ihn auch nicht für sich , sondern betrachtete ihn als ein ehrwürdiges Vermächtnis der Toten . Die Verantwortung , welche sie übernommen hatte , peinigte sie , und sie hetzte sich ab in einer fieberhaften Thätigkeit , damit niemand ihr vorwerfen könne , sie zeige sich ihrer heiligen Aufgabe nicht gewachsen . Agathe stieg auf den Boden . Sie hatte begonnen , eine Inventur all der Dinge aufzunehmen , die nun ihrer Obhut unterstellt waren . Zu dem Zweck sollten auch die Kisten und Kasten dort oben untersucht werden . Bei dieser Gelegenheit bat Eugenie , die im Winter das von Walter langersehnte Töchterchen zu den zwei Jungen bekommen hatte , ihr von den kleinen Kindersachen zu geben , die Mama noch immer aufbewahrte . Mama war so eigensinnig gewesen in der Beziehung — sie gab nicht ein Stückchen heraus . Aber Agathe nützten die Sachen ja doch nichts mehr . Indem Agathe die letzte steile Treppe erklomm , fühlte sie plötzlich dasselbe Leiden , von dem ihre Mutter lange Jahre hindurch heimgesucht war ; thalergroße Stellen an ihrem Körper , in denen ein Schmerz tobte , als habe ein wütendes Tier sich dort mit seinen Zähnen festgebissen . Ihre Mutter wußte , warum sie dieses Qualen litt . Sie — die zarte Frau — hatte sechs Kinder geboren , und vier von ihnen hatte sie sterben sehen müssen . Da war es ja verständlich , daß ihre Kräfte erschöpft waren und die mißhandelte Natur sich rächte . In gewisser Weise war Mama immer stolz auf ihr Leiden gewesen . Sie trug es wie einen Teil ihres Lebens , als die Dornenkrone des Weibes — ihr von Ewigkeit her vorbestimmt . Wie kam Agathe als junges Mädchen , das geschont und gehütet war und niemals für das Menschengeschlecht auch nur das Geringste geleistet hatte , zu diesem schrecklichen Erbe ? Das war ja geradezu unnatürlich , war wie ein boshafter Hohn des Schicksals ! Der Gram um ihre Mutter ? War es nicht auch unnatürlich , wenn sie der Tod einer müden , alten Frau , die ihre Aufgabe erfüllt hatte , mit einer so maßlosen Verzweiflung ergriff , daß sie in jedem Augenblick des Alleinseins weinte und weinte und sich nicht zu fassen vermochte ? So ging es nicht weiter ! — Sie richtete sich ja zu Grunde ! Sie sah es ja — sie fühlte es ! Und sie faßte plötzlich den Entschluß , alle die Schmerzen des Leibes und der Seele durch die Kraft ihres Willens zu bezwingen . Sie sammelte alle Energie in sich und stachelte sie zum Kampf , richtete sie auf ein Ziel . — Sie begann zu lächeln und sich selbst einzubilden , nichts thue ihr weh . Sie raffte sich auf und ging mit leichten , elastischen Schritten , wie ein glücklicher , von Thatenlust überströmender Mensch an ihre Arbeit . Warme , dumpfe Luft erfüllte die Bodenkammer . Agathe stieß eine Dachluke auf . Ein Strom von Sonnenlicht schoß herein und verbreitete sich unter dem Balkengewirr , zwischen all den verstaubten Gegenständen , die im Laufe der Jahre hier heraufgewandert waren . Sie blickte durch das kleine Fensterchen . Die Schieferdächer der Stadt umgab ein leichter , bläulich-goldener Duft — von Ferne leuchtete die grüne Ebene des freien Landes mit ihren gelben Rapsfeldern und den Blütenbäumen an den Chausseen freundlich herüber . Agathe begann vor sich hinzusummen : Es blüht das fernste , tiefste Thal — Nun , armes Herz , vergiß die Qual , Es muß sich alles , alles wenden . . . Dabei zog sie eine Kiste hervor , schloß auf und kniete davor nieder . Obenauf lagen ihre Puppen . Als sie die verblichenen , zerzausten Wachsköpfchen wiedersah , wurde sie mit einer gewaltsamen Deutlichkeit in jenen Tag zurückversetzt , an dem sie sie eingepackt hatte . War es auch eine andere Bodenkammer , der Sonnenstrahl tanzte ebenso lustig in dem grauen Staubwust umher , und niemand hatte seitdem die Kiste geöffnet . Unter der rosenroten Decke fand sie , zerknittert und verdrückt , wie sie es in der glückseligen Aufregung ihrer siebzehn Jahre eilig hineingesteckt hatte , das feine , spitzenbesetzte Hemdchen . Sie wollte tapfer sein — sie wollte keine Thräne weinen . . . . Und erbleichend in der Anstrengung , die es sie kostete , packte sie hastig alle die hübschen kleinen Dinge in ihre Schürze , um sie Eugenie zu bringen , während sie ganz sinnlos noch immer vor sich hinsummte : Es blüht das fernste , tiefste Thal — Nun , armes Herz , vergiß die Qual , Es muß sich alles , alles wenden . . . Als sie sich aufrichtete , stieß sie an eine andere kleine Kiste . Es