, weil sie vernünftige Schlüsse zieht und auf einem höheren Standpunkte steht als auf dem der › sogenannten Menschenliebe ‹ , die verdiente – einen Mann wie Sie , Herr Professor ! « Professor Normann war anfangs ganz starr vor Ueberraschung bei diesem Ausfall . Er war es bisher nur gewohnt , Grobheiten auszuteilen , und nun mußte er auch einmal eine echte , unverfälschte Grobheit in Empfang nehmen und noch dazu aus dem rosigen Munde eines jungen Mädchens . Das nötigte ihm bei alledem eine gewisse Hochachtung ab , so unangenehm es ihn traf . Und dabei sah das Mädchen so bildhübsch aus mit dem heißgeröteten Gesicht und den blitzenden Augen – es war , um aus der Haut zu fahren ! » Das ist also das Schlimmste , was Sie einer Frau wünschen können , – mich zum Mann ? « brach er endlich los . » Recht schmeichelhaft für mich , aber seien Sie nur unbesorgt , mein Fräulein , das Unglück passiert keiner Ihres Geschlechtes . Halten Sie mich nur für ein Ungeheuer , ich sage Ihnen noch einmal , ich halte gar nichts von der sogenannten Menschenliebe , ganz und gar nichts . Wie die Welt und das Leben nun einmal beschaffen sind , können wir nur gesunde , kraftvolle Menschen brauchen , keine Schwächlinge , die man mühsam aufpäppelt und die dann doch nichts leisten können . Was nicht lebenskräftig ist , dem ist auch besser , nicht zu leben ! Das lehrt uns die Natur , die Wissenschaft , die Vernunft , das sehen wir überhaupt – « Er hielt inne , denn ein schwacher Angstruf , dem ein lauter Aufschrei Doras folgte , unterbrach die Auseinandersetzung . Friedel hatte bereits den größten Teil des gefährlichen Weges zurückgelegt und setzte eben den Fuß auf einen Stein , als dieser plötzlich unter seinen Tritten wich , – der Knabe strauchelte , fiel und glitt dann unaufhaltsam abwärts . Wohl klammerte er sich im Sturze noch an ein Felsengesträuch , das die schmächtige Gestalt allein vielleicht festgehalten und getragen hätte , aber die schwere Tasche hatte bei dem jähen Falle die rettenden Zweige geknickt und zog ihn unaufhaltsam nieder . Nur einen Augenblick lang hing er dort an der Wand , dann verlor er den Halt und verschwand in der Tiefe . Dora Herwig war ein mutiges , entschlossenes Mädchen . Wohl stand sie eine Minute lang starr vor Entsetzen bei dem Unglück , das sich so unmittelbar unter ihren Augen zutrug , dann aber hielt sie sich nicht mit nutzlosen Angst- und Schreckensrufen auf , sondern setzte ihren Bergstock ein und begann den Weg , den sie eben zurückgelegt hatte , so rasch wie möglich wieder abwärts zu steigen . Nach ihrem Begleiter sah sie sich dabei gar nicht um , denn von ihm erwartete sie keine Hilfe . Aber da hemmte ein höchst unerwarteter Anblick ihre Schritte . An ihr vorüber sauste Professor Normann auf demselben steilen Felspfade , den er vorhin als halsbrechend bezeichnet hatte und der dem armen Friedel so verhängnisvoll geworden war . Der Weg war natürlich beim Abstieg noch weit gefährlicher als beim Emporklimmen , besonders wenn man diesen Abstieg in so tollkühner Weise unternahm wie der Professor . Er sprang , kletterte , rutschte , wie es gerade kam , als ginge es auf Tod und Leben , und verschwand gleichfalls vor den Augen des jungen Mädchens in der Tiefe . Als Dora endlich atemlos unten anlangte und nach dem Gestürzten spähte , sah sie , daß ihre schlimmste Befürchtung sich nicht bestätigte . Friedel war nicht in die eigentliche Tiefe gestürzt , sondern lag auf dem Wege selbst . Nur wenige Schritte seitwärts und der Abgrund hätte ihn zerschmettert aufgenommen , aber auch jetzt war der Anblick bedenklich genug . Der Knabe lag totenbleich und regungslos da , während von seiner Stirn das Blut niederrieselte und der Professor sich mit hastigen , ungeschickten Hilfeleistungen um ihn bemühte . » Ich glaube , der Junge ist tot , « sagte er in einem eigentümlich dumpfen Tone . » So ziehen Sie ihn doch vor allen Dingen seitwärts , « rief Dora heftig . » Er liegt ja dicht am Abhang und kann bei der ersten Bewegung von neuem stürzen . « Normann gehorchte . Er hob den Knaben auf und trug ihn seitwärts , dann stand er stumm da und blickte auf ihn nieder . Er hatte in dem Kleinen bisher nur den Diener gesehen , der regelmäßig und geräuschlos die gewohnten Dienste verrichtete und ihm bequem war , weil er ihn nicht in der Arbeit störte , und jetzt lag ein blutendes Kind vor ihm , leblos , mit geschlossenen Augen und dem scharf und deutlich ausgeprägten Leidenszug in dem blassen Gesichtchen . Das war ihm ganz neu . Er sah mit einer Art von hilfloser Bestürzung seine junge Begleiterin an , die ihm zurief : » So , nun geben Sie Ihre Feldflasche her ! Wir wollen versuchen , ihm Wein einzuflößen , oder ihm wenigstens die Schläfe damit reiben . Legen Sie ihm den Plaid unter den Kopf – so ! Vielleicht ist er nur ohnmächtig vom Sturze . « Sie kniete nieder und suchte mit ihrem Taschentuche das reichlich hervorquellende Blut zu stillen ; auch der Professor zog das seinige hervor , aber er hatte wahrscheinlich noch niemals in seinem Leben jemand solchen Beistand geleistet , denn er benahm sich dabei in der ungeschicktesten Weise . Zunächst goß er die Hälfte seiner bis an den Rand gefüllten Feldflasche über den Bewußtlosen aus , und als das nicht helfen wollte , faßte er ihn bei den Schultern und begann ihn derb zu schütteln , wobei er in halb angstvoller , halb zorniger Weise seinen Namen rief . Nora wollte unwillig auffahren , aber diese merkwürdige Behandlung hatte trotz alledem Erfolg . Friedel machte eine matte Bewegung und schlug gleich darauf die Augen auf . Er versuchte zu lächeln , als er das Fräulein erkannte ,