sich seine Finger langsam von den ihrigen ; er ließ ihre Hand fallen und trat zurück . „ Du wußtest es also , “ sagte er . „ Und mit diesem Bewußtsein hast Du neben mir gestanden und ruhig zugesehen , wie ich mit einer unsinnigen Leidenschast rang , wie ich ihr schließlich unterlag . Du ließest mich an eine Erwiderung meiner Gefühle glauben und stacheltest mich damit bis zum Wahnsinn , während Du heimlich die Tage und Stunden zähltest , bis zu dem Zeitpunkte , wo ein Deiner Meinung nach tödtlicher Schlag mich treffen mußte . Mit dieser Gewißheit lagst Du gestern in meinen Armen und hörtest mein Geständniß . Beim Himmel , das ist zu viel – zu viel . “ Seine Stimme klang noch dumpf und verhalten , aber es verrieth sich schon der nahende Ausbruch darin . Gabriele fühlte es , wie machtlos sie diese Anklage gegenüberstand ; dennoch machte sie einen Versuch , sich dagegen zu erheben . „ Höre mich , Arno ! Du bist im Irrthum ; ich habe Dich nicht getäuscht , nicht verrathen . Wenn ich etwas wußte – “ „ Schweig ’ ! “ unterbrach er sie mit furchtbar ausbrechender Heftigkeit . „ Ich will nichts hören ; ich weiß genug . Dein Verstummen vorhin sprach deutlicher als alle Worte . Rechtfertige Dich bei ihm , bei Deinem ‚ Georg ‘ , daß Du es nicht vermochtest , sein Geheimniß bis zum letzten Augenblicke zu bewahren ! Vielleicht verzeiht er Dir . Die Warnung wäre ja doch zu spät gekommen . Ihm freilich habe ich Unrecht gethan als ich ihn für einen Alltagsmenschen erklärte . Er versteht es , aus dem gewöhnlichen Geleise zu treten und Dinge zu unternehmen , die vor ihm Niemand gewagt hat und nach ihm so leicht Keiner wagen wird . Vielleicht macht er Carriere damit , der Herr Assessor , den gestern noch Niemand kannte und dessen Name morgen in Aller Munde sein wird , weil er die Kühnheit besaß , mich anzugreifen . Aber er wird sie theuer bezahlen – ich gebe Dir mein Wort darauf . Noch habe ich keinen Kampf und keinen Gegner [ 373 ] gescheut , und auch diesem wäre ich unbewegt entgegengetreten , aber daß Du , Du im Einverständnisse warst , daß Du mich verriethest , das hat meinen Feinden den Triumph verschafft , mich auch einmal – fassungslos zu sehen . “ Seine Stimme schwankte bei den letzten Worten . Mitten durch den Zorn und Haß des Mannes , der sich in seiner Ehre , wie in seiner Liebe gleich tödtlich verletzt sah , brach es wie ein heißer Schmerz , und der Ton ließ Gabriele alles Andere vergessen . Sie flog auf den Freiherrn zu , legte beide Hände auf seinen Arm und wollte sprechen , bitten , aber es war umsonst – mit einer wilden Bewegung rang er sich von ihr los und stieß sie zurück . „ Geh ’ ! Ich bin einmal ein Thor gewesen ; jetzt ist die Täuschung zu Ende . Zum zweiten Male lasse ich mich nicht wieder umstricken von diesen Augen , die mir gelogen haben mit ihrer Angst und Zärtlichkeit . Sage Deinem Georg , er habe es doch wohl nicht bedacht , was es heiße , mich zum Kampfe herauszufordern , er werde es kennen lernen . – Du und ich , wir sind zu Ende miteinander , für immer . “ Er ging . Die Thür fiel schmetternd hinter ihm zu . Gabriele blieb allein . Sie blickte auf die Broschüre nieder , die noch auf dem Tische lag , auf den Namen , der dort stand , und sah doch nichts von beiden . In ihrem Innern halten nur die letzten Worte nach . Ja wohl , es war zu Ende , für immer . – Die Befürchtungen , welche man auch heute für die Ruhe der Stadt hegte , sollten sich nur zu bald erfüllen . Die militärischen Maßregeln wurden absichtlich mit der größten Offenheit getroffen , weil man Einschüchterung davon erwartete , aber sie hatten die entgegengesetzte Wirkung und steigerten nur die allgemeine Erbitterung gegen den Gouverneur . Es gährte freilich schon seit Monaten , aber diese Gährung hatte erst in den letzten Tagen einen wirklich bedrohlichen Charakter angenommen . Bis dahin hatte es freilich an feindseligen Kundgebungen nicht gefehlt , war aber noch nicht zur offenen Auflehnung gekommen . Man war in R. zu lange gewohnt gewesen , sich dem Willen des Gouverneurs zu beugen , als daß man sich so schnell von dieser Gewohnheit hätte losmachen können . Man kannte den Freiherrn und wußte , daß von ihm keine Schwäche und Nachgiebigkeit zu erwarten war ; deshalb blieb es wochenlang bei dem Grollen und Murren . Die Autorität eines energischen , unbeugsamen Charakters bewährte sich auch hier . Raven hatte bisher noch immer den drohenden Sturm beherrscht ; noch gestern war der Macht seiner Persönlichkeit die Menge gewichen , freilich in einer Weise , die auch ihm zeigte , daß es mit dieser Macht zu Ende ging . Jetzt aber schien die Sache an einem Wendepunkte angelangt zu sein . Die Verhaftungen , die vor einigen Tagen aus Befehl des Freiherrn vorgenommen wurden und bei denen man mit vollster Härte und Rücksichtslosigleit zu Werke ging , fachten das schon längst glimmende Feuer zu heller Flamme an . Der gestrige Tumult hatte dem Versuch gegolten , die Freilassung der Verhafteten zu erzwingen , und als der Versuch scheiterte und der Gouverneur auch jetzt noch allen Vorstellungen und allem Drängen ein unbeugsames Nein entgegensetzte , brach die nur für den Augenblick beschwichtigte Aufregung mit verdoppelter Macht los . Der Abend war herangekommen . Im Regierungsgebäude herrschte überall Unruhe und Aufregung . Die sämmtlichen Eingänge bis aus das Hauptportal waren verschlossen und bewacht ; die Dienerschaft drängte sich in ängstlicher Erwartung auf den Treppen und Corridoren , und draußen vor den Fenstern blitzten die Bajonnette der Soldaten . Eine starke Militärabtheilung hielt den Schloßberg