ganze weibliche B. aufrührerisch mit der Entdeckung ! Der Professor ist bei unseren Damen ohnehin schon zum Helden geworden ; wenn ihn nun noch der Nimbus einer unglücklichen Liebe umgiebt , so kann er sich nicht retten vor all der romantischen Theilnahme . Wer hätte das von unserem schüchternen Gelehrten gedacht , als er hier am Schreibtisch saß , und ich ihm eine Vorlesung darüber hielt , daß an ihm körperlich und geistig eigentlich nichts mehr zu ruiniren wäre . Jetzt geht er in den Krieg , kämpft , macht Gedichte , verliebt sich – es ist himmelschreiend ! “ „ Ich muß fort , “ sagte Behrend , dem augenscheinlich daran lag , die Unterhaltung abzubrechen „ Sie entschuldigen mich für heute . “ „ Gehen Sie nur ! “ brummte der Doctor ärgerlich . „ Aus Ihnen ist doch nichts herauszubekommen , aber lassen Sie den Professor nur erst hier sein , ich werde ihm den Kopf zurechtsetzen . “ Der junge Arzt lächelte flüchtig . “ Versuchen Sie es . Ich habe bereits das Möglichste gethan , aber gegen diese krankhafte Schwermuth ist nun einmal nicht aufzukommen . “ Er ging und Stephan blieb äußerst verstimmt zurück . Die Freude an all den festlichen Anstalten war ihm durch die soeben empfangenen Nachrichten gründlich verdorben , er mußte sich sagen , daß der Professor , wenn er überhaupt kam , schwerlich in der Stimmung sein würde , den seinetwegen veranstalteten Empfang zu würdigen . Es war nichts mit der gehofften Ueberraschung , seit Friedrich ’ s Tode ging überhaupt Alles verkehrt ! Der Tod ihres Neffen war dem Doctor und seiner Frau bei alledem doch sehr nahe gegangen , und es war für sie ein bitterer Tag gewesen , wo der , den sie als Diener hatten ausziehen lassen , als nächster Verwandter im Sarge zu ihnen zurückkehrte . Der Stachel , der Jane unaufhörlich peinigte und sie nicht zur Ruhe kommen ließ , hatte auch für sie einen Theil jenes Schmerzes in dem Gedanken , daß sie das so lange und angstvoll gesuchte Kind der Schwester , für dessen Auffindung Tausende vergebens geopfert waren , schließlich im eigenen Hause gehabt , ohne ihm auch den kleinsten Theil von all dem geben zu können , was ihm in so reichem Maße zukam . Und doch war der arme Bursche so dankbar gewesen für das Wenige , was er an Freundlichkeit von ihnen empfangen . Sie hörten immer noch seine treuherzigen Abschiedsworte : „ Sie haben mir viel Gutes gethan in den drei Jahren ; wenn ich zurückkomme , will ich ’ s redlich wieder gut machen , wenn nicht , vergelt ’ s Gott ! “ - – Er war nicht zurückgekommen . Freilich , wer hätte auch in dem Friedrich Erdmann , den der Professor mit nach B. brachte , den verschwundenen Fritz Förster vermuthen können ! Der Name , den seine Pflegeeltern auf ihn vererbt , vereitelte die Entdeckung , und eine zweite Namensänderung wurde auf ’ s Neue verhängnißvoll für ihn . Wäre die Schwester als Johanna Förster in das Haus ihrer Verwandten zurückgekehrt , es hätte den Bruder , der die Seinen ja in Amerika wußte , doch wohl zu einer Erinnerung , einer Aeußerung geführt , die Alles gelichtet hätte ; das fremdklingende Jane Forest machte es unmöglich , und die untergeordnete Stellung Friedrich ’ s that das Uebrige . Den Diener hatte natürlich Niemand nach seinen Lebensschicksalen oder seinem früheren Namen gefragt , und Professor Fernow , der Beides kannte , stand in seiner einsiedlerischen Zurückgezogenheit dem Doctor viel zu fern , als daß dieser ihn zum Vertrauten von Familienangelegenheiten und Nachforschungen hätte machen sollen , die Jane , seit sie Atkins zur Seite hatte , mit ihrer gewohnten Selbstständigkeit so viel als möglich der Kenntniß des Oheims entzog . Der rettende Zufall , der so leicht mit irgend einem Worte , einem Zeichen zwischen die Geschwister hätte treten können , blieb aus , das entscheidende Wort wurde erst in der Todesstunde gesprochen . Vielleicht war es auch mehr als bloßer Zufall , es sollte eben nicht sein , dem Erben Forest ’ s sollte von all seinem Reichthum nichts zu Theil werden , als das prachtvolle Denkmal über seinem Grabe , und ihm nützte es ja auch nichts mehr , daß der junge Erdmann , an den man noch nachträglich geschrieben , den letzten Zweifel hob , wenn ein solcher noch möglich gewesen wäre . Er gab die geforderte Adresse seines Pflegebruders in B. bei dem Professor an und bestätigte im Uebrigen Wort für Wort , was man bereits wußte . Es gab dem Todten auch vor der Welt den Namen , der ihm rechtmäßig zukam , für alles Andere war es zu spät . Das Verhältniß zwischen Jane und ihren Anverwandten war wo möglich noch kälter als früher , und sie ihrerseits that nicht das Geringste , es wärmer zu gestalten . Als sie , von Alison und Atkins begleitet , mit der Leiche ihres Bruders in B. anlangte , waren ihr Oheim und Tante mit herzlicher Theilnahme entgegengekommen , aber sie fanden keine Antwort darauf . Jane schloß sich in ihrer Trauer noch starrer ab als früher in ihrem Hochmuthe ; sie trug auch dies , wie sie gewohnt war , alles Uebrige zu tragen , allein und schweigend . Der Doctor und seine Frau waren nicht im Stande , einen Schmerz zu begreifen , der dem Mitleid wie der Theilnahme unzugänglich blieb , und die vorgefaßte Meinung von der Herzlosigkeit ihrer Nichte galt ihnen jetzt als unumstößlich . In der That war diese eine zu energische , zu fest in sich abgeschlossene Natur , um sich so über Nacht zu ändern oder ihrem Charakter untreu zu werden . Was sie dem sterbenden Bruder im Moment der tiefsten Erschütterung gezeigt , daß sie wirklich ein Herz besaß , das zeigte sie eben keinem Andern , und was Doctor Bohrend von Walther behauptete , das galt auch von ihr .