verletzen zu wollen , mit Mitteilungen über den Lohn und Anspielungen auf die Ehren , welche er den in der angeknüpften Intrige erfolgreich Handelnden zudachte , er wies auf die glänzenden Aussichten hin , die das Gelingen vor ihnen öffnete , und er ahnte nicht , daß dabei eine steigende Verachtung der niedern Schliche und geheimen Mittel der Politik sich Lucretias bemächtigte . Auch Georg Jenatsch erschien ihr in einem andern Lichte ; ihr Vertrauen auf seine reine Vaterlandsliebe wurde von dem allgemeinen Ekel , den sie empfand , angefressen und ihr Glaube an die Einheit seines Wesens erschüttert , ohne daß sie augenblicklich sich ganz bewußt wurde , wie durch diese Zweifel ihr Verhältnis zu ihm sich innerlich trübe . Was sie aufrecht hielt , war ihre Treue an sich selbst . Sie hatte versprochen , von den ihr übergebenen fünf Bedingungen in keiner Weise abzuweichen und sich keinen Punkt davon abmarkten zu lassen . Dabei blieb sie unerschütterlich . Das Andenken ihres Vaters verließ sie niemals . Sie stärkte sich in Momenten der Erschöpfung an seinem geistigen Anblicke und je ausschließender sie in der Erinnerung mit ihm verkehrte , desto lebendiger ward sie sich bewußt , daß sie in seinem Geiste handle , wenn sie zum Abschlusse des von Jenatsch entworfenen Vertrages mitwirke . Nachdem sie als williges und treues Werkzeug ihre Aufgabe erfüllt und mit den von Spanien gewährten und unterzeichneten Bedingungen das Gebirge wieder überschritten hatte , kehrte sie in die Stille von Riedberg zurück und wartete dort , bis ihr die Schriften , die sie verwahrte , – durch die Vermittelung des Klosters Cazis , vermutete sie – abverlangt würden . So war der März gekommen . Da erschien eines Abends bei einbrechender Nacht Jenatsch selbst wieder auf Riedberg . Ein Brief des Paters Pancraz hatte ihm aus Malland gemeldet , daß Lucretia abgereist sei und die ihr gewährten spanischen Vollmachten auf ihrem Schlosse bewahre und hüte . Nun kam er , um die von Serbelloni unterzeichneten Papiere aus ihrer Hand zu empfangen . Als er eintrat , pochte Lucretias Herz mit schweren Schlägen , aber vor jähem Schrecken mehr als vor Freude . Noch einmal war eine Verwandlung mit ihm vorgegangen ! Was heute aus seinen Augen blitzte war nicht mehr der jugendliche Übermut von früher , war nicht die vor keinem Hindernisse zurückweichende Sicherheit , mit welcher er , seit sie ihn wieder kannte , ihr entgegengetreten , es war etwas Maßloses in seinem Wesen , eine gereizte Gewaltsamkeit in seiner Stimme und Haltung , als hätte eine übermenschliche Kraftanstrengung ihn aus dem Geleise und über die letzten seiner Natur gesetzten Marksteine hinausgeworfen . Eine wilde Freude flammte über sein Antlitz , als er endlich die Schriften hielt und durchflog . Er wollte in seinem Triumphe die Kniee seiner Botin umfassen ; aber Lucretia trat stolz und zitternd zurück . Da streckte er die Hand gen Himmel und rief in herausforderndem Jubel : » Ich schwöre es , Lucretia , wenn das gelingt , soll mir fortan nichts unmöglich sein ! . . . Müßt ich auch das Blut deines Vaters durchschreiten – müßt ich dem Racheengel das Schwert aus den Händen reißen , um dich zu besitzen , du längst – du immer Begehrte ! « Lucretia faßte seine Hand und trat mit ihm durch eine schmale Pforte in einen gewölbten Nebenraum , ein enges Gelaß , dessen Rückwand durch einen ungebrauchten altertümlichen Kamin ganz gefüllt und durch ein grob darauf gezeichnetes Kreuz verunziert war . » Auf Riedberg wird keine Hochzeit gefeiert ! « sagte sie und flüchtete sich dann , das Antlitz mit den Händen bedeckend , in ihr innerstes Gemach . Als wenige Wochen später der Verrat an Herzog Rohan und die Befreiung Bündens eine Tatsache wurde , von der das ganze Land erscholl , beschlich Lucretia in ihrer Einsamkeit das bange Gefühl , als sei sie durch ihre verborgene Mithilfe mit Georg Jenatsch auf immer und ewig verbunden , teilhaftig seiner rettenden Tat , teilhaftig auch seiner Schuld . Unauflöslich war sie mit ihm vereinigt im Augenblicke , da ihr Herz vor ihm zu erschrecken begann und sie , um in ihrem Gemüte eine Schutzwehr gegen ihn aufzurichten , sich täglich zurückrief , daß die Pflicht ihres Lebens noch nicht erfüllt und der Geist ihres Vaters durch die ihm gebührende Blutsühne noch nicht geehrt sei . Zu Ende Mai nach dem Abzuge des Herzogs aus Bünden wurde Lucretia durch einen flüchtigen Besuch ihres verabscheuten Vetters beunruhigt . Er deutete ihr an , er müsse schleunig nach Mailand zurückkehren . Dort befinde sich Jenatsch und verhandle persönlich mit Serbelloni die letzten endgültigen Bestimmungen über die Stellung Bündens zu Spanien . Durch seinen charakterlosen Parteiwechsel und seine trügerische Beredsamkeit gewinne der Oberst auf den Gubernatore einen verhängnisvollen Einfluß , welcher die Interessen der alten spanischen Partei in Bünden gefährde und ihn selbst der Früchte seiner langjährigen Treue an Spanien beraube . Rudolf fügte bei , es sei die höchste Zeit , daß er sein Heimatsrecht und seine Stellung im Lande wiedergewinne . Das hoffe er bei den Verhandlungen in Mailand durchzusetzen . Er wäre der Verwendung Serbellonis zu seinen Gunsten gewiß , wenn ihm Lucretia , welcher der Gubernatore von früher her huldvoll gewogen sei , ihre Hand reiche , und er durch die Verbindung mit ihr das berühmte Geschlecht der Planta zu Riedberg wieder emporbringe . Er wisse wohl , meinte Rudolf , an welche Bedingung Lucretia ihr Jawort knüpfe – an die Vollziehung ihrer Blutrache an Jenatsch – und diese Bedingung werde er erfüllen , was ihm jetzt leichter sei als früher , da sich die Feinde des Obersten aus den verschiedensten Gründen gemehrt hätten und noch täglich sich mehrten . Zuerst aber müsse dieser den Vertrag mit Spanien endgültig abgeschlossen haben , denn Jenatsch allein sei es imstande . – So zog er über das Gebirge . Der Eindruck seiner Gegenwart war für Lucretia ein häßlicher und beunruhigender gewesen . Doch achtete sie Rudolfs Persönlichkeit zu gering