gezeigt , und wenn er in den Fürstenstand erhoben würde , es könnte doch unmöglich den Widerwillen in Liebe zurückverwandeln . “ „ Bei einer so eitlen , ehrgeizigen Seele , wie Flora , ohne Weiteres , “ versetzte Henriette in bitter verächtlichem Ton . „ Und Bruck ? Du wirst sehen , er geht bei ihrer ersten Annäherung über das Geschehene hinweg , als sei es nie gewesen . “ – Den Kopf zurückhaltend schloß sie einen Moment die Augen . – „ Ja , wenn die Liebe nicht wäre , dieses ewig unlösliche Räthsel ! “ sagte sie halb flüsternd vor sich hin . „ Und er liebt sie wie vordem ; wie ließe sich sonst sein Ausharren , sein geduldiges Ertragen erklären ? “ Sie hob die Wimpern wieder , und ein Gemisch von tiefem Schmerz und bitterer Ironie brannte in ihren unirdisch glänzenden Augen . „ Und wenn ihn aus ihrem schönen Gesicht ein Teufel anblickte , und wenn ihre Hände nach ihm schlügen , er würde sie doch lieben und diese Hände zärtlich küssen . “ Das Lächeln , das so scharfe Linien in ihre abgezehrten Wangen grub , hatte etwas Herzzerreißendes ; sie suchte es auch zu verbergen , indem sie das Gesicht in die Kissen drückte . „ Ihre Umkehr wird mithin hohen Werth für ihn haben , “ sagte sie nach einer momentanen Pause entschlossen , mit gewaltsam beherrschter Stimme ; „ er wird glücklich werden , und deshalb muß auch von unserer Seite Alles geschehen , daß die Zeit der Verirrung nie mehr berührt wird . “ Käthe sagte kein Wort mehr . Die Kranke erwartete mit kaum bezähmbarer Ungeduld den Moment , wo sie den Mann , den sie als ihren Arzt vergötterte , wieder glücklich sehen würde . Was sollte werden , wenn Flora nicht kam , wenn Henriette endlich doch erfahren mußte , daß die treulose Braut der langen Qual eigenmächtig ein rasches , gewaltsames Ende gemacht hatte ? „ Dann wirst Du unseren Namen nie mehr auf die Lippen nehmen , “ hatte Henriette gestern in ihren Fieberphantasien gegen Bruck geklagt . In Käthe ’ s Seele dauerte der chaotische Zustand fort , der sie schon gestern Abend betroffen gemacht . Die Gesetze der Moral hatten ein scharfes Gepräge für sie , und sie war noch unerfahren genug , Lohn und Strafe stets als gerechte Folgen vorausgegangener Handlungen zu denken – und nun in diesem wunderlichen Weltgetriebe wurde alles Ernstes gewünscht und gehofft , daß unerhörter Uebermut und systematische Pflichtverletzung nicht nur straflos ausgehen , sondern auch noch eines seltenen Glückes theilhaftig werden sollten . Man bemühte sich , das Vergehen totzuschweigen ; man hätschelte die Sünderin und dankte ihr wo möglich auf den Knieen für ihre Umkehr , die , wenn sie wirklich erfolgte , nicht einmal wahre , innere Reue , sondern nur durch den Umschwung der äußeren Verhältnisse hervorgerufen worden war . Und er , den sie moralisch mit Füßen getreten , nahm er sie wirklich augenblicklich wieder an sein Herz , wenn sie sich herabließ , zu ihm zurückzukehren ? Ganz sicher ; hatte er sie doch nicht beigegeben , selbst nachdem sie ihm erklärt , daß sie ihn hasse . Jetzt fühlte Käthe einen mächtigen Zorn in sich aufglühen gegen die unselige Schwachheit , die einen Mann so erbärmlich , so unmännlich handeln ließ . Sie hätte so recht von Herzen ihren Groll ausweinen mögen über diese Erfahrung , die ihr das Leben und sogar die schöne , strahlende Welt für einen Augenblick verdunkelte , aber sie verbiß trotzig das wunderliche Schmerzgefühl und saß äußerlich fast noch „ fischblütiger “ da , als vorher . Weinen ? Was ging sie denn die ganze abstoßende Geschichte weiter an ? Sie hatte nun nichts , gar nichts mehr dabei zu bedeuten , als das Hochzeitsgeschenk für die Schwester – etwa ein Teppich oder ein Sophakissen – das sie nunmehr schleunigst anfangen müsse , wenn wirklich die Hochzeit zu Pfingsten stattfinden sollte . Die Tante kam herein , legte einen frischgebrochenen Syringenzweig voll junger Blätter auf die Bettdecke und brachte der Leidenden einen Gruß vom Frühling , der gar so golden , so helltönig und würzig draußen hinziehe und einen wahren Genesungsbalsam in seinem Athem trage . Sie bestand darauf , ihren Platz am Bett wieder einzunehmen , und erklärte Käthe ’ s Anwesenheit im Krankenzimmer für den Moment als vollkommen überflüssig ; draußen im Garten möge sie sich ein wenig Bewegung machen und frische , sonnige Gottesluft atmen ; das tue ihr sichtlich noth ; die gestrige Alteration und Anstrengung sei noch auf ihrem Gesicht zu lesen . Das junge Mädchen ging rasch hinaus . Ja , Luft und Sonnenschein , das waren zwei gute Freunde , die ihr stets das Gefühl innerer Kraft und des Jungseins wonnig zum Bewußtsein brachten , die den Blick klärten und alles angekränkelte Empfinden über den Haufen bliesen . Und die Tante hatte Recht , die Welt war so maienhaft , so blüthenverheißend , und die schwach wehende , sonnentrunkene Luft hauchte „ Genesungsbalsam “ in Leib und Seele . Käthe trat hinaus auf die Freitreppe ; ihr schöner Busen wogte in tiefen , zitternden Athemzügen . Sie hob und streckte unwillkürlich die Arme , die fest und doch mädchenhaft gerundeten mit den stählernen Muskeln . Und die Stufen hinabsteigend , ließ sie den Blick in die blaue Fremde hinein fliegen , über das niedere Staket hinweg , über die Wiesengründe draußen , über das sie durchschneidende , rasch strömende Gewässer mit den Dorfhäusern und Kirchthürmen an seinen fernen Ufern – wunderliches Menschenherz , das angesichts dieser Herrlichkeit doch so gepreßt blieb ! Und dort , vom Holzschuppen her , der am Gartenzaun stand , klang liebliches Gezwitscher , und blauschwarzes Gevögel mit metallisch funkelndem Rücken und rostbrauner Kehle tummelte sich um die offene Bodenluke – die ersten Schwalben waren da . Die Bodenluke war ihr alter Nistplatz . Käthe hatte schon als Kind , im Grase liegend