sie näher trat ? » Barmherziger Gott , hilf mir ! « flüsterte sie . Über ihr starres Gesicht glitt plötzlich ein Lächeln , mit raschem Griff hatte sie ihr Armband abgenommen und drehte es spielend und lockend hin und her , während sie einen Schritt vorwärts tat , und noch einen und noch einen . Jetzt erfaßte sie das lange Kleidchen , ein schwacher Schrei entrang sich – der kleine Körper schlug rückwärts , aber kraftvoll griff die zweite Hand nach , und im nächsten Augenblick kniete sie auf dem Teppich , das zu Tode erschreckte Kind im Schoß . Die zitternden Knie hatten ihr den Dienst versagt , halb ohnmächtig sank ihr Kopf gegen den Pfeiler eines Spiegeltisches , während ihre blauen , großen Augen wie erloschen aus dem kreideweißen Antlitz blickten . Es kniete jemand neben ihr , genau so erschreckt , so blaß , so zitternd . Zwei heiße Lippen preßten sich auf ihre Hände und auf des Kindes Gesichtchen . » Lothar ! « murmelte sie und strebte zitternd empor . Er nahm ihr das Kind vom Schoß , trug es ins Bettchen und trat dann zu ihr , die hochaufgerichtet dort stand und nun mit schnellen Schritten an ihm vorüberstrebte . » Klaudine ! « scholl es bebend , und seine Gestalt vertrat ihr den Weg . » Es war beinahe zu spät « , sagte sie und versuchte zu lächeln . Er faßte ihre Hand und führte sie zu dem Bettchen . Die Kleine saß aufrecht darin und lachte . Er hob sie empor und hielt des Kindes Gesicht an die blasse Wange des Mädchens . » Bedanke dich ! « sagte er mit seltsam bewegter Stimme , » dein Vater darf es nicht . « Klaudine sah , wie die Hände , die das Kind hielten , zitterten . Sie küßte flüchtig die kleine Wange . » Ich war vorher sehr zornig auf mich « , sprach sie kühl , » daß ich Ihre Einladung doch noch annahm , Vetter – ich darf mir jetzt wohl verzeihen . « Eine schwüle Pause entstand . Die Kleine hatte jauchzend nach dem Stern in dem blonden Haar gegriffen , Klaudine mußte den Kopf neigen , um die Fäustchen zu lösen . Draußen flog eben mit zischendem Laut eine Rakete empor , das Zeichen für den Beginn des Mahles . Musik , Lachen , plaudernde Stimmen drangen deutlicher herauf , und ein glutroter Schimmer brach durch die Fenster . Sie war vor den Spiegel getreten , um die zerzausten Löckchen etwas zu ordnen . Sie sah nicht den leidenschaftlichschmerzlichen Blick der dunklen Männeraugen , die ihr folgten , wie sie nicht gesehen hatte , daß vor ein paar Minuten in der weit geöffneten Tür eine zierliche Gestalt im blaßblauen Seidenröckchen wie hingeweht gestanden hatte , um gleich wieder zu fliehen , als sei dort in dem dämmernden Zimmer etwas entsetzliches zu erblicken gewesen , während es doch das entzückendste Bild war , ein schlankes Mädchen an der Seite des schönen Mannes , der sein spielendes Kind auf den Armen hält . » Ich werde veranlassen , daß die Wärterin kommt « , sagte Klaudine jetzt im Hinausgehen , » die kleine Unternehmungslustige möchte sich sonst zum zweitenmal aus dem Bettchen entfernen . « In diesem Augenblick erschien zwar nicht die unzuverlässige Kinderfrau , wohl aber Frau von Berg . » Sie werden die Güte haben , Frau von Berg , an Leonies Bett zu bleiben , bis die Kinderfrau , die Sie übrigens vortrefflich unterrichtet zu haben scheinen , zur Stelle ist . Ich möchte nämlich nicht gern , daß die Kleine noch einmal in die Gefahr kommt , dort hinauszustürzen . « Klaudine war rasch auf den Flur getreten , sie konnte nicht mehr das namenlos bestürzte Gesicht der schönen Italienerin erblicken , die auf ein paar verzweiflungsvoll geflüsterte Worte der Prinzeß Helene über das befremdende Schauspiel kraft ihres Amtes einmal in der Kinderstube nachschauen wollte . Klaudine schritt schon am Ende des Ganges , als Lothar sie einholte . Nebeneinander betraten sie die Treppe , die in die Halle führte . Es ging wie staunende Bewunderung einen Augenblick durch alle die Menschen , die den Raum füllten oder draußen vor der Halle standen . Die Herzogin aber winkte mit ihrem Granatstrauß empor . » Klaudine « , sagte sie , als das Mädchen vor ihr stand , » wir haben beschlossen , mitzulosen . Warum sollten sich der Herzog und ich nicht auch einmal dem Zufall anvertrauen ? Unsere liebenwürdige Wirtin hat noch rasch unsere Namen hineinwerfen müssen . « Und als jetzt Komtesse Moorsleben in einem blumigen Rokokokostüm mit zierlichem Knicks Ihrer Hoheit die silberne Schale darbot , welche die goldgeränderten Zettelchen mit den Namen der Herren enthielt , griff die schmale Frauenhand keck hinein und entnahm eine der kleinen Rollen . Prinzeß Thekla dankte . Die Hand der Prinzeß Helene , die einen Schritt hinter Ihrer Hoheit stand , zitterte , als sie den kleinen Zettel nahm . » Liebste Klaudine « , sprach die fürstliche Frau , » Ihr Schicksal winkt « , und die Angeredete ergriff nun auch eines der Zettelchen . » Noch nicht lesen ! « sagte die Herzogin . Ihre großen , dunklen Augen glänzten freundlich , sie stützte sich leicht auf Klaudines Arm . Das weiß gepuderte Köpfchen der hübschen Hofdame war hin und wieder aus der Menge aufgetaucht . Jetzt hielt sie das geleerte Silberkörbchen in die Höhe , und im nämlichen Augenblick begann die Kapelle den Hochzeitsmarsch aus dem » Sommernachtstraum « . Die Damen sollten die ihnen durch das Los zugeteilten Herren zur Tafel führen . So war es von Prinzeß Helene bestimmt . Lachen , Ausrufe wurden laut . Ihrer Hoheit Augen leuchteten . Sie hatte den Namen eines blutjungen , schüchternen Leutnants auf ihrem Zettel gefunden . » Nun , Klaudine ? « fragte sie , indem sie in das Papier der Freundin blickte . » Oh ! « machte