noch teil an derselben und starb kurz darauf ruhig und still , herzlich betrauert von dem jungen Paare . – » Da mein Vater ein kleines Vermögen besaß , trat zunächst die Not nicht an das junge Paar heran . Dann , als meine Brüder geboren waren , mußte mein Vater sich nach einer Brotstelle umsehen . Es war nicht leicht , das Nötige zu finden . Auf einem kleinen Gut konnte er eine Inspektorstelle nicht wohl annehmen , dort wollte man unverheiratete Leute als Beamte u. s. w. Administratorstellen gab ' s ausnahmslos nur auf adligen Gütern , und dort scheuten sich die Leute , einen Beamten anzustellen , der einer Gräfin Ehemann war . Wie sollten sie sich diesem gegenüber verhalten ? Die Frau zu ignorieren , ging nicht wohl , und ihn in den Kreis ihrer Geselligkeit zu ziehen , das war auch solche Sache , – kurz überall , wo er sich hinwandte , ein abschlägiger Bescheid . » Da gab es schwere Sorgentage und für meine Mutter noch schwerere Trauer durch den rasch nacheinander erfolgten Tod ihrer Eltern . Die Großmutter hatte ihr noch ihren Segen gesandt , aber der stolze Großvater war unversöhnt gestorben und hatte seine Tochter wirklich völlig enterbt . Eines Tages , als mein Vater niedergeschlagener als je dasaß mit einem abermaligen Absagebrief , schlich sich meine Mutter in ihre Schlafstube und schrieb dort heimlich an einen alten bärbeißigen Oheim , der sie einmal , als sie noch ein junges Komteßchen war , das an Glück und Liebe glaubte wie jedes andere junge Herz , zur Frau begehrt hatte . Er , der alte wunderliche Mann , der mitunter wochenlang mit Gicht im Lehnstuhl saß , sie die Zwanzigjährige ! Ganz empört hatte sie ihn mit einem großen Korbe heimgeschickt . Seitdem hatten sie nichts voneinander gehört . Gott mag es wissen , was dieser Bittbrief sie gekostet hat , aber belohnt wurde sie für ihre Demütigung . Erstlich sandte er ihr sofort eine größere Summe , und fürs zweite fragte er sie , ob ihr Gatte die Stelle eines Rentmeisters auf den Gütern seines Mündels anzunehmen gewillt sei . Der wäre noch ein Knabe und vater- und mutterlos , augenblicklich auf irgend einer vornehmen Schule , ich 271 glaube in Hannover . Er habe diese eben freigewordene Stellung als Vormund zu besetzen , mache aber darauf aufmerksam , daß sie sehr bescheiden sei . Was hätte Vater nicht angenommen ? Und alles war ja doch so günstig wie möglich : Wohnung im Schloß , ein immerhin anständiges Gehalt , eine Menge Naturalverpflegung und im Grunde weiter nichts zu tun als Buchführung und Rechnungslegung ohne irgend welchen Vorgesetzten in der Nähe , denn der alte Herr war viel zu bequem , um von Westfalen nach hier zu reisen , und begnügte sich mit dem schriftlichen Bericht über die Gutsverwaltung seines Mündels , des Barons Zweistetten . » Hier lebten nun meine Eltern , und hier wurde ich geboren . Meine Kinderzeit war sehr glücklich . In unserm Familienkreise herrschte eine seltene Einigkeit , mir ist nie eine Meinungsverschiedenheit zwischen meinen Eltern aufgefallen . Mutter war es aber , die wir Kinder unwillkürlich bevorzugten . Sie war lebhaft , sie spielte mit uns , sie entschied in fast allen Fragen des täglichen Lebens . Mein Vater war ein schöner , großer , blonder Mann , das Urbild eines Germanen . Umso wunderlicher stach von dieser sieghaften Erscheinung sein müdes , stilles Wesen ab . Er sprach wenig und hatte seltsam schwermütige Augen , Augen , die sehnsüchtig nach irgend etwas zu suchen schienen . » Meistens saß er arbeitend in seinem Bureau , das unserer Wohnung gegenüber im herrschaftlichen Flügel hofseitig lag . Und auch in den Stunden , wo er in unserem Kreise weilte , wurde er selten gesprächig . Eines war mir schon als Kind als besonders hervorstechend aufgefallen : eine gewisse Empfindlichkeit im persönlichen oder brieflichen Verkehr mit Fremden . Er konnte förmlich grübeln darüber , ob ihm auch die gebührenden Titel und das Wohlgeboren und die nötige Artigkeit erwiesen wurden . Es wurde dies zu einer fixen Idee , die meine Mutter stets liebenswürdig mit Scherzen oder mit Zärtlichkeit abzuschwächen versuchte , was ihr nicht immer gelang . Zuweilen hörte ich ihn bei irgend welcher feierlichen Veranlassung , etwa bei Geburtstagen oder bei Neujahrsanfang , leise die Mutter fragen : Bereust du es , Ilse ? Und sie pflegte dann die Arme um seinen Hals zu schlingen und 272 zu versichern : › Ich bereue nichts . Und du , Heinrich ? ‹ – Dann gab er ihr einen Kuß und wiederholte : › Ich bereue auch nichts und ich danke dir . ‹ » Mutter selbst unterrichtete mich , ich lernte spielend Französisch und Englisch , später lehrte sie mich ein wenig Wirtschaften und Kochen und so gut sie es vermochte , Nähen und Stricken . Man merkte wohl , daß sie zu solchen Dingen nicht aufgezogen war , aber ihr guter Wille dazu ließ doch alles gelingen . Als ich eben siebzehn Jahr alt gewesen , wurde eines Tages der Erbe , der junge Herr , der mittlerweile großjährig geworden war und alter Familiensitte gemäß einige Jahre auf Reisen verbracht hatte , zum ersten Male auf dem Stammsitz seiner Väter erwartet . Ich erinnere mich , daß mein Vater mit Eintreffen dieser Nachricht noch gedrückter und verstimmter wurde als sonst . Am Tage , an dem Baron Walter ankommen sollte , war er indessen wieder in gewohnter Stimmung und Mutter und ich wanden Kränze für das Portal des Hauses , damit das leere Nest , in das er kam , ein wenig freundlich zum Empfang gerüstet erscheinen sollte . Wir saßen im Garten unter der Linde und waren eifrig bei der Arbeit . Auf einmal fiel meiner Mutter ein , daß sie irgend eine Anordnung im Hause vergessen habe , und sie verließ mich mit den Worten : › Ich bin gleich wieder hier , Helene