ich ein ganz gewöhnlicher Sünder geworden , der in all den gemeinen armseligen Zerstreuungen abgenützt worden ist , mit denen die Reichen und Liederlichen das Leben auszuschmücken pflegen . Wundern Sie sich darüber , daß ich Ihnen dies Geständnis mache ? Wissen Sie denn , daß Sie in Zukunft noch oft finden werden , daß man Sie zur unfreiwilligen Vertrauten der Geheimnisse Ihrer Freunde macht . Instinktiv werden die Menschen stets , wie ich es gethan habe , herausfinden , daß es nicht Ihre schwache Seite ist , von sich selbst zu reden , sondern aufmerksam zuzuhören , wenn andere von sich sprechen ; sie werden auch herausfühlen , daß Sie nicht mit spöttischer Verachtung auf die Ergüsse ihrer Indiskretion horchen , sondern mit wirklicher Sympathie , welche nicht weniger tröstlich und ermutigend , weil sie in ihren Kundgebungen weder laut noch aufdringlich ist . « » Woher wissen Sie das ? – Wie können Sie alles dies erraten , Sir ? « » Ich weiß es sehr wohl , deshalb spreche ich so frei von der Leber fort , als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch schriebe . Sie möchten mir gern sagen , daß ich stärker als die Verhältnisse hätte sein müssen , – ja , das hätte ich sein müssen – das hätte ich sein müssen ; aber Sie sehen – ich war es nicht . Als das Schicksal mir ein Unrecht zufügte , besaß ich nicht genug Weisheit , um kalt und ruhig zu bleiben ; ich geriet in Verzweiflung – dann entartete ich . Und wenn jetzt der lasterhafteste Dummkopf meinen Ekel durch seine gemeine Liederlichkeit erweckt , so kann ich mir nicht mehr schmeicheln , daß ich besser bin als er ; ich bin gezwungen zu erklären , daß er und ich auf gleichem Standpunkt stehen . Ach , wie ich wünsche , daß ich standhaft geblieben ! – Gott weiß , wie innig ich es wünsche ! Wenn die Versuchung an Sie herantritt , Miß Eyre , so fürchten Sie sich vor Gewissensbissen ! Gewissensqualen sind das Gift des Lebens ! « » Aber Sir , man sagt , daß die Reue sie heilt ! « » Nein , Reue heilt sie nicht ! Besserung mag Heilung für sie sein ; und ich könnte mich bessern – ich besitze noch Kraft genug dazu – wenn – , aber was nützt es denn , auch nur daran zu denken , gehindert , belastet , verflucht wie ich bin ? Und außerdem , da das Glücklichsein mir unwiderruflich versagt ist , habe ich doch das Recht , dem Leben so viel Freuden abzugewinnen , wie möglich , – und diese will ich haben , koste es , was es wolle ! « » Aber dann werden Sie noch mehr ausarten , Sir . « » Das ist möglich ! Aber weshalb sollte ich , wenn ich süße , neue Freuden haben kann ? Und ich kann deren haben , so süß , so frisch , so unberührt wie der Honig , welchen die Biene im Walde sammelt . « » Aber diese Freuden werden bitter schmecken , Sir ! « » Wie können Sie das wissen ? – Sie haben es ja niemals versucht . Wie unendlich ernst – wie feierlich Sie aussehen ! Und Sie verstehen so wenig von der Sache wie diese Camée hier , « – er nahm eine solche vom Kaminsims . » Sie haben kein Recht , mir zu predigen ; Sie sind eine Neophytin , welche noch nicht durch das Thor des Lebens eingegangen und mit seinen Mysterien gänzlich unbekannt ist . « » Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte , Sir . Sie sagten , daß Irren nur Gewissensbisse bringe und Sie erklärten Gewissensbisse für das Gift des Lebens . « » Und wer spricht denn jetzt noch von Verirrungen ? Ich glaube kaum , daß der Gedanke , welcher mein Hirn durchkreuzte , eine Verirrung war . Ich glaube , es war eher eine Eingebung als eine Versuchung , – es war sehr beruhigend , sehr belebend – das weiß ich . Und hier kommt dieser Gedanke schon wieder ! Es ist kein Teufel , ich versichere Sie ; oder wenn es einer ist , so hat er doch die Gewandung eines Engels des Lichts angelegt . Einen so schönen Gast muß ich doch einlassen , wenn er so bittend Einlaß in mein Herz begehrt ! « » Mißtrauen Sie ihm , Sir ; es ist kein wahrer , kein lichter Engel ! « » Noch einmal , wie können Sie das wissen ? Kraft welchen Instinkts glauben Sie zwischen einem gefallenen Engel aus dem Abgrund der Hölle und einem Boten von dem Thron des Ewigen unterscheiden zu können – zwischen einem Führer und einem Verführer ? « » Ich urteilte nach Ihrem Gesichte , Sir , und dieses sah kummervoll aus als Sie sagten , daß jener Gedanke Sie abermals heimsuche . Ich bin überzeugt , daß noch mehr Elend für Sie daraus entspringt , wenn Sie ihm Gehör schenken . « » Durchaus nicht . Es ist die lieblichste Botschaft der Welt ; und überdies sind Sie ja nicht die Hüterin meines Gewissens , deshalb beruhigen Sie sich . Hier , komm herein , lieblicher Wanderer ! « Die letzten Worte sprach er wie zu einer Erscheinung , die keinem anderen Auge sichtbar als dem seinen . Dann verschränkte er die Arme , welche er halb ausgebreitet hatte , über der Brust und schien das unsichtbare Wesen in eine innige Umarmung zu schließen . » Jetzt , « fuhr er zu mir gewendet fort , » habe ich den Pilger eingelassen – eine verkleidete Gottheit , wie ich glaube . Sie hat mir schon Liebes gethan ; mein Herz war eine Art von Beinhaus ; jetzt wird es ein Altar sein . « » Wenn ich die Wahrheit gestehen soll , Sir , so verstehe ich Sie durchaus gar nicht . Ich