- - - - - - - - - - - - - - - - - Tag um Tag schlich dahin , Woche um Woche , und immer noch saß ich in der Zelle . Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde . Miteinander zu reden , war verboten . In der Mitte des Platzes stand ein kahler , sterbender Baum , in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war . An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden , die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß . Ringsum die Gitter der Zellen , aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute . Dann ging ' s wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot , Wasser und Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen . Erst einmal war ich wieder vernommen worden : Ob ich Zeugen hätte , daß mir » Herr « Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe ? » Ja : Herrn Schemajah Hillel - - das heißt - nein « ( ich erinnerte mich , er war nicht dabei gewesen ) - - » aber Herr Charousek - nein , auch er war ja nicht dabei . « » Kurz : also niemand war dabei ? « » Nein , niemand war dabei , Herr Untersuchungsrichter . « Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das : » Führen Sie den Mann hinaus , Gefangenwärter ! « - - - Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen : Der Zeitpunkt , wo ich um sie zittern mußte , war vorüber . Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt , oder Charousek hatte eingegriffen , sagte ich mir . Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn . Ich stellte mir vor , wie sie Stunde um Stunde darauf wartete , daß sich das Wunder erneuere , - wie sie früh am Morgen , wenn der Bäcker kam , hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte , - wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging . Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf , und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch , meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien , er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder . Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an , bis mir die Brust fast zersprang , - um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen , damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost . Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben : Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust , und ich wollte aufschreien vor Jubel , daß jetzt alles wieder gut würde , aber er war in den Boden versunken , noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte , Mirjam zu erscheinen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden ! Ob es denn verboten sei , einem Briefe zu schicken ? fragte ich meine Zellengenossen . Sie wußten es nicht . Sie hätten noch nie welche bekommen - allerdings wäre auch niemand da , der ihnen schreiben könnte , sagten sie . Der Gefangenwärter versprach mir , sich gelegentlich zu erkundigen . - - Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert , denn Schere , Kamm und Bürste gab es nicht . Auch kein Wasser zum Waschen . Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz , denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz . - - Eine Gefängnisvorschrift , um dem » Überhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen . « - - Die Zeit verging in grauer , furchtbarer Eintönigkeit . Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual . Da gab es die gewissen Momente , die jeder von uns kannte , wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes Tier , um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten - zu warten - zu warten . Wenn der Abend kam , zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt , warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe , ob ich kein Ungeziefer hätte . Fürchtete man vielleicht im Landesgericht , es könne eine Kreuzung fremder Insektenrassen entstehen ? Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen : der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt , und überzeugte sich , daß alle vor Gesundheit strotzten . Und wenn einer sich beschwerte , gleichgültig worüber , so verschrieb er - Zinksalbe zum Einreiben der Brust . Einmal kam auch der Landgerichtspräsident - ein hochgewachsener , parfümierter Halunke der » guten Gesellschaft « , dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen , und sah nach , ob - alles in Ordnung sei : » ob sich noch immer kaner derhenkt hobe « , wie sich der Frisierte ausdrückte . Ich war auf ihn zugetreten , um ihm eine Bitte vorzutragen , da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten . - » Was ich denn wolle « , schrie er mich an . Ob Briefe für mich da seien , fragte ich höflich . Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt , der gleich darauf das Weite suchte . Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt : - ich solle lieber den Mord gestehen