? Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf , aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt , wartet auf den Briefträger und blickt über die Elbe . Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr , bis sie gewiß weiß , daß ihr Junge lebt . Sie hat so viel an ihm gutzumachen , die arme Mutter , - daß er wiederkäme ! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus : sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts sehen . Morgens , wenn die Sonne aufgeht , ist sie voll Hoffnung , aber nachts gibt sie wieder alles verloren . Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen , und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben . Wäre nicht das Viehzeug , das sein Futter und seine Wartung verlangte , so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre tiefdenkern geworden . * * * Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf , daß Jan sie verwundert anguckte . Sie las , daß Störtebeker gesund und munter wäre , dann aber kamen die Zweifel wieder über sie , sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief . » Dat lügst du , Klaus Mees , he is verdrunken ! « schrie ihre gemarterte Seele . In der Nacht umbrauste der Wind das Haus , daß sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte . Ihre Seele war krank und wund , und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen . Als der Morgen dämmerte , war sie entschlossen , mit der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen . Sie mußte Ruhe haben : sie konnte es nicht mehr aushalten . Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig . Als sie alles bereit hatte , - es gehörte sehr viel dazu , denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren , - vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger an , der gar nicht wußte , was los war und es auch nicht herausbekommen konnte , denn sie sagte nur , daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme . Die Frauen , die vor den Türen oder auf dem Deich standen , erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton , der besagt : na , was hast du denn vor , willst es uns nicht erzählen ? Aber sie ging nicht darauf ein , sondern machte , daß sie weiterkam , denn das , was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war , den Deich entlang zu gehen , jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben , erschien ihr , der Ortsfremden , wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen . Wenn sie vorbei war , steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr nach . » Se hett jo man bloß den eenen Jungen « , hieß es dann . Bei der Post dachte sie daran , ob es nicht besser wäre , nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden . Sie tat es aber nicht , damit Klaus nicht nach See ginge , bevor sie da wäre . Er sollte nicht wissen , daß sie unterwegs war . Wenn sie ihn nicht mehr antraf , konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren . Der Klapperkasten » Courier « paddelte langsam , aber sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab . Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof , den die Hamburger so gern den Pariser nannten . * * * Der Bahnfahrt ungewohnt , kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste . Sie erreichte auch den Deich , sah im Westen und Norden die breite Außenweser und ging nach der Kaje hinunter , an der die Fischerewer in langer , doppelter und dreifacher Reihe lagen , denn der Wind hatte viele von ihnen hergeweht . Obgleich sie an weiter nichts dachte , als an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H.F. 125 , sah sie doch , daß hier an der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war ; da waren Eisschuppen und da Werften , hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige , graue Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen : was Klaus wohl hatte , daß er immer so gern nach der Weser segelte , wenn es weiter nichts war als diese graue Ecke , die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte ? Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes . Fragen mochte sie nicht , obgleich einige Jungen an Deck standen . Da rief Jannis Sloo sie an , der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach : » Süh , Gesa , ok mol oberreist ? « Sie gab keine Antwort , sondern ging weiter . » Klaus liggt dor wieder rup « rief er ihr noch nach . » Dor eben vörre Brügg , de Flagg dor , dat is he ! « Die Flagge , - sie mußte bitter und schmerzlich lächeln : so wenig Seefischerfrau war sie , daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte . Ja , da wehte die deutsche Flagge auf der Besan , wehte lustig und fröhlich , wie sie immer geweht hatte : aber ihr tat sie diesmal weh , weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte . Es wollte schon schummerig werden , als sie vor dem Ewer stand . Tief aufatmend , hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest . In ihren Ohren sauste es , und ihr Herz klopfte schmerzhaft : sollte sie nicht doch noch umkehren ? In der Kajüte brannte schon Licht ,