ihm nur gesagt , die Jugend gehe schnell vorbei , und nachher kommen die Sorgen , darum sei man dumm , wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle . Damals sei er an allem verzweifelt , und wenn er nicht aus der Schrift von Engels gegen Dühring gelernt hätte , daß die Handlungen der Menschen durch die Verhältnisse bestimmt werden , so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan ; nun aber sei das lange her , und er sehne sich nach Weib und Kind , und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei , der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe , daß er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet ; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe , so habe er zu keiner Lust , daß er sie heiraten möchte , denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher , wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne , denn Heiraten sei immer ein Glücksspiel . Aus diesen Reden ging hervor , daß der treuherzige Mann wohl schon seine Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte , aber er scheute sich vor dem letzten Schritt aus Furcht , wie denn ja auch Personen seines Schlages , wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben , übel anzulaufen pflegen in der Ehe . Als die Weihnachtszeit heranrückte , beschlossen Hans und Karl , nicht nach Hause zu reisen , sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben , die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen . So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke , die sie für einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten , pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung . Hier zeigte es sich , daß die Frau den Baum herrichtete , und daß der Mann mit den Gästen in der Küche warten mußte , und war außer den beiden Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen , mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt ; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie , denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig ; Jordan lachte , wie er Karls linkische Gebärde sah , und die andern merkten wohl , daß zwischen ihr und Jordan Einvernehmen war . Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer , wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte , und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen , das zwar noch ziemlich teilnahmslos war , und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden , ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter , es solle den Weihnachtsbaum betrachten . Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen , welche die Frau mit bescheidenem Stolze annahm . Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch einmal im Spiegel , neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich herabsahen . Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch das Fenster andre Bäume , und das Bewußtsein , daß hier überall sich Menschen freuten , machte noch froher und glücklicher . Da stimmte Weiland mit Heller Stimme die Arbeitermarseillaise an : Wohlan , wer Recht und Wahrheit achtet , Zu unsrer Fahne steht zuhauf . Wenn auch die Lüg ' uns noch umnachtet , Bald steigt der Morgen hell herauf ! Ein schwerer Kampf ist ' s , den wir wagen , Zahllos ist unsrer Feinde Schar , Doch ob wie Flammen die Gefahr Mög ' über uns zusammenschlagen , Nicht zählen wir den Feind , nicht die Gefahren all ! Der kühnen Bahn nur folgen wir , Die uns geführt Lassall ' . Den Feind , den wir am tiefsten hassen , Der uns umlagert schwarz und dicht , Das ist der Unverstand der Massen , Den nur des Geistes Schwert durchbricht . Ist erst dies Bollwerk überstiegen , Wer will uns dann noch widerstehn ? Dann werden bald auf allen Höhn Der wahren Freiheit Banner fliegen ! Das freie Wahlrecht ist das Zeichen , In dem wir siegen ; nun wohlan ! Nicht predigen wir Haß den Reichen , Nur gleiches Recht für jedermann . Die Lieb ' soll uns zusammenkitten , Wir strecken aus die Bruderhand , Aus geist ' ger Schmach das Vaterland , Das Volk vom Elend zu erretten . Alle fielen ein , und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster ; und bald öffneten sich hier und da Fenster , und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein , und am Ende sangen alle die armen Leute , die rings um diesen Hof in dürftigen und engen Stuben wohnten , und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel ; und unser lieber Vater im Himmel hat es gewiß gern gehört , wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten , und hat sich seines lieben deutschen Volkes gefreut , daß auch solche Leute , denen so wenig Gutes geschieht , doch so rechtlich und brav denken . Wie der Gesang beendet , waren alle tief ergriffen ; das waren einfache Arbeiter , die täglich in ihre Fabrik gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf , die ganzen langen Stunden des Tages hindurch ; und Studenten , die eben den ersten Schritt hinaus taten in die Freiheit des Geistes ; die armen Leute , die an die knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind , stehen gewiß auf der tiefsten Staffel der Leiter , und diejenigen , die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen , auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen erringen , stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel ; aber wiewohl die