war , überließ Josy die Kinder sich selbst . Sie hatte ja zu tun . In kurzem war dann Sprechstunde , und sie nahm alles streng gewissenhaft : kein Fall , den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet hätte . Das Nachschlagen und Studieren kostete schon so viel Zeit , daß sie hier , im Herbstschnee , zwischen den Kindern , bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war . Aber das wunde Gefühl , das sie hinausgetrieben , erwachte neu , als sie vor ihren Büchern saß . Was kann ich wirken , ich , deren Einfluß nicht einmal bis zu meinem eigenen Kinde reicht ? Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und erschrak vor ihrem traurigen , versonnenen Grüblergesicht . Zu wenig Liebe ! dachte sie , ja , das ist ' s , was mir fehlt ! Ich habe nicht Liebe genug ! Einen liebe ich ! Einem habe ich alles gegeben , für die anderen bleibt nichts . Verzweiflung ergriff sie . Nichts geblieben ! Nichts . Mein Herz ist eine Wüste ! Wenn ich den Buben liebte , dann liebte er auch mich , dann horchte er auf meine Worte , nicht auf seine , dann hätte ich ihn nicht verloren . Die Tür nach Helenes Zimmer stand offen , ein matter Tagesschein lag auf dem geflüchteten Bilde , auf dem Répinschen Bilde , hob die zurückgebäumte Gestalt des Jünglings im roten , zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus . Josefine heftete ihre Augen auf das Bild , sehnsüchtig , hilfesuchend bei den Hilflosen . Sie sehnte sich nach den glühenden Tränen , die sie beim ersten Erblicken des Bildes vergossen . Damals hatte sie gefühlt . Damals hatte sie gelebt . Ihr war so hohl , so ausgetrocknet jetzt . Nie wieder werd ich so weinen , dachte sie , er hat alles mitgenommen , auch meine letzten Tränen . Und sie staunte mit zitternder Seele , was ihr Leben hätte sein können ... Rösi guckte herein , rosig von der Luft . » Wir haben alles fertig gemacht ! Komm und sieh , Mamme ! es sind fünfzehn Töpfe , du mußt kommen . « » Nein , nein , Liebling , später , ich habe nun zu tun . « Das Kind schlich näher , lauter Bitte und Vorwurf . » So will ich bei dir sein , Mamme . « » Du weißt doch , ich habe zu schaffen , Kind . « » Bitte , Mamme ! « » Sieh , Rösi , das ist so : die kranken Leute kommen , ich soll ihnen helfen . Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig , und ich bin noch nicht sehr geübt . Also , weißt schreib ich mir vieles auf in dieses große Buch , weißt was die Kranken von ihrer Krankheit sagen , und nachher muß ich dann in meinen Büchern suchen und vervollständigen , was sie gesagt haben , um ein ganzes Krankheitsbild zu bekommen . Verstehst du das ? « Rösi nickte und seufzte . » Laß mich meine Aufgabe bei dir lernen , Mamme , ich will ganz still sein . « » Mein Rösi , sieh , das geht nicht . Wenn du bei mir bist , mein Schatzeli , dann seh ich immer nach dir hin , und dann vergeß ich , was ich nachschlagen will , verstehst ? Und dann kommt bald die Sprechstunde . « Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter , wollte nicht loslassen . » Ach nein , Mamme , nein ! Du hast mich ja doch viel , viel lieber , Mamme , warum - « » Lieber als wen ? « Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu blättern . Das Kind stürzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen , küßte und schlug sie , schob das Buch weit zurück ; war ganz ungebärdig . » Lieber als die ganze Welt ! « schrie sie , böse und weinerlich . Die Mutter zitterte , küßte lächelnd die feuchten , zurückgebogenen Wimpern über den weichen Bäckchen . » Ja , und nun ? « » Und warum bekümmerst du dich immer um die anderen , Mamme ? « » Um welche anderen ? « » Die du nicht so lieb hast , wie mich , Mamme ! Sitz lieber so mit mir ! « Josefine stutzte , nachdenklich schwieg sie , fühlte Röslis heftigen Herzschlag . » Auch mit denen , die man am liebsten hat , sitzt man nicht den ganzen Tag Arm in Arm , « sagte sie endlich lächelnd . » Oh doch ! « warf das Kind ein , » drüben ist ein Brautpaar , die sitzen immer so ! « Das liebliche Gesichtchen errötete verschämt . Eine Frühreife lag um den schwellenden , leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen , runden , purpurroten Unterlippe . Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang überrascht . » Ein Brautpaar ? « sagte sie mechanisch , » und das hast du - « . Die dunklen Kinderaugen mit ihrer bodenlosen , spiegelnden Tiefe verwirrten sie . » Gelt , das sind närrische Leut ! « sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg . » Oh nein ! « summte Rösi kopfschüttelnd , errötete heftig und besah ihre Schuhspitze . » Ich werde auch eine . « » Was wirst du ? « » Eine Braut ! « Ihr Schelmenlächeln war so lieblich , daß Josefine sie an sich zog . » Oh , du mein dummes Maitli , « sagte sie und kniff Röslis weiches Ohrläppchen zusammen , » wir wollen schon sehen , was du wirst ! Ein starkes , gutes Mädchen , Schatzeli , das ist einmal die Hauptsach . Geh ! geh ! bis aufs Wiedersehen . « Schon während der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch gegriffen , und noch ehe das Kind zur Tür