» Wie hat es Ihnen gefallen - es war ja ganz hübsch « . Sie wollte abwarten , daß sich das Publikum ganz verzogen hatte . Wie sie so dalag , rief sie sich die Bilder zurück , die an ihren geblendeten Augen vorübergezogen waren und schwelgte in den neuen Sensationen , unter denen sie erbebte und erglühte . » Grande amoureuse « - wie einmal ihre Mutter sie genannt - ja , als das fühlte sie sich jetzt . Eine große Liebende - das heißt , daß die Leidenschaft , die sich ihrer bemächtigt hatte , sie nicht schwach , sondern stark machte , daß das Glück , das zu nehmen und geben in ihrer Macht stand - ein überwältigendes , erhebendes - mit einem Wort voll Größe war . Ihr Bedienter wartete , wie ihm befohlen worden , geduldig vor der Tür , aber jetzt trat die Logenschließerin herein . » Ich bitt ' Euer Gnaden - es wird schon ausgelöscht . « Sylvia erhob sich und trat vor den Spiegel , um sich das Spitzentuch um den Kopf zu schlingen . Ihr eigener Anblick in dem zurückgestrahlten Bild war ihr fremd ; es lag etwas Verklärtes darin , ein süß-zärtlicher Zug um den Mund , der dunkler glühte als je , und es durchzuckte sie eine , zwar schon öfter , aber nie so intensiv empfundene Freude - die Freude , schön zu sein . Sie trat hinaus . Der Bediente legte ihr den mit Hermelin gefütterten Theatermantel um die Schultern . Langsamen Schrittes - sie fühlte sich so eigens abgeschlagen - - ging sie durch die Gänge und die Treppe hinab , in der Tat als letzte - es war schon alles leer . Nur an dem Pfeiler neben der untersten Stufe lehnte noch ein Mann . Als sie herankam , riß er den Hut vom Kopf und trat ihr entgegen : Hugo Bresser . » Also endlich , also doch ! « rief er . Sie hängte sich schweigend in ihn ein und ließ sich zum Ausgang führen . Hier standen sie nun Arm in Arm , während der Diener den Wagen holte . » Nun , « fragte er , » Ihr Urteil ? - Ich will Ihr Urteil hören ! « Ihre Hand drückte schwerer auf seinem Arm : » Herrlich ! « » Das beglückt mich ... Aber noch einen anderen Urteilsspruch erbitte ich mir ... nicht über das Stück , sondern über mich - über Tod und Leben für mich ... die zwanzig Lieder ? ... « Wieder ein Druck der weißbehandschuhten Hand auf dem schwarzen Ärmel und in innigstem Tone : » Mein Dichter ! « Der Diener kam zurück : » So , gräfliche Gnaden , der Wagen . « Hugo half der geliebten Frau beim Einsteigen . » Darf ich eine Strecke mitfahren ? « Eine Sekunde zögerte Sylvia , dann aber mit Entschiedenheit : » Nein . « » Und wann erlauben Sie , daß ich morgen - ? « » Warten Sie eine Zeile von mir ab . Gute , gute Nacht ! « XXV In derselben Woche hatte es noch eine Sensationspremière in Wien gegeben : Rudolfs erster öffentlicher Vortrag . Es war im großen Musikvereinssaal und an einem Sonntag Nachmittag , damit - bei freiem Eintritt - recht viele Leute aus den arbeitenden Klassen kommen könnten . Für vorherige Bekanntmachung durch die Zeitungen und durch Anschlagzettel war gesorgt worden , und so geschah es , daß der weite Raum sich noch als zu klein erwies . Einige vordere Reihen waren für die persönlichen Bekannten Dotzkys , die ihn hören wollten , reserviert ; das übrige Publikum war aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt . Als die Türen geöffnet wurden , gab es ein Drängen und Hasten , und bald war der Saal bis an die Decke gefüllt . Viele mußten umkehren , ohne Einlaß zu finden . Rudolf stand vor der ersten Sitzreihe , mit seiner Mutter und Grafen Kolnos im Gespräch . Das Schwirren und Sausen , welches das Drängen und Niedersetzen all dieser Leute verursachte , machte ihm keinen anderen Eindruck , als ob er , von einer Strandterrasse aus , das Branden des Meeres gehört hätte . Ein fremdes , fernes Element , diese Menschenmenge , weiter nichts . Was er sprechen wollte , das galt ja nicht diesem zufällig hier versammelten Publikum , das galt der Mitwelt , der Öffentlichkeit überhaupt . Eine Handvoll Samenkörner wollte er ausstreuen , hier und anderswo , heute , und morgen wieder ; allmählich würde doch , an einer Stelle oder der anderen , die Ideensaat aufsprießen ; in einzelne Seelen würde wohl dringen , was die seinige erfüllte , und Nachfolger und Mitarbeiter würden ihm erstehen ; vielleicht auch solche , die ihn weit überflügelten - desto besser ! Von persönlicher Beifallssucht war in dem heiligen Feuer , das ihn durchglühte , auch nicht ein Funke enthalten . Eine Zuhörerschaft , die einen Redner beklatscht und ihm zujubelt , die hatte er in diesem selben Saale vor einigen Wochen gesehen , als anläßlich eines Katholikentages ein antisemitischer Volksmann eine mit ordinären Witzen gewürzte Haßrede gegen » Judenliberale und Freimaurer « , gegen » Aufkläricht und Wissenschaftsdünkel « losgelassen . Und es war ein gar vornehmes Publikum gewesen : Bischöfe und Minister , Generäle und Aristokraten , Damen aus hohen und höchsten Kreisen , und daneben , in vielen Exemplaren , auch » der kleine Mann « , dem stets geholfen werden soll . Noch größeren Jubel aber hatte er diesen Saal durchbrausen gehört , wenn auf dem Podium ein geschickter Geiger stand oder eine hübsche Diva schalkhafte Lieder zum besten gab : nein , um Applaus buhlte Rudolf wahrlich nicht . Weder als Volksgunstsänger noch als Redekünstler trat er auf , kein rhetorisches Virtuosenstücklein hatte er zu bieten - nur etwas zu sagen hatte er . Alle Plätze waren besetzt , die anberaumte Stunde war überschritten - es war Zeit zum Anfangen .