letzte Programmnummer in Betracht ziehen könne . Seine Liebe zu Lotte würde ihr dabei nicht dauernd im Wege sein . Wie die Dinge bei Lotte lagen , würde sie nie daran denken . Franz Krieger zu heiraten . Für sie selbst freilich wäre die Affaire Gerhart Schmittlein , falls sie überhaupt im stande gewesen wäre , jemals eine solche Dummheit zu begehen , kein Hinderungsgrund gewesen ; Lotte dagegen würde nach allem Vorhergegangenen sich niemals zu diesem Schritt entschliessen können . Fortgesetzt ohne Aussicht auf Erfolg zu werben , ist nicht Mannessache . Franz würde von dieser Regel schwerlich eine Ausnahme machen . Dem starken russischen Thee waren appetitlich hergerichtete Brötchen . Bier und Cognac gefolgt . Der Laden war längst geschlossen . Zehn Uhr war vorüber , als Franz sich endlich zum Fortgehen rüstete . Wie im Fluge waren ihm die Stunden vergangen . Wie war es nur möglich gewesen , dass die kleine Zauberin ihn so lange festgehalten hatte ! Träumte er , oder war die junge weltsichere Dame , der er jetzt in einer Anwandlung von Zärtlichkeit , wärmer als notwendig gewesen wäre , zum Abschied die Hand küsste , wirklich Lena , das kleine , schninnische , selbstsüchtige , launenhafte Geschöpf , das er nie hatte leiden mögen , weil es ihm bei Lotte stets im Wege gewesen war ? Draussen in der kalten Nachtluft erst wurde er wieder Herr seiner aufgeregten Sinne . Die schwüle Luft in dem kleinen blumendurchdufteten Gemach , der starke Thee und der alte Cognac , die schweren türkischen Cigaretten mussten ihn völlig umnebelt haben , dass er in Lena ein so begehrenswertes Geschöpf gesehen hatte . Er machte eine heftige Bewegung , als wenn er etwas abschütteln wollte , was nicht zu ihm gehörte . Es gelang ihm nur zum Teil . Der feine Duft , der Lenas Kleidern entströmte , der eigentümlich lockende Blick ihrer schwarzen Augen , der Druck ihrer feinen weissen Hand , die er länger in der seinen gehalten hatte , als es sich mit einer blossen Jugendfreundschaft vertrug , liess etwas durch seine Sinne nachzittern , das ihn bis in seine Träume verfolgte . Gegen morgen erst fand er seinen festen gesunden Schlaf wieder , und als er Lotte Mittags aufsuchte , erinnerte er sich seines Rausches überhaupt nicht mehr . Lotte selbst brachte ihn erst wieder darauf , als sie von Lena zu sprechen begann . Aber er wollte nichts davon hören , die schwüle Stunde sich nicht wieder ins Gedächtnis zurückrufen lassen , die bei seiner tiefen Neigung zu Lotte beschämend für ihn war . So brachte er das Gespräch bald auf andere Dinge , zu Lottes geringer Befriedigung . Sie hatte sich ' s nun einmal in den Kopf gesetzt , diese beiden zusammenzubringen , koste es ihr was es wolle ! An demselben Tage hatte Franz ein geeignetes Geschäftslokal gefunden . Freilich nicht wie Lena geplant hatte , in der Französischenstrasse , der Friedrichstrasse oder Unter den Linden , sondern im Südosten der Stadt , nahe dem Moritzplatz . Am nächsten Morgen sollte der Mietskontrakt abgeschlossen werden . Mit dem letzten Zuge wollte Franz dann zurück , um die Uebersiedelung zu Ende März vorzubereiten . Diesen letzten Tag wollte er noch ganz mit Lotte verleben . Lena wieder zu begegnen mied er . Im Gegensatz zu dem sonnigen Tage ihres ersten Wiedersehens war der Abschiedstag grau und regenschwer . Förmliche Aprillaune zeigte dieser Februar . Sonnenschein und Regen wechselten fast übergangslos ab ; der heutige Tag aber schien sich völlig auf Regen eingeschworen zu haben . Lottes Stimmung war nicht besser als die Stimmung draussen in der Natur . Frau Korn versuchte vergebens zu trösten . Grau und schwer wie der Himmel draussen schien ihr heute das Leben zu sein . Nichts mehr von jener freudigen Gehobenheit , die sie vor wenig Tagen noch beseelt hatte , war übrig geblieben . Luischen war krank gewesen . Sie mochte sie doch wohl zu lange im freien umhergetragen haben . Franz ' häufiger Anwesenheit wegen hatte sie nicht hinausgekonnt , hatte sie auch nicht hinausgewollt , in der Furcht , sich ihm unter dem Eindruck unmittelbarer Erlebnisse zu verraten . Nun erfuhr sie erst heute , dass ihr Liebling gelitten und sie ihn nicht hatte pflegen dürfen . Nur rasch ein Ende machen mit dieser unerträglichen Zwiespältigkeit des Daseins ! Wenn es sein musste , allen zum Trotz . Wer riet ? Wer half ? Nur einen einzigen andern Ratgeber noch haben , als ihr eigenes , verlangendes Herz ! Franz , Frau Wohlgebrecht ! Das war ' s ja gerade , was an ihr frass , dass diese beiden liebsten Menschen nichts von ihrem eigensten innersten Leben wissen durften . Mochte die ganze Welt erfahren , dass sie Mutter sei , wenn nur diese beiden nicht darum wussten , an deren Achtung ihr mehr gelegen war als an der der ganzen übrigen Welt . Frau Korn war gerade über diesen Punkt nach wie vor ganz anderer Meinung . Beinahe im Zorn hatte sie ihren Schützling heute verlassen . Da sass die Lotte nun und quälte und härmte sich , anstatt das natürlichste und einfachste zu thun und sich den beiden Menschen anzuvertrauen , die es sichtbarlich so gut mit ihr meinten ! Der hübsche stattliche Mann aus der Heimat gewiss nicht minder als die herzensgute Frau Wohlgebrecht ! Es war ein rechtes Kreuz mit dem Mädchen ! Lotte sass am Fenster und starrte mit thränenlosen Augen in den grauen Himmel , auf die immer gleichmässig leise niederrinnenden Tropfen . Das Herz war ihr übervoll . Sie sehnte sich so unendlich nach einem andern Herzen , das ganz mit dem ihren fühlte , das all ihre Nöte und Sorgen verstand . Gottlob , dass Franz sie nicht mehr liebte ! Wo hätte sie in ihrer Verlassenheit die Kraft hernehmen sollen , stark gegen diese Liebe zu sein ! Wie sie so dasass , tief in Gedanken verloren , über vergangenes , gegenwärtiges und