Volk , - jetzt mehr als je . Er haßte die Frommen und haßte die , die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben , verachtet oder mächtig , doch auf jeden Fall Schmarotzer aus einem fremden Stamm . Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk , voll gezwungener Fröhlichkeit , in einem unsichtbaren Ghetto . Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden , ihre Unzulänglichkeit , die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold . Und er haßte auch die andern , diese ungroßmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll Lügen und Phrasen und falschen Versicherungen , mit ihren trügerischen Gesetzen und scheinheiligen Göttern . Und er haßte die Zeit , die sinnlos hinrollende , atemlose Zeit , die Hoffnung gibt , um sie nur mit dem Tode einzulösen und die Glieder mit Krankheit schlägt , wenn der Geist den Körper überwinden will . Gleichwohl erfüllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo da draußen und er beschloß , auszugehen wie einst David , der sich ein Königreich gewann . Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstößlichkeit . Am andern Vormittag packte er ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied . Frau Jette war so erschrocken , daß sie sich nicht fassen konnte . Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen , nur fragte sie , weshalb er gerade jetzt fort wolle , da der Vater auf den Tod krank sei . Agathon schüttelte den Kopf . Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein . Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort , und er ließ sich durch nichts bestimmen , zu sagen , wohin er sich wenden würde . Er nahm auch die paar Groschen , die ihm die Mutter bot , nicht an , sondern versicherte lächelnd , daß er kein Geld brauche . Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel , Käse und Brot , küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag hinein . Dreizehntes Kapitel An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren , der sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart ; in jener Vernachlässigung des Äußeren , die sich bis zum Trotz steigert ; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und Oberkellner : in der beflisseneren Art , vornehme , wenn auch sonst gehaßte Personen zu grüßen ; in der erkünstelten Ruhe , womit man in den Läden nach dem Preis der Waren fragt , - kurz , in all jenen Dingen , die so tief gehen , wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden , als das offene Geständnis der Not . Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte , und wenn es zu Hause kalt ist , träumt man von einem offenen Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen , so wie man sonst die Gedanken in alle Tiefen der Metaphysik sandte . Er war verlassen , und er überredete sich , daß er in seiner Verlassenheit glücklich sei . Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen , die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb ; aber die Rast war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht . Die Häuser , die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus , die vorbeisausenden Züge der Eisenbahn , Menschen , Hunde und Steine , alles hatte sich verändert , hatte in seinen Augen etwas Flüssiges erhalten und schien durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit , die alles und alle umfangen hielt , verächtlich . Ost wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr , daß es schien , als koche die Atmosphäre , kam sich Bojesen als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum , das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener Dame , die die Lebensfäden so kühn und unberechenbar ineinanderstickt . Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem Nachdenken . Selbst die Lampe auf seinem Tisch , die Stühle , die Bücher im Regal , - sie hatten etwas Wesenloses für ihn . Um Geld zu verdienen , suchte er Stunden zu geben . Es gelang ihm , die zwei Söhne des Witwers Samuel Binsheim zum Privatunterricht zu bekommen . Dieser Herr Binsheim setzte einen eigenen Ehrgeiz darein , mit Bojesen gelehrte Gespräche zu führen . Er übersiel ihn also oft auf der Straße und versicherte ihm stets von neuem , daß er ein Materialist sei , ein Freidenker , Freigeist , ein Atheist und machte ihn mit seinem Plan bekannt , einen Atheistenverein zu gründen . Er sah darin die höchste Vollkommenheit des Geistes ; jeder Atheist war im Voraus sein Freund , er suchte Disziplin in die Atheisten zu bringen und wollte sie organisieren . Herr Binsheim war es auch , der ihm erzählte , Stefan Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht , worin die Leiden eines tragisch endenden Schulknaben so meisterhaft geschildert seien , daß das Werk in kurzer Zeit das größte Aufsehen erregt habe . Bojesen bat Herrn Binsheim um das Buch , doch als er es lesen wollte , fand sich , daß Herr Binsheim die Blattränder dazu benutzt hatte , um seine Feder in kritischen Anmerkungen schwelgen zu lassen . Daher konnte sich Bojesen lange Zeit nicht zur Lektüre entschließen , denn ihm war , als solle er sich in ein Bett legen , das noch warm war vom Schlaf eines Fremden . Schließlich las er es doch und fand viel Gewandtheit der Darstellung in dem Buch , viele blendende Einzelheiten ; er fand viel Wollen , das nicht zur Kraft entwickelt war und jenes wunderbare Spiel mit Natürlichkeit , jene leicht überspannte Romantik der Gefühle , die sich um einfache Wirkungen herumlügt , weil sie des Einfachen nicht fähig ist . Ost wenn Bojesen nach Hause gekommen war und sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte