den Erschütterungen nie ganz gesättigter Leidenschaft qualvoll leidet , daß sie in den Fesseln der Ehe ihre Zauber verliert durch das Zwanggebot gedankenloser Treue . Die Ehre ? Ihm blieb die Erfahrung erspart , daß man mit reinen Händen und Füßen zu langsam auf der schlüpfrigen Leiter des Erfolgs emporklimmt , und daß es das Gemüt verbittert , andere schneller oben zu sehen , die auf dem Wege ihre Seelen nicht mit dem Schwergewicht des Anstandes und der Gewissenhaftigkeit behängt hatten . Und wenn eine gütige Laune des Geschicks ihm gleich von allen Reizen des Lebens die bestrickendsten immer dargeboten - eins , ein Schreckliches hätte ihm kein Gott nehmen können : das Altwerden , das Sterben im Leben . Die Grausamkeit wäre ihm nicht erspart worden , mit einem jungen , genußsüchtigen und genußfähigen Herzen , mit zitternden Gliedern und weißem Haar zuzusehen , wie andere , mit vielleicht ärmerem Herzen aber braunen Locken das Spiel des Lebens neu begannen , das für ihn vorbei war ... Was verlor er ? Nur einige Morgenröten weniger sendeten ihre Strahlen auf sein Bett und diese , die sich eben fahlrot durch die Spalten der Fenstervorhänge schlich - diese war seine letzte . Das Nachtlicht war erloschen . Winterkälte , verschärft durch das Frösteln , das durch unausgeruhte Glieder schleicht , durchrüttelte die junge Frau . » Licht ! « murmelte sie . Severina ging zu den Fenstern und ließ das Licht des tagenden Wintermorgens herein . Da sah das junge Weib wieder deutlich das Gesicht des sterbenden Kindes . Es sah noch wie sein Vater aus . Adrienne stöhnte laut . Sie hatte viele Stunden nicht an ihn gedacht . Wo war er ? Fern , ahnungslos hatte er in schwüler Tropennacht vielleicht traumlos und tief geschlafen , und hier verging derweil in Staub sein einziges Glück . Ein Entsetzen ohnegleichen ergriff die Seele des Weibes . Wenn er heimkehrte und sein Kind von ihr verlangte ! Ihr war ' s , als sei sie seine Mörderin . Und die Stunde fiel ihr ein , wo die Versuchung an sie trat , die Ehre des fernen Gatten zu verraten . Dies war die Strafe . Um ihrer Sünde willen mußte es sterben . Wenn Arnold heimkam und Gericht hielt ! Das Kind - sein Kind - seine Liebe - sein Lebenszweck tot ? Was gab es dann noch in seinem harten Dasein , ihn zu erquicken , ihn zu trösten ? Nichts - liebeleer , armselig , sonnenlos waren alle seine Stunden . » Barmherziger Gott , laß meinem Kind das Leben ! « Ja , das Dasein lohnt sich , es ist reich , es ist ein Segen , jede Entsagung verkehrt sich zur Wonne , jede Arbeit zur Lust - wenn man für ein Kind , für ein Kind leben darf . » Barmherziger Gott , laß meinem Kind das Leben ! « Wie schwer Arnold sich damals von ihm riß , wie sein männliches , ernstes Gesicht von Thränen naß war ! Entsetzlich - wie würde er weinen , wenn er anstatt seines Kindes nur ein Grab fand ? Und wo war die Liebe , die starke , mutige , selbstlose Liebe , die allein ihm Trost bringen konnte ? Adrienne warf sich in die Kniee . Sie betete , ihre Lippen aber lallten statt der Gebete : » Arnold - Arnold - « Und so immer fort wie eine Irre , und dabei hingen ihre Augen gierig am röchelnden Kindermund . Ein letzter Atem pfiff aus der kleinen Brust , die Glieder streckten sich lang und das Köpfchen sank mit offenem Mund und offenen Augen schwer zurück . Da schrie das junge Weib noch einmal auf : » Arnold - Arnold - ich - liebe - Dich . « Und in schwerem , dumpfem Fall fiel sie bewußtlos zu Boden . Vierzehntes Kapitel Auf der Landstraße fuhren in scharfem Trabe zwei Wagen hinter einander her . Der erste war Fannys Landauer , in dem zweiten saß ihre Jungfer neben den Koffern und sah mit dem traurigsten Gesicht in die Landschaft hinein . Sie hatte ihr Herz bei einem der Diener in der Taißburg zurückgelassen und vergegenwärtigte sich noch einmal , wie vornehm und gebildet der Geliebte erscheine , und hielt das Zeugnis seiner Bildung - Schillers Werke in einem Band , die er ihr als Andenken geschenkt - zwischen den gefalteten Händen wie ein Gesangbuch . Sie erinnerte sich auch , daß er ihr anempfohlen habe , in traurigen Stunden darin zu lesen , und schlug sich Don Carlos auf . Doch gleich die ersten Worte : » Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber Und Sie , mein Prinz , verlassen es nicht heiterer als zuvor , « ergriffen sie so , daß sie sich in die Ecke setzte , um zu schluchzen . Im Landauer saßen Fanny und Graf Taiß , ihnen gegenüber auf dem Rücksitz Lanzenau und Joachim . Taiß hatte darauf bestanden , seine Freunde nach Mittelbach zu begleiten , um sich gleich die genauesten Nachrichten über das Befinden des Kindes zu holen . Joachim war in demselben Augenblick in der Taißburg angelangt , als Fannys Wagen eintrafen und mit ihnen die Donnerkunde von der tödlichen Erkrankung des Kleinen . Eine Stunde später fuhr man ab , von der ganzen , teils enttäuschten , teils mitfühlenden Gesellschaft an den Wagen geleitet . Die vier Gefährten sprachen wenig zusammen . Fanny saß , in ihren Pelzmantel gewickelt , in eine Ecke gedrückt und verfolgte mit den Augen die vorbeiziehenden Bäume oder Telegraphenstangen am Wege . Ihr Herz war so voll Sonnenschein und Glück , daß sie sich Mühe geben mußte , an die Kunde von Krankheit oder Tod zu glauben . Joachim sah schlecht aus , überwacht und bleich , wie jemand , der viele Nächte durchtollt oder durchsorgt hat . Sein Gemüt war wie betäubt , eine Welt von Sorgen hatte sich auf seine Brust gewälzt : Fanny - Severina - das