die Mutter , in die Laube tretend , die Tochter beim Namen . Wie heute morgen ihre Schwester , so erblickte auch Netti mit freudigem Erschrecken die Eltern und flog ihnen sogar entschlossener entgegen . Allein sobald sie hinter ihnen die Schwester stehen sah , blieb sie auch stehen und ließ erbleichend die Arme am Leibe niedersinken , wobei sie nur die Worte hören ließ : » Ach , Setti ! « Auch diese Büßerin war dies erste Mal , wo sie sich wiedersahen , befangen und sagte ebenso kleinlaut : » Ach , Netti ! « Doch als diejenige , welche mit den Eltern ihren Frieden schon gemacht , war sie schneller gefaßt und bot der armen Schwester die Hand , und Netti ergriff sie so furchtsam , als ob es eine Geisterhand wäre . » Sie wissen schon alles und meinen es gut mit uns wie früher ! « sagte Setti noch . Aber so tief war das Gefühl der gemeinsamen Vergangenheit und des Irrens in derselben , daß sie auch jetzt noch nicht sich zu umhalsen wagten . Martin und Marie Salander umarmten jetzt beide verirrten Kinder zusammen und gingen mit ihnen ins Haus . Die Mutter musterte die jüngere Tochter , die so schön gekleidet war wie die ältere , nur daß sie zudem ein massives goldenes Armband trug , das ihr einst die Eltern geschenkt hatten . » Du bist hoffärtig geworden , daß du das Armband zum Plätten trägst ! « sagte sie versuchsweise , um zu erfahren , ob auch hier der Wille des Mannes schuld sei . Netti stammelte etwas Unverständliches , Setti sprang ihr bei und bestätigte die Vermutung der Mutter , daß der demokratische Volksmann Julian das Armband sehen wollte , wenn er daheim war . » Ist er nicht da , daß er sich nicht blicken läßt ? « fragte der Vater . » Er ist schon am Morgen früh in den Wald hinaufgegangen , « erwiderte Netti , » er hat dort einen Vogelherd und bringt zuweilen einen halben oder ganzen Tag droben zu . Er fängt auch viele kleine Vögel , die er gebraten sehr gern ißt . « » Fängt deiner auch Vögel ? « fragte er die andere Tochter . » Nein , er fischt ! « sagte sie . » Gottlob , das gibt mir etwas Mut ! « murrte Martin , » ich habe die Herren schon für zu dumm für solche Künste gehalten , womit ich indessen nicht behaupten will , daß jeder Vogelsteller oder Fischfänger notwendig ein Genie sein müsse ! « Beide Töchter schreckten über den harten Worten leicht zusammen , und die Mutter , es bemerkend , sagte zur jüngeren : » Du könntest uns dann bald für einen guten Kaffee sorgen , daß wir uns nicht übereilen müssen ; denn wir wollen ausgiebig bei dir plaudern ! « Als der Kaffee genossen wurde , gestaltete sich die Plauderei zu einer allgemeinen Beratung , an welcher die beiden Landschreiberinnen mit Verstand und beruhigtem Blute Anteil nahmen , nachdem sie sich an das langgefürchtete Zusammentreten gewöhnt hatten . Und dies war unter den Augen der nur von der Sorge um sie bewegten Eltern leichter geschehen , als sie geglaubt . Für Martin und Marie Salander handelte es sich zunächst um die Frage , ob sie die Töchter ohne weiteres wieder zu sich nehmen sollten , oder abzuwarten sei , was die Zeit etwa brächte . Die jungen Frauen lebten eigentlich nicht schlecht oder geplagt in den Häusern ihrer Männer ; hundert Weiber wären froh gewesen , nur die ganze Woche die schönen Kleider tragen zu dürfen , die diese verlangten . Ihr Unglück war , daß sie die Liebe zu den Zwillingsnotaren verloren hatten , ohne daß dieselben es fühlten oder der Beachtung wert hielten . Dadurch zeigten sie erst recht die traurige Blöße des Innern und blieben von der zerflossenen Traumwelt der Frauen als leere Schemen übrig . Der Verdacht lag nahe , daß auch diese bloßen Schemen die Frauen roh und schlecht behandelt hätten , wären diese nicht die Töchter eines reichen Mannes gewesen ; oder vielmehr tauchte der alte Skrupel wieder auf , sie hätten von Beginn an eine Spekulation herzloser und dazu unreifer Burschen dargestellt , der sie durch den verblendeten Eigenwillen zum Opfer gefallen seien . Nun aber stimmten sie darin überein , daß sie ihr Schicksal hinnehmen und nur froh sein wollten , wenn nicht davon gesprochen wurde , solange nichts Schlimmeres hinzutrat ; und wenn nur der Verkehr mit dem Elternhause und unter sich selbst wiederhergestellt war , so hofften sie durch die Macht der Zeit ein Los allmählich tragen zu lernen , das so vielen Frauen nicht besser beschieden sei . Die Eltern wußten hiegegen vorderhand nichts einzuwenden . Von einem Einwirken auf die jungen Männer konnte gar nicht die Rede sein , da diese sich nicht geben konnten , was sie nicht hatten , und die Sache gar keine greifbare Seite darbot . Sie beschränkten sich also darauf , die in ihren idyllischen Träumen so arg verunglückten Kinder in dem löblichen Vorsatze der Geduldübung zu bestärken und ihnen für alle Notfälle Schutz und Hilfe zuzusagen . Vor allem jedoch verlangten sie , daß die Töchter ihre Eltern nun fleißiger besuchen sollten , so oft als möglich , allein und zusammen , wie es komme , ohne sich abhalten zu lassen . Das versprachen sie gern und nahmen sich auch vor , es zu tun und sich selber gegenseitig wieder heimzusuchen , sooft es sie freute . Auf diesem Punkte angelangt , wurde die Beratung durch die Ankunft Julians geschlossen . Verwundert grüßte er die Gesellschaft , die er so unvermutet vorfand , und bedauerte höchlich , gerade an diesem Tage in den Wald gegangen zu sein . Einem Bauernknaben , der ihm Proviantsack und Weidtasche nachtrug , nahm er die Sachen ab . » Glücklicherweise « , rief er , » bringe ich noch wenigstens etwas Gutes zum Abendbrot ! Hast