ein schönes Leben haben , und mich laßt ihr - alle dann und wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen « , sagte ich leise und tief gerührt . » Für Kinder , wie wir waren , als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche kamen , werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wiedererzählen . « In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren , während ich es nicht sah , nichts verändert . Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus , daß wir vollkommen Zeit hatten , während wir es durchwanderten , uns alles das mitzuteilen , was ich eben hier niedergeschrieben habe . Von den Bewohnern störte uns auch niemand dabei ; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe . Es saß keiner bei der Lampe wach - selbst der Pastor und der Kantor nicht . Der Mondenschein hatte das Reich für sich allein , und das war gut ; für mich sowohl wie auch für den Vetter Just Everstein . Wären wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt , so würden wir sicherlich mehr Mühe und Plage gehabt haben , mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins reine gegeneinander zu kommen . Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen , schönen Nacht , auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf , nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die große Stadt Berlin , meine kleine Stube und meine Tätigkeit , kurz an das Dasein , das mir dort zuteil geworden war . Es lag ein Gefühl von Wehmut darin , aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung : sie , die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte Leben , wann sie wollten , sie waren da zu Hause , ich aber nicht oder doch nie mehr so , wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten . Resignation nennt man das mit einem Fremdwort , das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch loswerden . Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen : wir wollen das scharfe , aber gesunde Wort , festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen . Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen . Er schwang sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder ; ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgespräch nach der Försterei zurück . Hier saßen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl das Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit . Das gute Mädchen mochte auch wohl wieder einige Tränen vergossen haben , doch schmerzhafte waren es nicht gewesen . Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu mir auf ; doch ich reichte ihr schnell die Hand und sagte : » Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht , Eva , nun laß du es auch dir von mir wünschen . Du weißt es auch schon , Freund Ewald , was für eine neue Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist ? « » Ja , sie hat es mir so ruhig gesagt , wie sie uns immer alles ruhig sagte . Darin hat sich an ihr nicht das mindeste geändert . Aber sie passen nur desto besser zueinander , und die Jahre , die sie gebraucht haben , sich zu finden , sind ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz Selbstverständliches gewesen . Nicht wahr , mein Herz , mein Herzensmädchen , um ein Glück , das aus den Wolken fiele , würdet ihr eine geraume Zeit herumgehen , ehe ihr es vom Boden aufhöbet . Doch ob ihr nicht darum gerade die Glücklichen seid , gewesen seid und sein werdet , das ist an dem heutigen Abend für mich eine Frage , die einen sein wüstes , wirres Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun läßt . Och , arrah , arrah , komme ich noch einmal auf die Welt , so tue ich Vielleicht auch meine Arbeit , ohne auf das Glück zu zählen , das aus den Wolken fällt ! Selbst auf die Gefahr hin , daß man in Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend selbstverständlich sagen wird : Auf das Glück , das aus den Wolken fällt , hat der Schlingel immer einzig und allein gerechnet - ja , da sieht man ' s nun ! « » Mir ist das Herz so voll , daß ich gar nichts zu sagen weiß « , flüsterte Eva . » Lieber Friedrich - lieber Bruder Ewald , wir müssen alle , alle glücklich und zufrieden sein . Das Schicksal kann es ja nicht böse mit uns meinen , es hätte uns sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt . Wir sind wieder alle zu Hause , und das ist doch die Hauptsache ! Morgen wollen wir von dem Schloß Werden und von Irene sprechen - wir haben ja eigentlich noch von nichts vernünftig geredet . Nimm es nur nicht übel , Fritz : im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen , der alle seine fünf Sinne ordentlich beieinanderhalten konnte ! « » Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen an « , sagte ich , um doch etwas zu erwidern . » Glückauf in der Heimat , Freund Ewald ! « Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem nachdenklichen Hinbrüten zu wecken . » Was hast du gesagt ? « fragte er zerstreut . » Wir wollen doch noch den Versuch machen , vor Sonnenaufgang unter dem alten Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen . « » Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht ; aber geht leise auf der Treppe , daß ihr den Vater nicht stört « , bat Eva Sixtus . Neuntes Kapitel Als