und gerade . » Es ist ein Glück « , schloß er , » besinnt Euch nicht und sagt ja . « Frau Rosel zögerte dennoch . » Man sollt ' doch den Rabbi fragen « , meinte sie . » Dann wird nichts draus « , warnte er . Da sie aber erklärte , es sonst nicht auf ihr Gewissen nehmen zu können , so fügte er sich darein und erklärte sich sogar auf ihre Bitte bereit , selbst mit dem Rabbi zu sprechen . Fünfzehntes Kapitel Minder langwierig gestalteten sich die anderen Verhandlungen , die Frau Rosel in ihrer Herzensangst um Senders Schicksal zu führen hatte . Wer sich nicht rechtzeitig mit Luiser Wonnenblum abgefunden , - und dazu waren die wenigsten vorsorglich genug , da ja die Fälschung der Matrikeln schon bei der Geburt des Knaben stattfinden mußte , - hatte nur zwei Wege : er wandte sich an einen Agenten , der die Mitglieder der Kommission bestach , oder an einen » Fehlermacher « , gewöhnlich einen Bader oder Wundarzt , der den jungen Menschen so übel zurichtete , daß er als untauglich befunden werden mußte . Beide Gewerbe wurden von Christen und Juden betrieben , ebenso waren unter den Klienten beide Bekenntnisse gleichmäßig vertreten . Da das » Fehlermachen « billiger zu stehen kam , so schlugen die minder bemittelten Leute in der Regel diesen Weg ein . Frau Rosel hatte kaum das tägliche Brot , dennoch graute ihr vor diesem Mittel . Sie versuchte es zunächst bei Herrn v. Wolczynski , dem vornehmsten Bestechungsagenten im Barnower Kreise , der einst zwei Güter besessen hatte , aber langsam durch Verschwendung und Hazardspiel zu diesem Geschäft hinabgesunken war , das freilich seinen Mann trefflich nährte , sofern er es nur recht verstand . Ein richtiger Agent mußte den Charakter und die Verhältnisse aller Mitglieder der Kommission aufs genaueste kennen , um die Schwächen herauszufinden , durch deren Ausnützung er jeden dieser Offiziere , Ärzte und Beamten zu seinem Werkzeug oder doch zum untätigen Zuschauer seines Treibens herabwürdigen konnte . Und ebenso mußte er eine große Personenkenntnis im Kreise haben , denn von dem Aussehen des Jünglings , dem Vermögen seiner Eltern hing ja die Höhe des Preises ab . Endlich aber hatte er die schwere Kunst zu üben , all seine Schuftigkeit unter der Maske eines Ehrenmanns zu verbergen . Herr v. Wolczynski verstand sich auf all dies und auf eine vierte Kunst dazu : niemals mit sich handeln zu lassen . Eine große Kunst in einem Lande , wo um alles gehandelt wird . Er ließ Frau Rosel ruhig reden , so lang sie wollte , und überlegte : » Sie ist arm , hat aber eine Affenliebe für den Schlingel , er ist blaß , mager , aber gesund - « Laut jedoch sagte er nur : » Dreihundert Gulden ! « Sie jammerte , das könne sie nicht erschwingen . » Feste Preise ! « war seine Antwort . » Adieu , liebe Frau ! « Länger währten die Verhandlungen mit Dovidl Morgenstern . Der Mann war seines Zeichens Winkelschreiber . Er hatte in seiner Jugend einige Jahre in Lemberg zugebracht , dort Deutsch lesen und schreiben gelernt und sich dann mit Hilfe des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Strafgesetzes zu einem » feinen Kopf « ausgebildet . Für die Juden von Barnow war er neben Luiser das Orakel in allen Rechtsfragen . Da dieser Erwerb nicht hinreichte , so machte er Herrn v. Wolczynski Konkurrenz . Sein Geschäft war kleiner als das des Edelmanns , er verdiente weniger dabei und war ein Jude . Darum galt er ebenso allgemein als Schurke wie Wolczynski als Ehrenmann . Dovidl ließ mit sich handeln , er verlangte , als Frau Rosel zu ihm kam , fünfhundert Gulden , und kam dann zu ihr , er wolle es um zweihundert richten . Aber auch diesen Betrag konnte sie nicht aufbringen , selbst wenn sie ihren einzigen Schmuck opfern wollte , die perlenbesetzte Stirnbinde . Am nächsten Tage sandte der Wundarzt Grundmayer zu ihr , sie möge ihn besuchen . Er war ein alter Säufer , einst als Feldscher einer Husareneskadron nach Barnow gekommen und nach seiner Entlassung aus dem Dienst hier sitzen geblieben . » Hoho ! « gröhlte er sie an , als sie bei ihm eintrat , » haben Sie ' s so dick , daß sie dem Dovidl lieber zweihundert Gulden geben wollen , als mir dreißig . Um dreißig Gulden schneid ' ich Ihrem Bengel eine Fußsehne entzwei , daß er zeitlebens hinkt , oder hau ' ihm zwei Finger ab , wenn Ihnen das lieber ist ! « Die Frau starrte ihn entsetzt an . » Noch immer besser , als dienen ! « rief er . » Und um dreißig Gulden können Sie nicht mehr verlangen . Wollen Sie sich ' s aber mehr kosten lassen , so machen wir was Feines , was sich wieder wegkurieren läßt . Je nachdem der Bursch ist - schicken Sie ihn mir ! Vielleicht ein chronisches Magenleiden - sehr zu empfehlen ! Oder eine Lungenschwindsucht - ist noch feiner , von der echten nicht zu unterscheiden . In sechs Monaten mach ' ich ihn dann wieder gesund - auf Ehre , so wahr ich Doktor Franz Xaver Grundmayer heiße und ein katholischer Christ bin . Kostet samt der Kur hundert Gulden ! « Mit Mühe vermochte sich Frau Rosel diesen lockenden Anerbietungen gegenüber so weit zu fassen , um ihren Dank und das Versprechen , sich die Sache zu überlegen , stammeln zu können . » Ist nichts zu überlegen « , grollte der würdige Mann . » Wollen wahrscheinlich lieber den Lumpen , den Srul in Nahrung setzen ! Das verdammte Judenvolk hängt doch zusammen wie die Kletten ! Glauben vielleicht , er macht ' s billiger ? ! O ja - der Kerl macht vielleicht schon um vierzig Gulden eine Schwindsucht ! Ist aber auch darnach ! Entweder auf zehn Schritt zu