wenn ich nicht irre , aus der Gardelegener Gegend , wo sein Vater Prediger war , ein strenggläubiger , was dem Sohne von Jugend auf widerstand . Nichtsdestoweniger ging er , dem Willen des Vaters nachgebend , nach Halle und begann theologische Studien . Er kam aber , durch literarische Liebhabereien abgezogen , nicht recht vorwärts . Eine Art ästhetische Feinschmeckerei war schon damals seine Sache . Er lernte den um mehrere Jahre jüngeren Ludwig Tieck kennen , spielte den Beschützer , zugleich das oberste kritische Tribunal , und diese Bekanntschaft , so kurz und oberflächlich sie war , war es doch , was ihn schließlich nach allerhand Zwischenfällen nach Kirch-Göritz führte . « » Und diese Zwischenfälle laß mich hören . « » Gewiß ; denn sie sind charakteristisch für den Mann . Es kam endlich zum völligen Bruch zwischen Vater und Sohn , und schon erwog dieser , ob er sich nicht einer herumziehenden Schauspielergesellschaft anschließen solle , als er sich durch in Berlin angeknüpfte Verbindungen in den Kreis der Rietz-Lichtenau gezogen sah . Dieser Kreis , wie du von deinem Papa oft gehört haben wirst , war besser als sein Ruf . Die Rietz , zu manchem anderen , das sie besaß , hatte gute Laune , scharfen Verstand und ein natürliches Gefühl für die Künste . Sie paßte für ihre Rolle . Es war eben allerlei Verwandtes zwischen ihr und Faulstich , der sich bald unentbehrlich zu machen wußte . Er stellte Bilder , erfand Bonmots fürstlicher Personen , sorgte für Klatsch und Anekdoten und machte die Festgedichte . All dies hatte natürlich ein Ende , als die Seifenblase der Lichtenauschen Größe zerplatzte , und Faulstich , wie vier Jahre früher in Halle , sah sich zum zweiten Male den bittersten Verlegenheiten gegenüber . « » ... Aus denen ihn nun Tieck , wie der besternte Fürst in der Komödie , befreite . « » Du sagst es . Die gelockerten Beziehungen knüpften sich wieder an ; Faulstich tat den ersten Schritt . Tieck seinerseits , der eben damals den Gestiefelten Kater gebracht hatte und mit dem Zerbino und der Genoveva in Vorbereitung war , begriff leicht , was ihm Faulstich in den zu führenden Fehden wert sein mußte . Denn er war kein gewöhnlicher Kritiker . Voller Phantasie verstand er es , den Intentionen , selbst den Capricen der jungen Schule zu folgen . So halb aus Interesse , halb aus Gutmütigkeit empfahl ihn Tieck an die Burgsdorffs nach Ziebingen hin . Den Rest errätst du leicht . « » Doch nicht , gib wenigstens eine Andeutung . « » Gut . Er kam also nach Ziebingen , was im weiteren zur Bekanntschaft mit Graf Drosselstein und bald auch zur Übersiedelung nach Hohen-Ziesar führte . Ich kann mich dessen noch entsinnen . Es fiel ihm zu , in der etwas wüst gewordenen Bibliothek wieder Ordnung zu schaffen , und der Graf , soweit ihm die Parkanlagen Zeit ließen , ging ihm dabei zur Hand . Sie entdeckten alte , mit Initialen reich ausgestattete Drucke , Ritterbücher aus dem Ende des 15. Jahrhunderts , die nun , im Triumphe nach Ziebingen geschafft , einen erwünschten Stoff zu neuen Dichtungen und noch mehr zu kritischen Untersuchungen boten . Etwa um 1804 wurde die zweite Lehrerstelle in Kirch-Göritz frei . Dem Familieneinfluß erwies es sich nicht schwer , das Einrücken Faulstichs in diese Stelle durchzusetzen . Auch Tante Amelie wirkte mit . Es ist eine halbe Sinekure , und die paar pflichtmäßigen Lektionen fallen gelegentlich noch aus . Die Kirch-Göritzer müssen sich eben damit trösten , daß jede Stunde , die ihrer Stadtschule verlorengeht , der romantischen Schule zugute kommt . « » Ob es ihnen leicht wird ? « » Ich zweifle . Von dem Brombeerstrauche kleinstädtischer Magistrate sind eben keine Trauben zu pflücken . Auch läßt sich nicht behaupten , daß Doktor Faulstich es ihnen leicht macht . « » Ist er hochmütig ? « » Im Gegenteil , er hat das Verbindliche , das allen Leuten innewohnt , die ihren ethischen Bedarf aus dem ästhetischen Fonds bestreiten . Er ist entgegenkommend , immer scherzhaft , zum mindesten kein Spielverderber . Dem allerkrausesten Zeuge hört er nicht nur geduldig zu , sondern antwortet auch mit einem verbindlichen , Ihrem Gedankengange folgend , unter welchem Höflichkeitsdeckmantel er dann entweder erst Klarheit in das Chaos bringt oder auch gerade das Gegenteil von dem Gesagten festzustellen weiß . Seine Klugheit und seine affablen Manieren sind es , die ihn halten , aber er gibt Anstoß durch sein Leben , seinen Wandel . « » So war sein Sich-heimisch-Fühlen im Hause der Rietz mehr als ein Zufall ? « » Ich fürchte , daß es so ist . Er lebt mit einer kinderlosen Witwe , einer Frau von beinahe Vierzig ; du wirst sie sehen . Sie beherrscht ihn natürlich , und seine gelegentlichen Bestrebungen , ihr den bescheidenen Platz anzuweisen , der ihr zukommt , scheitern jedesmal . « » Aber warum schüttelt er sie nicht ab ? « » Dazu gebricht es ihm an Kraft . Er ist eine schwache Natur . Und in dieser schwachen Natur steckt auch das , was mehr Anstoß gibt als alles andere : sein Mangel an Gesinnung . « » Ist denn Kirch-Göritz der Ort , solche Schäden aufzudecken ? « » Ein jeder Ort , möcht ich meinen , ist dazu geschickt . Und Faulstich hält nicht hinterm Berge . Er bekennt sich offen zu seinem Sybaritismus , zu einer allerweichlichsten Bequemlichkeit , die von nichts so weit ab ist als von Pflichterfüllung und dem kategorischen Imperativ . Er kennt nur sich selbst . Alle Großtat interessiert ihn nur als dichterischer Stoff , am liebsten in dichterischem Kleide . Eine Arnold-von-Winkelried-Ballade kann ihn zu Tränen rühren , aber eine Bajonettattacke mitzumachen würde seiner Natur ebenso unbequem wie lächerlich erscheinen . « » Das teilt er mit vielen . Es ließe sich darüber streiten , ob das ein Makel sei . «