» So weit dürfen wir es nicht kommen lassen , « sagte ich , trotz meiner Sorgen unwillkürlich über Hans ' gutmüthig-blinden Eifer lächelnd . » Wir müssen ihn vorher benachrichtigen ; wir müssen vorher an ihn kommen ; wir müssen den ganzen Plan , den man auf Pinnow ' s und Jochen ' s schurkische Verrätherei gebaut hat , zerstören . Aber wie ? nur wie ? « » Ja , wie ? « sagte Hans , indem er sich nachdenklich die Stirn rieb . Wir - oder vielmehr ich , denn Hans begnügte sich , den eifrigen Zuhörer zu machen und mir fortwährend einzuschenken , vermuthlich , um meiner Erfindungskraft zu Hülfe zu kommen - entwarfen hundert Plane , von denen der eine immer weniger ausführbar war , als der andere , bis ich zuletzt auf den folgenden verfiel , der sich denn , wie übrigens die andern auch , der vollsten Zustimmung des guten Hans erfreute . Wenn man die Absicht hatte , Herrn von Zehren auf frischer That zu ergreifen - und wie konnte ich nach Christel ' s Mittheilung daran zweifeln ? - so war die größte Wahrscheinlichkeit , daß man ihm , wie das in diesen Affairen immer die Praxis war , einen Hinterhalt gelegt hatte . Dieser Hinterhalt konnte nur auf einem Wege liegen , in den man ihn geflissentlich lockte , oder den er nothwendig kommen mußte . Ueber den erstern Fall war selbstverständlich nichts vorher auszumachen ; für den letztern Fall war mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen , daß der Hinterhalt in unmittelbarer Nähe des Hofes lag . In jedem Falle mußte man suchen , so früh wie möglich zu ihm zu gelangen . Hier aber gab es nur ein Mittel . Man mußte mit Pinnow zugleich aussegeln , das heißt , man mußte sich , da der Alte so bedenkliche Passagiere gutwillig gewiß nicht mitnehmen würde , die Mitfahrt erzwingen . Wie das in ' s Werk zu richten sei , konnte nur dem Zufall überlassen bleiben ; die Hauptsache war , daß wir zur rechten Zeit in Zanowitz waren . Vor Einbruch der Dunkelheit segelte Pinnow jedenfalls nicht , denn die Schmuggler-Jacht würde ohne Zweifel erst unter dem Schutze der Dunkelheit , und zwar dann so nahe als möglich , herankommen . Waren wir erst einmal an Bord , mußte sich das Weitere finden . Dann wurde ein zweite Frage erörtert . Daß es so oder so ohne Gewalt nicht abgehen würde , daran zweifelte weder Hans noch ich . Mit Gewehren war im Dunkeln nichts zu machen , noch weniger mit Hirschfängern oder Jagdmessern gegenüber Pinnow und seinen Gesellen , die alle Messer führten und Messer jedenfalls besser zu gebrauchen wußten als wir . Es mußten also Pistolen sein . Hans hatte ein Paar ; ein Paar reichte nicht ; in Herrn von Zehrens Zimmer hing ein anderes . Sie mußten herbeigeschafft werden . Ueber Konstanzens Verbot , das Haus vor der Rückkehr des Vaters nicht wieder zu betreten , setzte ich mich leicht weg ; hier standen höhere Interessen auf dem Spiel ; hier handelte es sich um Tod und Leben . Ja , es fragte sich , ob es nicht wohlgerathen wäre , Fräulein von Zehren wenigstens einen Wink zu geben ; doch nahmen wir davon Abstand , weil sie schließlich uns nicht helfen konnte und sich also nutzlos ängstigen würde . Dagegen schien es rathsam , den alten Christian , auf den man sich wohl jedenfalls verlassen durfte , in ' s Vertrauen zu ziehen . Wir konnten mit ihm ein Zeichen verabreden : ein Licht in einem der Giebelfenster , oder etwas derart , wodurch er uns , im Falle wir unangefochten bis nach Zehrendorf gelangten , schon von weitem benachrichtigen konnte , ob auf dem Hofe und um den Hof herum die Luft rein sei oder nicht . Es war zwei Uhr geworden , als wir in unsern Beratungen so weit gekommen waren ; bis zur Dämmerung hatten wir mindestens noch drei Stunden , während derer wir uns in Geduld fassen mußten , - eine schwere Aufgabe für mich , in dessen Adern das Fieber der Ungeduld brannte . Hans machte den liebenswürdigsten Wirth . Er holte seine besten Cigarren und seinen besten Wein ; er war gesprächig , wie ich ihn noch nie gesehen ; die Aussicht auf ein Abenteuer so ernster Natur , wie es uns bevorstand , schien ihn wohlthätig aus seiner gewöhnlichen Lethargie aufgerüttelt zu haben . Er erzählte die unendlich einfache Geschichte seines Lebens : wie er seine Eltern früh verloren , wie man ihn in die Provinzial-Hauptstadt in Pension gegeben , damit er das Gymnasium besuchen könne , auf welchem er es im siebzehnten Jahre glücklich bis zur Unterquarta brachte . Dann war er Oekonom geworden , hatte , als er mündig wurde , sein Erbgut übernommen , und da lebte er nun sechs Jahre - er stand jetzt in seinem dreißigsten - still und harmlos , sein Geschoß nur auf des Waldes ( und des Feldes ) Thiere richtend , sein Korn bauend , seine Schafe scheerend , seine Cigarre rauchend , seinen Wein trinkend und sein Spiel spielend . Es gab nur eine Romantik in diesem prosaischen Leben , das war seine Liebe für Konstanze . Konstanze sehen , sie lieben und immer weiter lieben , trotzdem er sich über die Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft längst vollkommen klar war , und diese hoffnungslose Leidenschaft , so gut es gehen wollte , im Wein ertränken - das war des armen Jungen Schicksal . Er nahm es mit vollkommener Seelenruhe hin , überzeugt , wie er war , daß er nicht der Mann sei , sich sein Schicksal selbst zu machen , so wenig , wie er sich seine Schularbeiten jemals hatte selbst machen können . Weshalb oder für wen sollte er sich in mühseliger Arbeit quälen ? Für sich selbst ? Er hatte für den Augenblick , was er brauchte , und eine Zukunft gab es für ihn