das nun und nimmer passieren dürfen ! ... Ich begreife nicht , wie mein seliger Mann , ohne die mindeste Sicherheit in der Tasche , die alte Person unter dem Dache so ohne alle Aufsicht hat schalten und walten lassen ! « Der Professor war , die Hände auf den Rücken gelegt , schweigend hin und wieder gegangen . Auf seiner Stirne lag eine düstere Wolke , und unter den gefurchten Brauen hervor zuckten Blitze der Entrüstung nach seiner Mutter hinüber . Jetzt blieb er vor ihr stehen . » Wer hat es denn durchgesetzt , daß die alte Tante hinauf unter das Dach verwiesen worden ist ? « fragte er ernst und nachdrücklich . » Wer hat den damaligen Chef des Hauses , meinen Vater , in seiner Abneigung gegen sie bestärkt , und wer ist unerbittlich streng gegen eine Annäherung der alten Verwandten an uns Kinder gewesen ? ... Das warst du , Mutter ! ... Wenn du erben wolltest , dann mußtest du ganz anders handeln ! « » Nun , du meinst doch nicht etwa , ich hätte mich zu ihr auf einen guten Fuß stellen sollen ? Ich , die ich im Herrn gewandelt bin mein lebenlang , und diese schuldbeladene Person , die den Sonntag entheiligte , die nie im wahren Glauben gelebt hat ! - sie wird jetzt wissen , daß sie vor dem Angesicht des Herrn auf ewig verstoßen ist ... Nein , dazu hätte mich keine Macht der Erde gebracht ! ... Aber sie mußte für unzurechnungsfähig erklärt und unter Kuratel gestellt werden , und dazu hätten deinem Vater tausend Mittel und Wege zu Gebote gestanden . « Das Gesicht des Professors wurde ganz blaß ; er warf einen tief erschrockenen Blick auf seine Mutter , dann nahm er stillschweigend seinen Hut und ging hinaus ... Er hatte eben in einen Abgrund geblickt ... Und dieser starre Buchstabenglaube , dieser entsetzliche christliche Hochmut , unter welchem ein bodenloser Egoismus mit dem Anschein vollster Berechtigung wuchern durfte , sie waren ihm viele Jahre lang ein Glorienschein gewesen , der das Haupt seiner Mutter umstrahlt hatte ! ... Das war der Frauencharakter , den er so lange als das Urbild der Weiblichkeit festgehalten ! Er mußte sich eingestehen , daß er einst auf demselben Boden gestanden , wie seine Mutter und der Führer seiner Jugend , ja , sie hatten ihm kaum genug gethan in Unduldsamkeit und Glaubensstrenge ; auch er war damals ein rastloser Kämpfer gewesen , um diese Partei zu einer mächtigen zu machen , er hatte um Seelen geworben und sie in sein Bereich zu ziehen gesucht , in der starren Ueberzeugung , daß er sie dem ewigen Heil zuführe ... Und jene arme , schuldlose Waise mit dem Köpfchen voll klarer , idealer Gedanken , mit dem stolzen , rechtschaffenen , tiefsinnigen Gemüt - er hatte sie mit harter Hand gepackt und in jene lichtlose , tödlich kalte Region gestoßen ... Wie mußte sie gelitten haben , die süße Nachtigall unter - den Raben ! ... Er legte die Hand über die Augen , als ob ihm schwindle , stieg langsam die Treppe hinauf und verschloß sich in sein einsames Studierzimmer . Während dieser Verhandlungen im Wohnzimmer spielte in der Gesindestube des Hellwigschen Hauses eine ähnliche Szene der Aufregung und Entrüstung . Die alte Köchin lief mit fliegenden Haubenbändern auf und ab , als werde sie gejagt ; Heinrich aber stand vor dieser weiblichen Gemütsbewegung unerschütterlich wie der Fels am Meere . Er war im Sonntagsstaat , und sein Gesicht zeigte ein seltsames Gemisch von Freude , Wehmut und Laune . » Du mußt nicht etwa denken , daß ich neidisch bin , Heinrich , das wär ' ja unchristlich ! « rief Friederike . » Ich gönn ' dir ' s wirklich ! ... Zweitausend Thaler ! « Sie schlug die Hände zusammen , rang sie und ließ sie zusammengefaltet wieder sinken . » Du hast mehr Glück als Verstand , Heinrich ! ... Du lieber Gott , was hab ' ich mich geplagt mein lebenlang , wie bin ich fleißig in die Kirche gegangen , im Winter , in der strengsten Kälte , wie hab ' ich zum lieben Gott gebetet , er solle mich doch auch einmal so glücklich machen - nichts , gar nichts hat mir ' s geholfen , und dem Menschen da fällt so ein unmenschliches Glück zu ! ... Zweitausend Thaler , das ist ja ein Heidengeld , Heinrich ! ... Aber eines will mir dabei noch nicht recht in den Kopf - kannst du denn das Geld auch mit gutem Gewissen-annehmen ? Eigentlich durfte dir die alte Mamsell keinen Pfennig vermachen , denn was da ist , gehört von Gott und Rechts wegen unserer Herrschaft ... Wenn man ' s recht bei Licht besieht , stiehlst du ja förmlich das Geld , Heinrich ; ich weiß doch nicht , was ich an deiner Stelle thäte - « » Ich nehm ' s , ich nehm ' s , Friederike , « sagte Heinrich in völliger Gemütsruhe . Die alte Köchin lief in die Küche und schlug krachend die Thür hinter sich zu . Das Testament der alten Mamsell , das so heftige Stürme im alten Kaufmannshause hervorrief , war bereits vor zehn Jahren auf dem Justizamte niedergelegt worden . Es lautete , von der Testatorin selbst aufgesetzt , nach dem üblichen Eingange , im wesentlichen folgendermaßen : » 1. Im Jahre 1633 hat Lutz von Hirschsprung , ein Sohn des von schwedischen Soldaten ermordeten Adrian von Hirschsprung , die Stadt X. verlassen , um sich anderweitig anzusiedeln . Dieser Seitenlinie des hier erloschenen alten thüringischen Rittergeschlechts vermache ich : a ) dreißigtausend Thaler aus meinem Barvermögen , b ) das goldene Armband , in dessen Mitte einige altdeutsche Verse , umgeben von einem Blumenkranze , eingraviert sind , c ) das Bachsche Opernmanuskript ; es ist meiner Handschriftensammlung berühmter Komponisten einverleibt , liegt in der Mappe Nr. 1 und trägt den