gefiel sich darin selber . Noch ehe sie sich in das Schlafgemach zurückzog , gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung , ihr für den Morgenanzug verschiedene Zierathen und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit zu legen . Auch das war eine Neuerung . Die Huldigung und die Bewunderung , welche die Männer in der Residenz und am Hofe ihr gezollt , hatten sie völlig kalt gelassen , die bloße Erscheinung der Herzogin regte sie auf ; denn sie gehörte zu jenen Frauen , die weniger durch die Neigung für den Mann als durch die Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet werden , weil sie nicht einem Andern , sondern sich selbst genügen wollen , und die nicht lieben können ohne rückblickenden Vergleich auf sich , ja , die oft , ohne es zu wissen , sogar auf die Bewunderung eifersüchtig sind , welche sie einer Andern zollen . Ueber dem Antheile , den man an der Herzogin nahm , hatte man ihres Bruders beinahe vergessen , obschon sich in dem Marquis das Bestreben , zu gefallen und die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Andern auf sich zu ziehen , unverkennbar kund gab . Gelang ihm dies , so war er lebhaft und voll guter Laune , beschäftigte man sich nicht mit ihm , so versank er in eine Zerstreutheit , in eine Gleichgültigkeit , die es klar verriethen , daß er wohl die Rücksicht auf Andere , aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen könne . Er war dreißig Jahre alt und sah noch jünger aus . Seine mittelgroße Gestalt war leicht und fein , sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes , und auf eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprünglich auch wohl abgesehen . Er sah ein wenig bleich , ein wenig ermüdet aus , aber er trug den Degen , den kleinen Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit , er scherzte und bewegte sich so heiter , daß man Mühe hatte , an seine Kränklichkeit zu glauben , von welcher die Herzogin stets sprach , oder ihre Sorgfalt für ihn so nothwendig zu glauben , als sie dieselbe darzustellen liebte . Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar das Wichtigste auf der Welt . Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben . Er hatte , als der jüngste von mehreren Brüdern , kein Vermögen ; die Herzogin hatte für ihn gesorgt , und er überließ ihr diese Sorge auch jetzt und für die Zukunft . Freilich war es eine selbstsüchtige Liebe , welche sie für den Bruder hegte , denn sie wünschte sich in ihm einen Gesellschafter zu erhalten , der ihr angehörte und ihr doch völlige Freiheit ließ ; aber sie mußte es wenigstens verstanden haben , ihm die Bande leicht und die Abhängigkeit lieb zu machen , in denen sie ihn gefesselt hielt . Er war ausgewandert , weil die Herzogin es so gewollt hatte , und diese war umsichtig genug gewesen , die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten . Bald nach dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Capitalien flüssig gemacht und in sicheren Händen außer Landes niedergelegt . Weil man aber nach der Flucht aus Frankreich auf eine schnelle Rückkehr in die Heimath gerechnet , so hatte die Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und fürstliche Leben fortgeführt , und der Augenblick war denn , da man an die Heimkehr nicht denken konnte , schnell genug gekommen , in welchem es sich absehen ließ , wann sie mit ihrem Bruder sich mittellos , wie so viele ihrer französischen Standesgenossen , aller Noth der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden würde . Da hatte sie zum ersten Male eine große Verzagtheit überfallen , und in ihren eigenen Verhältnissen und Verbindungen umherschauend , hatten ihre Gedanken sich auf den Freiherrn von Arten gerichtet . Daß sie bei diesem Manne sich keiner abschlägigen Antwort versehen durfte , wenn sie im Namen ihrer Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm , davon hielt sie sich überzeugt , und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht , ja , sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden . Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt : sie hatte die Bedeutung der Baronin unterschätzt und , nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell erkannt , sich nicht der Hingebung versehen , welche Angelika ihr seit der Stunde ihrer Ankunft entgegenbrachte . Die Baronin hatte den guten Geschmack , ihren Gästen nicht gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien , mit denen man , seit der Baron verheirathet war , ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte , anzubieten , oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen für sie vorzubereiten . Denn wem man das Gute , das man besitzt , alles auf einmal und gleich bei seiner Ankunft darbringt , dem giebt man damit unwillkürlich zu verstehen , daß man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte ; wem man aber die Zeit läßt , sich erst heimisch in dem Hause zu machen , dessen Gast er sein soll , wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben läßt , dem gewährt man die Möglichkeit , sich allmählich anzueignen , was ihm von dem Nächstliegenden wünschenswerth ist , und sich selbst nach demjenigen umzuschauen , was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt . Das Leben im Schlosse gewann nun auf diese Weise plötzlich einen neuen Mittelpunkt und das Alltägliche in demselben eine veränderte Bedeutung , weil man es mit dem Hinblicke auf die Gäste ansah und bedachte , und weil durch das Zusammensein einer größeren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls mehr Raum geboten wurde , als bisher . Der Freiherr und seine Gattin und der Caplan kannten einander so genau , Jeder wußte mit nie irrender Zuversicht , was er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte . Was man besaß , hatte man genossen , und